Video-Livestream direkt über Twitter: Wie Meerkat den Journalismus revolutionieren möchte

11.03.2015
 
 

Sind Erdmännchen die Zukunft des Journalismus? Meerkat ist momentan die neueste Sensation im Netz. Auf Twitter posten tausende Nutzer täglich hunderte Links zu Livestream-Sessions. Im exklusiven kress.de-Interview erklärt Firmenchef Ben Rubin (Foto) die App,

Sind Erdmännchen die Zukunft des Journalismus? Meerkat ist momentan die neueste Sensation im Netz. Auf Twitter posten tausende Nutzer täglich hunderte Links zu Livestream-Sessions. Im exklusiven kress.de-Interview erklärt Firmenchef Ben Rubin die App, und sagt, warum Journalisten viel experimentieren sollten.

Fast scheint es, dass Meerkat-Nutzer inzwischen überall sind. Dabei fahren sie Cabrio und filmen sich dabei, sie warten auf die Vorstellung der Apple Watch und führen im Vorfeld Interviews, sie machen Aufnahmen von ihren Hundebabies und übertragen alles live ins Netz - und zwar direkt über Twitter. Und viele Menschen schalten ein. Doch wer steckt eigentlich hinter der neuen App, über die unter anderem das Wall Street Journal und das US-Tech-Blog The Verge berichtet haben? Was macht sie so besonders, und welchen Mehrwert bietet sie Journalisten und Medienmachern? Wir haben mit Firmenchef Ben Rubin über diese und andere Fragen gesprochen.

Kress.de: Meerkat wurde Ende Februar vorgestellt. Der Hype ist riesig. Wie viel Schlaf haben Sie in den letzten Tagen bekommen?

Ben Rubin: Drei Stunden pro Nacht. Doch das ist in Ordnung. Langsam aber sicher kriegen wir auch wieder mehr Schlaf.

Kress.de: Woran arbeiten Sie gerade, wenn Sie mal keine Interviews führen?

Ben Rubin: Momentan versuche ich mit dem Team daran zu arbeiten, Meerkat stabiler zu machen. Es war ja ursprünglich nur ein Nebenprojekt. Daran sitzen wir jetzt gerade. Ein Teil des Teams konzentriert sich aktuell auf die bevorstehende SXSW-Konferenz. Und natürlich versuche ich, so viele Interviews wie möglich zu führen.

Kress.de: Was für Pläne haben Sie für die SXSW?

Ben Rubin: Wir bauen eine spezielle Seite, die aus drei Komponenten besteht: Es wird ein Line-up geben, wo jeder sehen kann, wer zur Konferenz geht und Meerkat nutzt. Dann werden wir die Top 10 der geplanten Meerkat-Sessions auflisten. Und dann kann man sich noch anzeigen lassen, welche Meerkat-Livestreams die meisten Interaktionen haben. Also die meisten Zuschauer, die meisten Kommentare.

"Für uns ist Twitter die richtige Plattform"

Kress.de: Lassen Sie uns kurz über das Produkt sprechen. Wie fühlt es sich an, so stark auf eine Plattform angewiesen zu sein, die nicht Ihnen gehört? Schließlich setzt Meerkat vor allem auf Twitter als Verbreitungskanal.

Ben Rubin: Natürlich gehört uns Twitter nicht. Aber ich glaube, dass es ein tolles Unternehmen ist. Ich habe keine Angst, dass man uns Steine in den Weg legt - solange wir das Geschäftsmodell von Twitter nicht bedrohen.

Für uns ist Twitter einfach die richtige Plattform, um unser Produkt bekannt zu machen. Und man muss sehen, dass wir unterschiedliche Zielgruppen ansprechen. Wer jemandem wegen seiner Tweets folgt, der hat vielleicht gar kein Interesse daran, sich auch Live-Videos dieser Person anzusehen.

Kress.de: Nun hat Twitter offensichtlich einen direkten Wettbewerber von Meerkat namens Periscope gekauft. Auch dieses Unternehmen bietet Video-Livestreams an. Sie haben trotzdem keine Angst, dass man Sie irgendwann von der Plattform ausschließt?

Ben Rubin: Eigentlich nicht. Aktuell bauen wir diese tolle Community auf. Man muss einfach abwarten, was später passiert. Wir wollen nicht abhängig von Twitter sein. Wir setzen auf ein respektvolles Miteinander. Wir wollen einen Mehrwert für die Plattform schaffen. Längerfristig haben wir nicht vor, weiterhin so stark auf Twitter angewiesen zu sein. Bis es soweit ist, versuchen wir aber alles, um ein möglichst guter Gast zu sein.

