Neues Abomodell bei taz.de: Warum "taz"-Chef Ruch auf Solidarität statt Bezahlschranke setzt

 

Die "taz" setzt bei der Finanzierung ihrer Online-Ausgabe auf die Solidarität ihrer Leser. 20.000 Leser sollen mit fünf Euro im Monat den kostenlosen Zugang aller zu den Artikeln der "taz" finanzieren. "taz"-Geschäftsführer Kalle Ruch am kress.de-Telefon:

Die "taz" setzt bei der Finanzierung ihrer Online-Ausgabe auf die Solidarität ihrer Leser. 20.000 Leser sollen mit fünf Euro im Monat den kostenlosen Zugang aller zu den Artikeln der "taz" finanzieren. "taz"-Geschäftsführer Kalle Ruch am kress.de-Telefon: "Solange die zwangsfinanzierten Angebote der Öffentlich-Rechtlichen online sind, wird die Bezahlschranke keine Chance haben."

1,5 Millionen Menschen lesen nach Angaben der "taz" jeden Tag Artikel aus der "taz", doch noch nicht einmal 100.000 Exemplare der "tageszeitung" setzt der Verlag über Abonnements und am Kiosk ab. Die meisten Leser hat die "taz" im Internet und die zahlen bislang eher wenig: Gerade einmal 325.000 Euro kamen seit 2011 durch die Kampagne "taz zahl ich" zusammen, bei der Online-Leser um einen Obolus gebeten wurden. Das soll sich mit dem neuen taz-Online-Abo ändern: 20.000 Leser will die "taz" dazu bewegen, fünf Euro im Monat zu zahlen. Aus Solidarität, damit auch künftig alle die taz online frei lesen können.

"Wir wollen das 'taz'-Prinzip ins Internet tragen"

"taz"-Geschäftsführer Kalle Ruch im Gespräch mit kress.de: "Was wir am besten können ist, Abonnenten zu werben und das tun wir jetzt auch online. Es gibt eine enge Bindung der Leser zur 'taz'. Die haben uns vom ersten Tag an bei Rettungskampagnen oder dem Solidarpakt unterstützt. Wir hatten immer relativ geringe Anzeigenumsätze und konnten das zumindest zum Teil durch das Engagement unserer Leser auffangen."

Ruch kennt die "taz"-Leser gut. Er weiß, dass die Online-Nutzer jünger sind als die Abonnenten, aber sich in ihren politischen Grundeinstellungen sehr ähnlich sind. Appelle an die Leser, die in Print-Zeiten erfolgreich waren, könnten auch in der Online-Ära funktionieren. Ruch setzt auf Freiwilligkeit und nicht auf eine Bezahlschranke. Solange die öffentlich-rechtlichen Sender online ein vergleichbares Angebot liefern, hätten Bezahlschranken keine Chance: "Wir wollen das 'taz'-Prinzip ins Internet tragen. Aus taz.de soll eine von den Lesern finanzierte Plattform werden." Die zur Zeit diskutierte Gemeinnützigkeit von Journalismus könnte ein solches Modell erleichtern, aber Ruch will nicht warten, bis sich die rechtlichen Bedingungen ändern.

Professorin Renneberg: "Das Modell der 'taz' wird nicht funktionieren

Solidarität der Leser? "Ich glaube nicht, dass das Modell der 'taz' funktionieren wird. Die 'taz' muss sich trauen ein richtiges Bezahlsystem einzuführen. Wenn die Leser der Ansicht sind, dass die Qualität stimmt, werden sie auch dafür zahlen", sagt Verena Renneberg, Professorin für Journalistik an der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft (HMKW) in Berlin am kress.de-Telefon. Auch bislang hätte die "taz" online auf ein freiwilliges Bezahlsystem gesetzt, "und dabei kam ja offensichtlich nicht genug Geld zusammen." Bei der neuen Kampagne sei zudem der Preis zu niedrig angesetzt: "Medien sollten nicht durch Spenden finanziert werden, sondern Angebote sein, die als Ware verkauft werden. Guter Journalismus hat seinen Preis und braucht auch einen gesellschaftlichen Stellenwert, der auch in seiner Finanzierung deutlich werden muss."

Dass die zwangsfinanzierte öffentlich-rechtlichen Sender es den Verlagen online schwer machen, sieht auch Renneberg. Sie fordert eine Reform der Anstalten: "Die Öffentlich-Rechtlichen sollten sich auf Bildung und hochwertige Informationen konzentrieren." Eine Freundin von Zwangsbeiträgen sei sie ohnehin nicht: "Jeder soll bekommen was er möchte und dafür bezahlen."

"Da muss noch mehr passieren": das Online-Bezahlmodell von "Substanz"

Nach diesem Prinzip funktioniert das vor einem Jahr von den beiden ehemaligen "Financial Times Deutschland"-Redakteuren Georg Dahm und Denis Dilba gegründete Wissenschaftsmagazin "Substanz" (kress.de berichtete). Zwei Artikel bei dem Wissenschaftsmagazin sind frei, wer mehr will muss zahlen, sagt Chefredakteur Georg Dahm: "Wir setzen auf ein Abo von neun Euro im Monat. Dafür erhalten unsere Leser eine große Wissenschaftsgeschichte in der Woche, zwischendrin auch ein paar kleinere Beiträge, und den Zugriff auf das Archiv." Alternativ könne auch ein Tagespass für drei Euro erworben werden.

Ziel sei es, sagt Dahm, eine Community aufzubauen. Eine dreistellige Abonnentenzahl konnte bereits aufgebaut werden: "Das ist gut, da muss aber noch mehr passieren." Seit einer Woche setzt Substanz jetzt auf die "metered paywall", um mehr Leser an das Magazin heranzuführen.  

Ihre Kommentare
Kopf

B.S.

09.03.2015
!

Die bösen "zwangsfinanzierten" Öffentlich-Rechtlichen sind schuld. Natürlich. Wer sonst? Es ist ja so herrlich bequem, sich auf diese Parole zu einigen - und ein zweites Mal ein vollkommen naives Bezahlmodell ("bitte, bitte, seid so lieb und gebt uns was") zu installieren. Viel Erfolg...


Peter

15.03.2015
!

Selbstverständlich sind Zwangsfinanzierungen daran schuld, dass in anderen Bereichen weniger Geld und damit auch weniger Ressourcen zur Verfügung stehen. Zum Beispiel in Bildung, Forschung und Infrastruktur. Und gebildete Menschen lesen mehr, während ungebildete eher Fernsehen schauen. Die öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland mit ihrer Konzentration auf Spitzeneinkommen ihrer Verwaltung und in ihrer oft billigen Unterhaltung setzen tatsächlich eine Fehlleitung von Ressourcen um.


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