Ringier-Boss Marc Walder im "FAZ"-Gespräch: "Digitaler Vorsprung der USA ist kritisch für Europa"

30.09.2014
 

Marc Walder, der Vorstandschef des Schweizer Medienhauses Ringier, findet, dass Europa davorsteht, eine Medienrevolution zu verschlafen. "Wir hinken den Amerikanern bei der Digitalisierung unserer journalistischen Produkte um zwei Jahre hinterher", sagt Walder im Gespräch mit der "FAZ". "Die Radikalität des Vorgehens der Amerikaner hat man in Europa noch nicht erkannt", schlägt Walder Alarm.

Marc Walder, der Vorstandschef des Schweizer Medienhauses Ringier, findet, dass Europa davorsteht, eine Medienrevolution zu verschlafen. "Wir hinken den Amerikanern bei der Digitalisierung unserer journalistischen Produkte um zwei Jahre hinterher", sagt Walder im Gespräch mit der "FAZ" (Dienstagsausgabe). "Die Radikalität des Vorgehens der Amerikaner hat man in Europa noch nicht erkannt", schlägt Walder Alarm. Er nennt der "FAZ" fünf Punkte, die in seinem Haus wie auch in allen anderen Verlagen des Kontinents sofort begriffen und adressiert werden müssten:

"Erstens: Alles bewegt sich auf einen ausschließlich mobilen Zugriff auf unsere digitalen Angebote zu. Zweitens: Soziale Medien müssen viel stärker genutzt werden, um unsere Inhalte zu verbreiten." Drittens gelte es, viel stärker auf Videoformate zu setzen als bisher. "Viertens: Die Werbung muss kreativer werden. Die sogenannte Display-Werbung im Internet ist - radikal gesagt - tot. Die Zugriffsraten für die Werbebanner rund um die Inhalte stimmen nicht, die Preise erst recht nicht." Es gelte, über kreative Formen gesponserter Inhalte nachzudenken: "Ich weiß, dass das in vielen Häusern bisher als schwierig gilt, wahr ist aber, dass selbst die 'New York Times' darüber nachdenkt."

In Amerika wird in großem Stil in Technik investiert 

Als fünften Punkt nennt Walder den Zwang zu erheblichen weiteren Investitionen in die Technologie. "Der Bedarf hierzu wird in Europa bisher nicht erkannt. Der Erfolg von digitalem Journalismus basiert ganz wesentlich auch auf Technologie, auch wenn man dies hier nicht gerne hört." Das sehe in Amerika anders aus: "Neue Wettbewerber wie 'Buzzfeed' oder die 'Huffington Post' nehmen dort Millionen in die Hand, um ihre technische Basis zu modernisieren und ins Ausland zu expandieren. Das wird denen von den Investoren auch ganz deutlich gesagt." Wenn die europäischen Verlage nicht investierten, weil sie dazu finanziell schon nicht mehr in der Lage seien oder noch immer nicht den Willen hätten, ihre verbliebenen Kräfte für diese Investitionen zu mobilisieren, "dann kommen die großen Amerikaner und werden es tun".

Die zwei Jahre Vorsprung der Vereinigten Staaten in der digitalen Welt sind "kritisch für Europa". Entsprechend wichtig sei es, schnell darauf zu antworten. Gelinge der Sprung in die neue digitale Welt mit Social-Media-Einbindung und erheblich stärkerer Videonutzung nicht, drohe den klassischen europäischen Medienmarken Bedeutungsverlust und damit einhergehend die Möglichkeit, mit dem Angebotenen auch Geld zu verdienen.

"Die europäischen Konzepte der Newsrooms, in denen Zeitungen und die zugehörigen Internetangebote produziert werden, sind schon wieder überholt", notiert Walder den "FAZ"-Redakteuren Jürgen Dunsch und Carsten Knop ins Buch. Es gelte, Fachleute für soziale Netzwerke wie Facebook oder Instagram oder Twitter, für Videos, für die Analyse der Nutzerdaten in Echtzeit unter dem Stichwort "Big Data" und die zugehörige Technologie in die Mitte der Newsroom-Teams zu setzen. "Wenn wir das nicht machen, haben wir keinen modernen Newsroom."

Hintergrund: Marc Walder, 49, hat im Jahr 2008 die operative Führung von Ringier Schweiz & Deutschland übernommen, im April 2012 rückte er an die Konzernspitze. Ringier verlegt Zeitschriften wie "Blick", "Cash" und "Cicero". 

Ihre Kommentare
Kopf

Dr.Klaus Landfried

30.09.2014
!

Gut, dass Walder es so deutlich ausspricht. Denn jetut wird klar, dass der Gedanke der Qualität journalistischer Arbeit bei den erfolgreichen US Medien keine Rolle mehr spielt. Bericht und Kommentar zu trennen, seriöse Recherche, all das geht im beliebigen oder genauer: im sponsorgerechten oder werbergerechten "Content" unter. Auch der Wechsel von Worten, Sätzen, Denk-Logik in video-unterstützte Emotionslogik signalisiert, was droht: passend -for investors only- stinkende Propaganda. Brrr.


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