Flammende Rede für unabhängigen Journalismus: Ziesemer für mehr Recherche und weniger Kuration

03.09.2014
 

Bernd Ziesemer, langjähriger Chefredakteur des "Handelsblatt", hat sich in die Debatte um die Zukunft des Journalismus eingebracht. "Eine Gefahr für unabhängige Medien entsteht erst dann, wenn sie anfangen, ihre Unabhängigkeit zu verlieren", sagte Ziesemer in einer Rede in Berlin. "Native Advertising" sei "die größte Gefahr, die es jemals für seriösen Journalismus gab".

Bernd Ziesemer, langjähriger Chefredakteur des "Handelsblatt", hat sich in die Debatte um die Zukunft des Journalismus eingebracht. "Eine Gefahr für unabhängige Medien entsteht erst dann, wenn sie anfangen, ihre Unabhängigkeit zu verlieren", sagte Ziesemer in einer Rede in Berlin. "Native Advertising" sei "die größte Gefahr, die es jemals für seriösen Journalismus gab".

Ziesemer sprach bei der Podiumsdiskussion "Journalismus zwischen Content und Crowd", zu dem die rheinland-pfälzische Staatsministerin Margit Conrad gemeinsam mit dem Mainzer Medien-Disput in die Landesvertretung Rheinland-Pfalz in Berlin eingeladen hatte. "newsroom.de" hat die Rede "Wer ist King in der Content-Produktion?" im Original dokumentiert.

Ziesemer warnt schon seit längerem vor dem "Pyrrhussieg" der Schleichwerbung: "Wenn sich Werbeinhalte im redaktionellen Umfeld wie journalistische Inhalte gerieren, verlieren letztlich beide Seiten: Die Medien ihre Unabhängigkeit und damit ihre eigentliche gesellschaftliche und ökonomische Daseinsberechtigung – und die beteiligten Unternehmen ihre Reputation." Je erfolgreicher die Schleichwerbung seriöse Medien durchdringe, umso mehr schaufele sich letztlich ihr eigenes Grab. Der Parasit bringe am Ende sein eigenes Wirtstier um.

"Einige Verlage sind tot, laufen aber noch als Scheintote herum"

"Viele Verlage begehen derzeit Selbstmord aus Angst vor dem Tod. Einige sind bereits tot, laufen aber noch als Scheintote herum", so Ziesemers besorgniserregende Beobachtungen. Die so genannten "neuen Vermarktungsmethoden" seien nicht nur journalistisch verwerflich, sondern letztlich auch ökonomisch erfolglos, unterstrich er. Wer sich billig mache, um kurzfristig Geld zu verdienen, ruiniere mittelfristig seine eigene Geschäftsbasis.

"Wieso sollen Leser künftig Geld für Publikationen ausgeben ..."

"Kann mir irgendjemand auf dem heutigen Podium erklären, wieso Leser künftig Geld für Publikationen ausgeben sollen, die qualitativ immer schlechter werden und deren Inhalte zunehmend mit verdeckter Werbung aller Art durchmischt sind?", fragte Ziesemer in Berlin. Genau das sei aber die entscheidende Frage, die man in der jetzigen Medienkrise beantworten müssen: "Für welche journalistischen Inhalte wollen Leser künftig noch Geld bezahlen?" Die leidige Diskussion Print-Online, die gegenwärtig noch mal mit lautem Getöse beim "Spiegel" ausgefochten wird, langweilt Ziesemer dagegen zu Tode.

Zum Schluss seiner Rede fragte Ziesemer, was eigentlich Journalismus sei. "News is what someone somewhere wants to supress – the rest is advertising": Dieser alte angelsächsische Spruch gelte heute mehr denn je. Sein alter Freund, der "Bilanz"-Herausgeber Arno Balzer, so Ziesemer weiter, habe kürzlich den schönen Spruch hinzugefügt: "Recherchieren statt kuratieren". Ziesemer findet, dass Balzer damit verdammt recht hat: "Wir müssen als Journalisten wieder mehr übers Recherchieren und weniger übers Kuratieren von Nachrichten reden. Dann muss uns um unabhängigen Journalismus nicht bang sein."

Ziesemer schreibt derzeit als freier Autor für das "Handelsblatt", "WiWo", "Bilanz" und andere. 

Ihre Kommentare
Kopf

Ulrich Saake

04.09.2014
!

Besser und eindeutiger hat es in den letzten Jahren keiner eindeutiger formuliert.
Die Aussage von Herrn Ziesemer ...Wer sich billig mache... ist genau auf den Punkt gebracht. Eigentlich müsste doch so mancher Verleger bei dieser Aussage oder bei dem Bericht ins Grübeln kommen. Glaube ich aber nicht, da sie alle weiter "wursteln"


Karl Kraut

04.09.2014
!

Ziesemer benennt viele Probleme, ordnet sie ein und bewertet sie mutig. Eines lässt er jedoch aus: Warum ist es bisher nicht gelungen, die mutmassliche Zahlungsbereitschaft des Publikums für journalistische Leistung tatsächlich in ein digitales Geschäftsmodell zu giessen? Warum macht keine deutschsprachige Website Gewinn aus dem Verkauf ihrer journalistischen Produkte? Wer hat hier wo versagt – und wie ließe sich dieses Versagen jetzt beheben?


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