Andrew Keens Gardinenpredigt auf dem DLD: "Uber-Chef Travis Kalanick ist ein Räuber-Baron"

 

"Das Internet ist narzisstisch. Es ist eine Selfie-Economy", so Andrew Keen. Mit markigen Worten las der Silicon-Valley-Kritiker und Buchautor ("Das digitale Debakel") auf Burdas DLD dem enthemmten Wirtschaftsliberalismus der Monopolisten und aufstrebenden Start-up-Entrepreneuren die Leviten. "Die Sharing-Economy züchtet eine gesellschaftliche Klasse heran - das Prekariat", sagte er. 

"Das Internet ist narzisstisch. Es ist eine Selfie-Economy", so Andrew Keen. Mit markigen Worten las der Silicon-Valley-Kritiker und Buchautor ("Das digitale Debakel") auf Burdas DLD dem enthemmten Wirtschaftsliberalismus der Monopolisten und aufstrebenden Start-up-Entrepreneuren die Leviten. "Die Sharing-Economy züchtet eine gesellschaftliche Klasse heran - das Prekariat", sagte er. 

Mit seinem aktuell bei der DVA verlegten Buch, für das er in München kräftig warb (und dafür selbst auch Twitter nutzt), möchte Keen zum Umdenken anregen - weg von einem digitalen Fortschrittsglauben, der sich idealistisch tarnt. Dabei möchte Keen das Rad der Zeit natürlich nicht zurückdrehen, sondern plädiert für eine geschärftes Bewusstsein und deutlich mehr Internet-Kontrolle. 

Internet-Nutzer werden zu Wirtschaftsobjekten degradiert

"Wenn wir keine Regulierer gehabt hätten, würde heute noch Elfjährige in Fabriken schuften", blickte er auf die Frühphase der Industrialisierung zurück. Die Parallelen zur Jetztzeit sind bei Keen düster. Das Internet, wie wir es kennen und schätzen gelernt haben, trage zur weltweiten Job-Krise bei und reduziere seine Nutzer durch "Big Data Packaging" nicht zu Nutznießern, sondern zur Objekten der wirtschaftlichen Ausbeutung und zur massenhaften systematischen Ausspähung.

"Die Revolution hat gerade erst begonnen", so Keen. "Deswegen müssen wir mehr Verantwortung zeigen." Leidenschaftlich machte er sich dabei für eine von staatlicher Seite und Aufsichtsbehörden wie der FCC organisierte gesetzliche Internet-Regulierung stark. "Die Old Economy war sicher nicht ideal, aber sie funktioniert innerhalb von gesetzlichen Regeln."

"Travis Kalanick kam im Jesus-Gewand"

Als Hauptgegner machte Keen dabei radikale Veränderer wie den Uber-Chef Travis Kalanick aus, der am Sonntag auf Burdas DLD mit überraschend milden Worten für sein milliardenschweres Tansportvermittlungsunternehmen, das gemeinhin als Taxi-Killer gilt, geworben hatte.

"Travis kam hierher - im Jesus-Gewand", spottete sein Kritiker, der Kalanick stattdessen als "Internet Bad Boy" bezeichnete. Zudem verglich er ihn mit den "Räuber-Baronen" des 19. Jahrhunderts, auf denen die klassische US-Wirtschaftserfolg beruht.

Tatsächlich hatte der Uber-Mitgründer durchaus geschickt die vermeintlichen Vorteile seiner Technologie herausgestrichen und sich europäischen Großstadtverwaltungen als Partner angedient - für eine Service-orientierte, umweltfreundliche Mobilitätslösung, die angeblich viele neue Arbeitsplätze generiere. Auf Nachfragen, wie viele Jobs die Uber-Technologie in klassischen Taxi-Unternehmen kosten könnte, blieb Kalanick wortkarg.

"Regulierung befördert Innovationen"

Andrew Keen plädierte als Gegenmodell für regulative Eingriffe, die angeblich die Internet-Zukunft erst wieder absichern könnten. "Wir brauchen Leute, die sich mit Google und Amazon anlegen - um Innovation möglich zu machen." Anders als Silicon-Valley-Investor und ebenfalls aktuell vielbeachteter Buchautor Peter Thiel ("Zero to One") sieht Keen es als gefährlich an, Monopole anzusteuern - auch weil diese angeblich innovativen Fortschritt behinderten. "Regulierung befördert Innovationen", lautet seine Gegenthese. 

Viviane Reding, ehemals EU-Kommissarin und selbst wieder einmal DLD-Gast in München sowie Moderatorin eigener Panels, dürfte das gerne gehört haben.

"Wir müssen reparieren, was wir selbst zerstört haben"

Bezogen auf die Medienwelt hält Andrew Keen rückblickend nichts von Versprechungen, die vor freien Entfaltungsmöglichkeiten für Kreative geschwärmt hatten. Die Krise etwa von Journalisten und Fotografen, die im Internet nichts bis wenig verdienen, sie hausgemacht - und war von ihm angeblich vorhergesehen. "Wir haben die Verantwortung dafür, das zu reparieren, was wir selbst zerstört haben."

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