Offener Brief macht Druck auf die Kongress-Veranstalter: Journalistinnen kritisieren die "Medientage München"

 

Die Quotendebatte in den Medien macht vor dem wichtigsten Branchenkongress, den "Medientagen München", nicht Halt. Vertreterinnen von Chancengleichheit - BJFrau, von ProQuote Medien, dem Journalistinnenbund und vom Verein Webgrrls.de werfen in einem Offenen Brief den Veranstaltern unausgewogene Podien vor - und bieten sich bei der Referentinnen-Suche an. 

Die Quotendebatte in den Medien macht vor dem wichtigsten Branchenkongress, den "Medientagen München", nicht Halt. Vertreterinnen von Chancengleichheit - BJFrau, von ProQuote Medien, dem Journalistinnenbund und vom Verein Webgrrls.de werfen in einem Offenen Brief den Veranstaltern unausgewogene Podien vor - und bieten sich bei der Referentinnen-Suche an. 

Adressiert ist der "Offene Brief" an die Geschäftsführer der Medientage München, Johannes Kors, Christopher Tusch und Reiner Müller. Hier der Wortlaut des Schreibens:

"Sehr geehrter Herr Kors, sehr geehrter Herr Müller, sehr geehrter Herr Tusch,

die Medientage in München haben Vorzeigecharakter. Sie sollen Medienschaffende von der Vorstandsebene bis zu den Nachwuchskräften ansprechen. Medienberufe ziehen zu einem erheblichen Anteil Frauen an; in den journalistischen Vereinigungen sind sogar mehr als die Hälfte der Mitglieder weiblich. Auch im Medienmanagement finden sich immer mehr Frauen. Schade, dass sich diese Realität nicht in Ihrer Veranstaltung widerspiegelt.

Mit großer Verwunderung haben wir die Ankündigung zur diesjährigen Eröffnung der Medientage München zur Kenntnis genommen:

'Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Telekom, Timotheus Höttges, hält die Keynote … Ein weiteres Highlight wird auch eine Keynote von Will Keenan, President Endemol beyond USA, sein…. Der Fernseh-Gipfel, der in diesem Jahr den bisherigen "Mediengipfel" ersetzt, wird von Klaas Heufer-Umlauf moderiert. Über die Frage, welche Inhalte auf den Screens im Wohnzimmer laufen und welcher Bildschirm zum "First Screen" avanciert, diskutieren Nico Hofmann (UFA Fiction), Christoph Krachten (Mediakraft Networks), Wolfgang Link (ProSiebenSat.1 TV), Lutz Marmor (ARD/NDR) und Brian Sullivan (Sky Deutschland).'

Die einzige Frau, die im Rahmen der Eröffnungsveranstaltung auftreten wird, ist die bayerische Wirtschaftsministerin Ilse Aigner. Die Besetzung der übrigen Gipfel und Podien lässt in Bezug auf weibliche Teilhabe nichts Besseres erwarten – denn der Anteil der Podiumsteilnehmerinnen beim größten deutschen Medienkongress liegt leider seit Jahren konstant bei weit unter 20 Prozent.

Intendantinnen und Senderchefinnen, Programmdirektorinnen und Chefredakteurinnen, Justiziarinnen und Medienpolitikerinnen, Autorinnen und Werbefachfrauen, Technologie-Expertinnen und Web-Spezialistinnen – es gibt sie, aber sie kommen bei den MTM kaum vor. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass mit Miriam Meckel und Ines Pohl zweimal eine Frau die "Elefantenrunde" zum Start moderieren durfte – denn die Elefanten bleiben fast ausnahmslos männlich. Die seit Jahren virulenter werdende Diskussion um mehr Frauen in Führungspositionen, nicht nur, aber auch in den Medien – an den Medientagen München scheint sie vorbei zu gehen.

