"Journalistische Arbeit hat ihren Wert": Warum die "Rhein-Zeitung" nach dem Germanwings-Absturz an der Paywall festhielt

 

Welcher Journalist will schon, dass ausgerechnet sein Beitrag hinter einer Paywall verschwindet? Nicht mehr frei geteilt und geklickt werden kann? Verlage müssten konsequent an der Bezahlschranke festhalten, damit Nutzer lernen, dass Journalismus etwas kostet, sagt Christian Lindner zu kress.de.

Welcher Journalist will schon, dass ausgerechnet sein Beitrag hinter einer Paywall verschwindet? Nicht mehr frei geteilt und geklickt werden kann? Verlage müssten konsequent an der Bezahlschranke festhalten, damit Nutzer lernen, dass Journalismus etwas kostet, sagt Christian Lindner zu kress.de.

"Grundsatzentscheidung gefällt"

"Wir haben eine Grundsatzentscheidung getroffen: Unsere digitalen Angebote werden in aller Konsequenz auf Kunden ausgerichtet - und Reichweite nur um der Reichweite willen ist für uns kein strategisches Ziel mehr. Vom möglichst erfolgreichen Verschenken hart erarbeiteten Contents haben wir uns ebenso bewusst wie gelassen verabschiedet", macht Christian Lindner gegenüber kress.de deutlich.

"Und das gilt grundsätzlich, wir machen davon auch keine temporären oder thematischen Ausnahmen. Unsere journalistische Arbeit hat ihren Wert - für unsere Print-Abonnenten und für eine täglich wachsende Zahl von digitalen Kunden", erklärt der Chefredakteur der in Koblenz beheimateten "Rhein-Zeitung".

Laut Lindner gelte dies gerade auch in Phasen, in denen Qualitätsjournalismus, Haltung und "auch eine bewusst unhektische Berichterstattung noch mehr als sonst" gefragt seien. "In den Tagen nach dem Absturz von Flug U49525 hat sich unser konsequentes Paygate erkennbar bewährt: Wir mussten uns nicht an Klickzahlen ausrichten, sondern konnten mit Nachdenklichkeit und Zurückhaltung für unsere Kunden arbeiten - auch und gerade digital."

Neue Leser mit "unhektischer Berichterstattung" gewonnen

Die Zeitung habe so auch neue Kunden gewonnen: "Wir haben ein bemerkenswertes Feature über die abstoßende Art und Weise veröffentlicht, in der die Weltpresse Montabaur, den Heimatort des Co-Piloten, heimgesucht hat. Diesen Bericht haben auch Interessierte von weit außerhalb unseres Verbreitungsgebietes als Einzeltext für 50 Cent gekauft. Einer der Textkäufer twitterte mir: 'Ist glaube ich das erste Mal, das ich für einen Text bezahlt habe.'"

Die strategische Neuausrichtung sei immens wichtig: "Uns zeigt das: Qualität und Konsequenz zahlen sich aus. Verlage müssen einfach nur den Mut haben, den Tanz um das Goldene Kalb 'Reichweite' zu beenden und ihren Content nicht mehr zu verschenken", so Christian Lindner.

46,8 Prozent Plus bei Tagespässen

Wie erfolgreich die konsequente Haltung der "Rhein-Zeitung" sind, zeigen erste Zahlen im März, die Digital-Chef Marcus Schwarze für kress.de herausgesucht hat - im Vergleich mit dem Vormonat konnte der Verlag ein Plus von 34,9 Prozent bei den Einzelpässen, und ein Plus von 46,8 Prozent bei den Tagespässen (Stand: Freitag, 27. März, 9 Uhr) verbuchen.

Geschätzt 95 Prozent der Texte und Seiten stehen laut Schwarze hinter der Paywall. Neben einzelnen Artikeln für 50 Cent können auch Tagespässe (90 Cent) und Monatspässe 6,90 Euro, bei zwölf Monaten Laufzeit 5,90 Euro) erworben werden. Die Abrechnung sei über den Internet-Bezahldienst Paypal oder das Handy möglich. Für Abonnenten ist das Online-Angebot kostenfrei.

"Wie bei einem Katasteramt"

Nicht zufrieden zeigt sich Schwarze noch mit dem Anmeldebereich: "Unsere derzeitige Seite der Paywall ist noch stark überarbeitungsbedürftig und ähnelt zurzeit noch einem SAP-Eingabeformular wie bei einem Katasteramt."