"Erdmännchen sind die sozialsten Tiere der Welt"

Kress.de: Wer ist auf den Namen Meerkat (deutsch: Erdmännchen) gekommen?

Ben Rubin: Mein Mitgründer Roi Tirosh hatte diese Idee.

Kress.de: Und warum Erdmännchen - und nicht zum Beispiel Pinguin?

Ben Rubin: Weil Erdmännchen die sozialsten Tiere auf der Welt sind. Sie leben in Kolonien und stehen immer herum und schauen zu. Es ist wie bei der App. Wir stehen auch alle und sehen zu.

Kress.de: Wer hatte die Idee zu Meerkat?

Ben Rubin: Das war ich. Ich wollte etwas bauen, das einfach und schnell zu verstehen ist und auf Twitter aufbaut. Wir hatten ja schon durch frühere Projekte Erfahrung mit Livestreaming gesammelt. Mit Meerkat wollten wir den Leuten die Möglichkeit geben, mit einfachen Mitteln Inhalte an mehrere Menschen zu übertragen. Wir dachten, dass Twitter dafür die perfekte Lösung sein könnte. Darum haben wir dieses sehr präzise Produkt entwickelt.

Kress.de: Momentan scheint es auf Twitter kaum ein anderes Thema als Meerkat zu geben. Wie erklären Sie sich diesen großen Erfolg?

Ben Rubin: Ich glaube, dass die App einfach leicht zu verstehen ist. Man muss sich nicht groß einarbeiten. Der Aha-Moment stellt sich sehr schnell ein.

An dieser Stelle musste Rubin das Interview kurzzeitig unterbrechen, weil die Meerkat-Server nicht mehr das taten, was sie normalerweise tun sollen.

Kress.de: Das kommt vermutlich gerade häufiger vor...?

Ben Rubin: Eigentlich verkraften die Server alles recht gut. Aber wir wollen sicherstellen, dass sie Tag für Tag leistungsfähiger werden. Also gibt es ständig Updates und neue Server. Bei diesen Übergängen kommt es manchmal zu kurzzeitigen Ausfällen.

Kress.de: Bei den meisten Produkten gibt es am Anfang noch viele kleine Fehler. Auch bei Meerkat wurde zunächst nicht angezeigt, wenn sich Zuschauer aus dem Stream ausgeklinkt hatten. Das wurde mit dem jüngsten Update behoben. Aber häufig wird eine Übertragung auch einfach getrennt, ohne dass der Autor des Streams dies mitbekommt.

Ben Rubin: Das ist ein Bug. Wir arbeiten schon an dem nächsten Update.

Kress.de: Und was ist wichtiger für Sie: mehr Stabilität für die iOS-App oder die Entwicklung einer Version für Googles Android-Plattform?

Ben Rubin: Wir haben Anfang der Woche eine kleine Android-Version vorgestellt, mit der man zuschauen aber nicht übertragen kann. Das wollen wir zunächst erst mal beibehalten, bis wir grundsätzliche Probleme behoben haben und die App stabil läuft. Dann werden wir uns wieder Android zuwenden. Bis es soweit ist, können die Android-Nutzer jetzt zumindest schon einmal experimentieren und sehen, worum es bei dem Hype geht.

Kress.de: Wie viele Meerkat-Nutzer gibt es mittlerweile? Haben Sie ein paar Zahlen?

Ben Rubin: Ich habe kürzlich einige Daten auf Twitter veröffentlicht. Einfach dort reinschauen.

Unreal @benrbn

Unreal #2 Cohort of streaming time :) @benrbn

"Videoinhalte werden direkt nach dem Stream gelöscht"

Kress.de: Auch in Deutschland wird Meerkat immer häufiger genutzt. Allerdings sind wir hierzulande sehr vorsichtig, wenn es um US-Firmen geht, die Zugang zu persönlichen Daten haben. Speichert Meerkat tatsächlich keine Videostreams auf seinen Servern?

Ben Rubin: Sobald ein Stream vorbei ist, werden die Videoinhalte gelöscht. In der Cloud bleiben allerdings die letzten drei Sekunden einer Übertragung für ein paar Minuten gespeichert. Sollte also tatsächlich jemand Interesse daran haben, dann könnte er theoretisch an diese Aufnahmen herankommen. Allerdings nur in den fünf Minuten, nachdem ein Stream beendet wurde.

Kress.de: Haben Sie sich schon Gedanken darüber gemacht, wie Sie mit Meerkat Geld verdienen wollen?