Wenn in den Panels eine Frau auftaucht, wird das offensichtlich als ausreichend betrachtet. Dabei zeigen die Burda-Konferenz "DLD Women" ebenso wie Veranstaltungen von Journalistinnenbund, von Digital Media Women, von webgrrls oder von ProQuote Medien eindrücklich: Es gibt eine Vielzahl kompetenter Frauen, und sie sind gerne bereit, als Keynote-Speakerinnen aufzutreten und an Diskussionen teilzunehmen. Netzwerk Recherche oder re:publica haben zuletzt bewiesen, dass es auch bei Konferenzen, die nicht von Frauennetzwerken organisiert werden, möglich ist, Podien weitgehend paritätisch zu besetzen.

Die Zeiten der Alibi-Frauen sind vorbei: Wir fordern eine paritätische Besetzung der Podien! Wir und die Kolleginnen, die sich in unseren Netzwerken engagieren, haben keine Lust mehr auf Männer, die glauben, die (Medien-)Welt erklären zu können. Dabei fehlen die abweichenden Meinungen, die anderen Rollenbilder, der weibliche Blick aufs Geschehen. Übrigens gibt es auch unter Männern schon viele, die das genauso sehen und ungern an einseitig besetzten Panels teilnehmen.

Seit Jahren sprechen viele aus unseren Kreisen die mangelnde Frauenpräsenz bei den MTM Ihnen gegenüber immer wieder an. Leider ohne Erfolg. Wir machen daher unsere Forderung öffentlich, als Pressemitteilungen und in den sozialen Netzwerken, wo das Thema intensiv diskutiert wird.

Möglicherweise gelingt es Ihnen noch für dieses Jahr, entsprechende Weichenstellungen vorzunehmen. Bei der Suche nach geeigneten Keynote-Speakerinnen und Diskutantinnen für Podien und Workshops sind wir Ihnen gerne behilflich – denn wir wissen: Es gibt sie, die klugen, hochprofessionellen Frauen in den Medien, die etwas zu sagen haben. Auch während der Medientage München diskutieren wir darüber gerne mit Ihnen und Ihren Kooperationspartnern.

Wir freuen uns auf Ihre Antwort auf diesen Offenen Brief.

Mit freundlichen Grüßen,

Chancengleichheit - BJFrau  – Gisela Goblirsch, erste Vorsitzende

Journalistinnenbund – Andrea Ernst, Vorsitzende

ProQuote Medien – Kathrin Buchner, Vorstandsmitglied

webgrrls.de e.V. – Sandra Becker, geschäftsführender Vorstand"

 

Stellungnahme der "Medientage München"

Update. In einer Entgegnung auf den Offenen Brief nehmen die "Medientage München" wie folgt Stellung:

"Die Medientage München befürworten sehr die Besetzung von Frauen auf den Fachpodien. Für die Eröffnungspanels der Medientage haben wir uns jetzt und auch in der Vergangenheit sehr bemüht, Vertreterinnen der Medienbranche zu gewinnen. Das gilt auch für den TV-Gipfel, an dem wir beispielsweise mit Shahrzad Rafati, Broadband TV, eine sehr renommierte Expertin eines internationalen Medienunternehmens gewinnen konnten. Die Tagesmoderation für Mittwoch, den 22. Oktober, und damit auch für die Eröffnungsveranstaltung übernimmt in diesem Jahr die Fernseh- und Radiomoderatorin Jeannine Michaelsen.  

Die Medientage München als Europas größte Medienmesse sind ein Spiegelbild der Branche. Wir begrüßen eine starke Rolle von Frauen in der Medienbranche und wünschen uns einen höheren und ausgewogeneren Anteil von weiblichen Entscheidern in der Medienbranche sowie auf Diskussions- und Branchenforen wie den Medientagen München. Übrigens ist das Thema Frauen in den Medien auch in unserem Programm 'Frauen in Männerdomänen' vertreten – gerade mit dem speziellen Bereich der Sportberichterstattung.

Wir haben derzeit bereits über 60 weibliche Expertinnen als Referentinnen auf den Podien; von den rund 80 Panels sind 55 auch mit weiblichen Teilnehmern besetzt. Und der hochkarätige Content-Gipfel, die Abschlussveranstaltung der Medientage München ist mit drei Herren und drei Damen besetzt."

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