Burda-Magazine-Chef watscht die Branche ab: "Unsere Angebote sind nicht gut genug"

06.11.2014
 
 

Die miese Zahlungsmoral für journalistische Inhalte ist womöglich der mangelnden Kreativität der Verlage geschuldet. Kein Berater äußerte jüngst diese Vermutung, sondern ein Verlagsmann selbst. "Ich halte es für baren Unsinn, dass die Leute für Inhalte nicht zahlen", sagte der Geschäftsführer der Burda Magazine Holding, Gregor Vogelsang, bei der Burda net.night in Berlin. "Es kann auch einfach daran liegen, dass unsere Angebote nicht gut genug sind."

Die miese Zahlungsmoral für journalistische Inhalte ist womöglich der mangelnden Kreativität der Verlage geschuldet. Kein Berater äußerte jüngst diese Vermutung, sondern ein Verlagsmann selbst. "Ich halte es für baren Unsinn, dass die Leute für Inhalte nicht zahlen", sagte der Geschäftsführer der Burda Magazine Holding, Gregor Vogelsang, bei der Burda net.night in Berlin. "Es kann auch einfach daran liegen, dass unsere Angebote nicht gut genug sind."

Vogelsang zielte mit seiner Selbstkritik nicht auf die Redaktionen, sondern viel mehr auf die Marketing- und Vertriebsabteilungen. Medien müssten im Netz nicht nur besser schreiben, sondern auch "besser marketieren" und Kaufanreize schaffen. Schon heute sei der weltweite Markt der Inhalte milliardenschwer. Starkoch Jamie Oliver verdiene glänzend an online verkauften Rezeptideen - obwohl es Rezepte auch andernorts gibt.

Viele "Kassenhäuschen aufstellen"

Auch manche bunte Blätter verkauften sich gedruckt für 0,69 Euro genauso wie für 1,69 Euro. "Es ist ein rein ökonomisches Thema: Ich verpacke Dinge anders, ich klebe ein anderes Preisschild drauf. Ich wüsste nicht, warum das Online nicht funktionieren sollte." Vogelsang forderte auf dem Podium der net.night, veranstaltet von BurdaDirect, Verlage sollten möglichst viele Gelegenheiten schaffen, "Kassenhäuschen aufzustellen".

Die Möglichkeit dafür sieht Vogelsang genau jetzt, wo es den meisten gedruckten Zeitschriften noch gut geht. Seiner Ansicht nach seien die Kollegen von den Tageszeitung schon weiter, aber leider auch nur, weil bei ihnen der Druck höher ist: "Es kommt nicht von ungefähr, dass die Zeitungsverlage die Vorreiter sind: weil denen das Wasser schon bis zur Halskrause steht." Als Positiv-Beispiele für Paid Content nannte er die digitale Produktvielfalt der "New York Times" und hierzulande das kluge Marketing von "Handelsblatt"-Herausgeber Gabor Steingart, der seine Themen in seinem morgendlichen E-Mail-Newsletter klug und exklusiv verkaufe.

Nur auf Qualität kommt es an

Ein weiteres Erfolgsmodell saß Vogelsang auf dem Berliner Podium gleich gegenüber: die Stiftung Warentest in Person ihres Vorstands Hubertus Primus. Der äußerte die berechtigte Hoffnung, Auflagenrückgänge bei den Zeitschriften "Test" und "Finanztest" komplett durch Online-Angebote wettmachen zu können. Schon 32.000 Abonnenten zahlten online, zehn Prozent ihres Umsatzes mit Inhalten erziele die Stiftung im Netz. "Es muss ganz einfach zu bedienen sein und es muss Qualität sein", fasste Primus das Geschäftsmodell zusammen. Wer Bezahlinhalte anbiete, habe keine andere Wahl als diese über ihre Einzigartigkeit zu verkaufen: "Ich habe den Eindruck, dass es ausschließlich auf die Qualität ankommt - und dann zahlen die Leute."

Dass es schon heute mächtig schwer wird für die Verlagsbranche, die Qualität der Inhalte zu erhöhen und kreativer zu werden, merkte der ehemalige Geschäftsführer der WEKA Media Publishing, Kai Riecke an: Im schrumpfenden Markt mit journalistischen Inhalten sei die Qualität zurückgestellt worden. Darum sei es schwerer denn je, bei der Einführung von Bezahlangeboten den Kunden auch einen Mehrwert zu bieten.

Jens Twiehaus

 

Ihre Kommentare
Kopf
Christian Hoffmeister

Christian Hoffmeister

DCI Institute GmbH
Geschäftsführer

06.11.2014
!

Ich könnte Ihnen viel Gründe sagen Herr Vogelsang, warum es so nicht funktioniert! Und die regionalen Tageszeitungen sind genau der Beleg dafür, dass es so nicht klappen wird.
Viele Kassenhäuschen aufzustellen ist nur dann sinnvoll, wenn Sie vorher einen Raum schaffen, in den Menschen auch für Geld hinein wollen. Zudem ist es in der Internet-Welt eben ein Raum und nicht viele kleine
http://www.amazon.de/Think-new-Erfolgsstrategien-digitalen-Business/dp/3446442286/


Boris A. Glatthaar

Boris A. Glatthaar

angestellt und selbstständig
Chefredakteur und Journalist

06.11.2014
!