Ben Rubin: Nein. Keine Ahnung. Ich weiß es nicht.

Kress.de: Wer wird Meerkat in Zukunft hauptsächlich nutzen? Werden es Teenager sein? Journalisten? Celebrities?

Ben Rubin: Wir wünschen uns möglichst viele unterschiedliche Einsatzmöglichkeiten. Es geht nicht darum, dass jemand einen Stream startet, weil ihm gerade langweilig ist. Vielmehr sollen Übertragungen dann stattfinden, wenn jemand glaubt, dass etwas Interessantes zu sehen ist. Dass er eine spannende Geschichte zu erzählen hat. Es geht also nicht darum, wer Meerkat nutzt, sondern warum er es tut.

Kress.de: Bei Meerkat lassen sich Livestreams im Vorfeld auch ankündigen. Wie wichtig ist diese Option?

Ben Rubin: Unglaublich wichtig. Durchs Planen von Streams müssen sich die Nutzer im Vorfeld Gedanken darüber machen, wann sie live gehen wollen und was sie dann sagen.

"Journalisten müssen herumexperimentieren"

Kress.de: Am Thema Meerkat kommt man in den Medien derzeit kaum vorbei. Vor allem Tech-Journalisten scheinen die App zu lieben. Woran liegt das?

Ben Rubin: Tech-Journalisten kennen sich natürlich damit aus. Sie haben einen entsprechenden Hintergrund und sind bereit, neue Sachen auszuprobieren. Journalisten haben in der Regel auch relativ viele Twitter-Follower. Wenn sie zum ersten Mal einen Stream starten, dann schalten vergleichsweise viele Zuschauer ein. Der Aha-Moment wird früher erreicht.

Es ist gut und richtig, dass Journalisten viel herumexperimentieren. Es ist ihre Aufgabe, etwas zu kritisieren und ein Publikum anzusprechen. Sie müssen provozieren und die Menschen zum Nachdenken bringen. Mit Meerkat ist das möglich. Hier findet Kommunikation in Echtzeit statt.

Jeder Journalist sollte mit unterschiedlichen Medien und Kommunikationsmöglichkeiten umgehen können. Dafür muss er sie testen. Und ich rede jetzt nicht nur von Live-Videos.

Kress.de: Sie glauben also, dass Meerkat zu einem wichtigen journalistischen Instrument werden könnte?

Ben Rubin: Das hoffe ich sehr.

Starke Mitbewerber Twitcasting, Twitcam, Snapchat und Younow

Kress.de: Sprechen wir kurz über die Konkurrenz: Meerkat ist längst nicht das erste Streaming-Angebot. Wo sehen Sie sich? Eher auf Seiten von Twitcasting und Twitcam oder Snapchat und Younow?

Ben Rubin: Alle genannten Unternehmen und Teams haben ihre eigenen Visionen und Agenden. Daran arbeiten sie. Es gibt kaum etwas Schöneres als unterschiedliche Firmen, die versuchen, in ihrem Bereich etwas zu erreichen. Das ist in Ordnung. Wir haben alle einen anderen Ansatz. Es geht nicht um Konkurrenz. Jeder braucht eine Vision und ein Statement, um in eine bestimmte Richtung streben zu können.

Wenn man es von diesem Standpunkt aus betrachtet, dann ist Konkurrenz etwas sehr seltenes. Sie kommt nur dann vor, wenn jemand den anderen bis ins kleinste Detail kopiert. Das gibt es aber nicht. Stattdessen sehe ich viele sehr intelligente Teams, die an unterschiedlichen Visionen arbeiten.

Kress.de: Wie würden Sie Ihre Agenda beschreiben?

Ben Rubin: Wir wollen die einflussreichste und umfassendste Livestreaming-Community werden. Das ist mein Ziel. Wir wollen bei der Verbreitung von etwas helfen, das ich teilnehmende Inhalte nenne. Damit meine ich, dass das Publikum auf die Inhalte Einfluss nehmen und sie mitgestalten kann.

Kress.de: Worüber wir unbedingt noch sprechen müssen: Wie nennt man es nun eigentlich, wenn jemand eine Meerkat-Session startet, also einen Livestream anbietet? Meerkating? Meerchatting?

Ben Rubin: Ich glaube, es heißt meerkating. Aber ich weiß es auch nicht. Wie immer man es nennen möchte.

Kress.de: Vielen Dank für das Gespräch.

Mit Ben Rubin, CEO von Life On Air, der Firma hinter Meerkat, sprach kress.de-Reporter Jörgen Camrath.

 

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