Netflix-Chef Hastings und sein Deutschland-Plan: "Den Wettbewerb um die Zeit der Leute gewinnen"

17.09.2014
 
 

Die Streaming-Plattform Netflix ist in Deutschland angekommen und macht schon Partys wie die ganz Großen: Hunderte Gäste füllten am Dienstagabend die Komische Oper Berlin. "Da feiert ja RTL noch öffentlich-rechtlicher als die", raunte ein TV-Promi mit dem Cocktailglas in der Hand. Und tatsächlich: Der weltgrößte Video-on-Demand-Anbieter geht furchtlos an den deutschen Markt.

Die Streaming-Plattform Netflix ist in Deutschland angekommen und macht schon Partys wie die ganz Großen: Hunderte Gäste füllten am Dienstagabend die Komische Oper Berlin. "Da feiert ja RTL noch öffentlich-rechtlicher als die", raunte ein TV-Promi mit dem Cocktailglas in der Hand. Und tatsächlich: Der weltgrößte Video-on-Demand-Anbieter geht furchtlos an den deutschen Markt.

Seit Dienstagmorgen können sich auch deutsche Nutzer ohne Umwege direkt anmelden – und Filme, Serien oder Dokumentationen auf eine Vielzahl von unterschiedlichen Geräten streamen lassen. Netflix funktioniert auf dem Smart-TV genauso wie auf dem Tablet, dem Computer und vielen Spielekonsolen ab 7,99 Euro im Monat (kress.de berichtete).

Doch ob die Nutzer den Dienst annehmen? Schon das Pay-TV hat in Deutschland traditionell einen schweren Stand, mit Amazon, Watchever, Maxdome und Sky Snap gibt es harte Konkurrenz. Wie Netflix an die schwere Aufgabe herangeht, erzählte Gründer und Geschäftsführer Reed Hastings in einem Gespräch mit Journalisten, das wir hier gekürzt wiedergeben:

Wie können Sie Netflix, mit seinen weltweit 50 Millionen Abonnenten, auch zu einem Erfolg in Deutschland machen?

Reed Hastings: Deutschland ist der härteste Markt auf der ganzen Welt. Es hat das stärkste Free-TV, allein das ZDF hat ein jährliches Milliardenbudget. Uns ist klar, dass unser Hauptkonkurrent das Free-TV ist. Wenn du Donnerstagabend nach Hause kommst und einfach relaxen willst, kannst du so viele Dinge tun. Wir müssen deshalb den Wettbewerb um die Zeit der Leute mit guten Shows gewinnen. Wenn wir den Wettbewerb ein paar Mal pro Woche gewinnen, dann bleiben die Leute Netflix-Abonnenten. Wir konkurrieren gar nicht so sehr mit Maxdome, Watchever und Amazon Prime Instant Video, sondern vor allem um die Zeit der Menschen.

Wie viele Nutzer wollen sie erreichen, was halten sie für realistisch?

Hastings: Wir wollen mit Netflix in fünf bis zehn Jahren in einem Drittel der deutschen Haushalte sein. Warum wir so spät hierhin kommen, ist relativ einfach: weil Deutschland ein so großer, schwieriger Markt ist. Da braucht es viel Geld und Inhalte. Darum sind wir erst auf einfachere Märkte wie Dänemark und die Niederlande gegangen.

Wer hat entschieden, welche Serien und Filme Netflix hier zum Start anbietet?

Hastings: Wir haben ein bisschen Marktforschung betrieben: Was sagen die Leute im Netz? Was schauen sie im deutschen Fernsehen, was auf DVD und im Kino? So haben wir den deutschen Geschmack verstanden und einen Inhalte-Mix erstellt. Jetzt, wo wir gestartet sind, können wir genau verfolgen, was Leute wirklich schauen und besser und besser werden.

Netflix kann ich momentan nur online nutzen – ein großer Nachteil. Wann kommt die Möglichkeit, offline schauen zu können?

Hastings: Netflix soll sehr einfach bleiben. Klicken und gucken – und es funktioniert im W-LAN. Beim Downloaden fehlt dir irgendwann der Speicherplatz, du sammelst immer mehr Dateien. Okay, im Zug und im Flugzeug kann man Netflix momentan nicht nutzen. Aber in fünf bis zehn Jahren wird das Internet überall sein – auch in Zügen und Flugzeugen. Wir warten darauf und sind momentan am besten über W-LAN nutzbar.

Zum Auftakt waren manche Fans enttäuscht, weil es viele Filme und Serien im Netflix-Bestand längst auf anderen Plattformen gibt, teilweise sogar kostenlos. Was können Sie nachlegen?

Hastings: Wir haben viele Angebote, die es nur auf Netflix gibt. Unsere eigenen Serien wie "Orange is the new Black" zum Beispiel. Was danach noch kommen wird, entscheidet sich vor allem danach, was Nutzer jetzt nachfragen. Unsere Serie "Marco Polo" wollen wir aber auch im Dezember schon nach Deutschland bringen.

Gibt es bereits Partner für eigene Produktionen in Deutschland? Oder könnte Netflix gar ohne Unterstützung produzieren?

Hastings: In den USA haben wir immer mit Produktionsfirmen gearbeitet. Und auch in anderen Ländern produzieren wir längst: in Mexiko und in Kolumbien, in Norwegen und nun auch in Frankreich. Wir haben noch keine deutsche Serienidee, aber sind offen eine Eigenproduktion umzusetzen – mit einer deutschen Produktionsfirma, einem Regisseur und Schauspielern von hier.

Sie gehen auch technologisch voran. Wird es schon bald mehr Bewegtbild in Ultra-HD geben?

Hastings: All unsere Eigenproduktionen werden schon in 4K-Qualität produziert, momentan gibt es "Breaking Bad" und "House of Cards" in dieser Auflösung, auch die dritte Staffel von "Orange is the new Black".

Netflix setzt seine Expansion fort. Nach Paris und der Berliner Party ist Reed Hastings heute schon in Wien und danach in Zürich und Brüssel, um den Dienst vorzustellen und freizuschalten.

Interview: Jens Twiehaus

 

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