Herr Vogelsang, wenn das die Erkenntnisse sind, für die Verlagsmanager wie Sie bezahlt werden, frage ich mich, warum nicht Leute wie Sie im hohen Bogen an die Luft und fähige Journalisten auf Posten wie Ihren gesetzt werden. Ich meine jene Kolleginnen und Kollegen, die genau das, was Sie nun als Weisheit ausspucken, schon seit Jahren fordern, aber von Verlagsmanagern ungehört blieben, in ihren Möglichkeiten immer weiter beschnitten und schließlich im schlimmsten Fall ihre Jobs verloren haben.


Boris A. Glatthaar

Boris A. Glatthaar

angestellt und selbstständig
Chefredakteur und Journalist

06.11.2014
!

PS: Auch ich meine nicht allein die Redaktionen, sondern auch die Kreativität bei Marketing und Vertrieb. Schon vor Jahren haben etliche Journalisten (u.a. ich) ein unabhängiges Vertriebsmodell nach iTunes-Vorbild angeregt, bei dem sich User Medieninhalte aller Formate, Themen-, Interessen- und Verbreitungsgebiete für Centbeträge individuell und einfach zusammenklicken können – verlagsübergreifend. Aber die Verlage wollen anscheinend nur Pfründe sichern und lassen sich von Start-ups überholen.


Oliver Helbing

Oliver Helbing

helbingfinancials.de
Inhaber

06.11.2014
!

Lieber Herr Hoffmeister,
natürlich funktioniert "es" nur so, mit Qualität und Kreativität.
Hinzu kommt, dass in vielen Redaktionen und Verlagsleitungsbüros noch nicht angekommen ist, wie wichtig es ist, den digitalen Leser ernst zu nehmen. Kritische Kommentare werden als lästig empfunden. Statt dessen sollte man sich für jedes Feedback bedanken und die direkte Kommunikation mit dem Leser/User kultivieren. Dort liegen die Chancen des Online-Publishing. Das gilt auch für regionale TZ.
MFGOH


Ulf J. Froitzheim

Ulf J. Froitzheim

Redaktionsbüro UJF.biz
Freier Journalist

06.11.2014
!

@Christian Hoffmeister: Das Internet ist EIN Raum? Interessante Erkenntnis. Die haben Sie wohl exklusiv. Wahrscheinlich ist es für Sie auch ein Buch mit EINEM SIegel. Aber einem ganz dicken.

SCNR


Ulf J. Froitzheim

Ulf J. Froitzheim

Redaktionsbüro UJF.biz
Freier Journalist

06.11.2014
!

Pardon, jetzt habe ich kapiert, wie Sie das vermutlich meinen. Sie reden nicht von einem Raum, den es schon gibt, sondern von einem Wunschtraum: Es sollte einen Online-Kiosk geben, an dem man Angebote aller Medienfirmen aus einer Hand kaufen kann. Dem kann ich natürlich zustimmen.


Boris A. Glatthaar

Boris A. Glatthaar

angestellt und selbstständig
Chefredakteur und Journalist

06.11.2014
!

Hallo Herr Froitzheim,

Online-Kiosk: Wichtig wäre, dass sich der User Einzelinhalte per One-Klick-Buying ziehen kann (s. m. Eintrag oben). "Bledle" ist eine Idee; ich denke aber an viel, viel mehr als an Texte, Fotos, Videos etc. Schon die derzeitigen Möglichkeiten des Digital Publishings sind enorm und bislang nicht annähernd ausgereizt. Wir als Journalisten müssen Visionen von Storys entwickeln und mit jeder Story auch technische neu definieren. Es ist ein irres Abenteuer!


Christian Hoffmeister

Christian Hoffmeister

DCI Institute GmbH
Geschäftsführer

06.11.2014
!

@ Froitzheim: Genau das Buch hat ein Siegel und dieses bleibt für mich für immer verschlossen. Habe es versucht zu öffnen, hatte aber nur einen Hammer und dachte das Siegel wäre ein Nagel. Umso besser, dass andere das Siegel schon geknackt haben. Und nun sitzen Sie am Kassenhäuschen und warten auf die ersten zahlenden Kunden. #wartenaufgodot.


Alexander Moulakakis

07.11.2014
!

Spannende Diskussion! Wir bieten einfachste Zahlungsmöglichkeiten mit Netzbetreibern an und ermöglichen den Artikelerwerb bereits ab 12 Cent.
Die Aussage von Herrn Vogelsang höre ich oft. "Ich müßte erstmal schauen, welchen Content ich überhaupt verkaufen könnte". Das ist das Grundproblem für jede Transaktion. Einzeltransaktionen sind oftmals nicht im strategischen Scope. Auch für digitalen Content gilt die Preis-Absatzfunktion! Google Trafic ist einfach zu monetarisieren, mit Inhalten!


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