Eine neue, deutlich einfacher zu bedienende Version sei bereits "in der Mache"; Marcus Schwarze zu kress.de: "Davon versprechen wir uns weiter steigende Zahlen bei den Einzelverkäufen von Artikeln, Tagespässen und Web-Abos."

"Kauf eines Artikels wird so einfach wie der Kauf einer App"

Aber auch die generelle Entwicklung spiele eine wichtige Rolle. Erfreulicherweise werde das Kaufen von digitalen Inhalten auch immer leichter, so Schwarze: "Apple ermöglicht das mittlerweile mit dem Fingerabdruck auf dem iPhone und iPad, Microsoft bereitet ähnliches bei Windows 10 mit dem Erkennen der Augen-Iris vor. Das lästige Anmelden, Passwort-Merken und Passwort-Wiederfinden entfällt. In ein, zwei Jahren wird der Kauf eines Artikels oder Zugangspasses so einfach wie der Kauf einer App. Auf Fingerabdruck oder Augen-Scan."

Trennung von Vermarkter OMS - "wir werden es selbst steuern"

Wie konsequent der Mittelrhein-Verlag als Herausgeber der "Rhein-Zeitung" sich vom Reichweiten-Wettbewerb verabschiedet, beweist die Entscheidung, sich ab dem 1. Juli nicht mehr von OMS vermarkten zu lassen. Die Düsseldorfer vermarkten nationale digitale Anzeigen für zahlreiche Online-Medien.

Der Verlag will sich noch stärker auf sein Verbreitungsgebiet konzentrieren, vor allem regionale Kunden sollen auf Rhein-Zeitung.de werben. Vermarktungschef Hans Kary erklärt: "Wir wollen und werden selbst steuern, welche Kunden in welchen Formaten an welcher Stelle und zu welchen Preisen auf unserer Website werben." Kary, Geschäftsführer der rz Media, kündigt zudem an, dass Rhein-Zeitung.de durch diesen Schritt auch optisch beruhigt werden soll: "Die nationale Digitalwerbung hat unsere Seite oft viel zu unruhig gemacht und so in ihrer Wirkung beeinträchtigt – und zwar für Leser wie für Anzeigenkunden gleichermaßen. Wir werden die Zahl der Online-Werbeformate deutlich reduzieren und digitale Werbung für regionale Kunden wertiger und damit attraktiver machen."

Verleger Walterpeter Twer

Die "Rhein-Zeitung" erscheint laut eigenen Angaben mit einer Auflage von 176.400 (Print- und Digital, Februar 2015) im Norden von Rheinland-Pfalz.

Verleger und Geschäftsführer der Regionalzeitung ist Walterpeter Twer, Chefredakteur Christian Lindner. Stellvertretende Chefredakteure sind Peter Burger (Lokales) und Manfred Ruch (Zentralredaktion); der Chefredaktion gehört ebenfalls Marcus Schwarze, Leitung Digitale Inhalte, an.

Wer noch auf eine harte Bezahlschranke setzt

Neben der "Rhein-Zeitung" setzen auf eine harte Bezahlschranke im Netz: "Alfelder Zeitung" (verkaufte Auflage laut IVW 4/2014: 7.112 Exemplare; Redaktionsleiter: Björn Dinges, Geschäftsführerin: Carolin Dobler), "Bocholter-Borkener Volksblatt" (verkaufte Auflage laut IVW 4/2014: 21.470 Exemplare Exemplare; Redaktionsleiter: Volker Morgenbrod, Verleger: Jörg Terheyden); "Böhme-Zeitung" (verkaufte Auflage laut IVW 4/2014: 10.675 Exemplare; Redaktionsleiter: Jörg Jung, Herausgeber: Wolff-Martin Mundschenk, Martin Mundschenk), "Braunschweiger Zeitung" (verkaufte Auflage laut IVW 4/2014: 116.969 Exemplare; Chefredakteur: Armin Maus, Sprecher der Geschäftsführung: Harald Wahls) und "Ibbenbürener Volkszeitung" (verkaufte Auflage laut IVW 4/2014: 19.022 Exemplare; Redaktionsleiter: Claus Kossag; Geschäftsführer: Klaus Rieping, Alfred Strootmann).

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