Stefan Aust über seine "Welt"-Herausgeber-Rolle: "Ich bin in den Diskussionsprozessen stark drin"

 

Nach etwas mehr als einem Jahr bei Springer hat der langjährige "Spiegel"-Chefredakteur und vormalige N24-Miteigener seinen Platz im Berliner Multimedia-Haus gefunden. "Springer ist insgesamt ein erstaunlich liberaler Laden", sagte der Ex-"Konkret"-Macher auf einem HFF-Gespräch in München. "Ich wollte hier immer mal rein", scherzte Aust. "Wir waren schon '68 vor der Tür gestanden."

Nach etwas mehr als einem Jahr bei Springer hat der langjährige "Spiegel"-Chefredakteur und vormalige N24-Miteigentümer seinen Platz im Berliner Multimedia-Haus gefunden. "Springer ist insgesamt ein erstaunlich liberaler Laden", sagte der Ex-"Konkret"-Macher auf einem HFF-Gespräch in München. "Ich wollte hier immer mal rein", scherzte Aust. "Wir waren schon '68 vor der Tür gestanden."

Immerhin erleichtert Aust das Springer-Arbeiten, dass er sich von vielen ehemaligen "Spiegel"-Mitarbeitern umgeben fühlt - darunter Claus Christian Malzahn, der stellvertretende Politik-Chef der "Welt"-Gruppe, Beat Balzi, stellvertrender Chefredakteur und zuständig für "Welt am Sonntag", sowie natürlich Matthias Matussek.

Aust liebt die Wochen-Arbeit - und damit die "Welt am Sonntag"

Auf die Frage von kress.de, wie er seine Rolle bei Springer im Alltag konkret mit Leben füllt - nach dem Verkauf des Nachrichtensenders N24, der Aust zusammen mit Thomas Rossmann gehörte, wurde er "Herausgeber" in der "Welt"-Gruppe - sagte Aust: "Ich bin in den Diskussionsprozessen stark drin", so Aust. Vor allem das Zusammenwachsen von Print-, Digital- und Bewegtbild-Welt bei Springer beschäftigt ihn stark. Außerdem schreibt und kommentiert er selbst und arbeitet an Multimediaprojekten mit. Seine Präferenzen sind dabei klar. "Ich bin bei der 'WamS' mehr involviert, weil mich seit jeher Wochenpublikationen mehr beschäftigen", so Aust.

Seine Herausgeber-Rolle - als Titel - sieht er nicht ganz unproblematisch. Das erklärt sich vor allem aus seiner Zeit beim "Spiegel", als er sich auch nach dem Tod von Rudolf Augstein verpflichtete gefühlt hatte, den Geist des Magazin-Gründers, Mit-Eigners und Herausgebers in allen Entscheidungen zu wahren. Während bei Augstein die Ausprägung der Herausgeber-Rolle eindeutig war, sieht sich Aust bei Springer natürlich als etwas anderes. "Ich bin als Angestellter Herausgeber", so Aust. "Manchmal frage ich mich, ob das die richtige Bezeichnung für mich ist."

Aust ist in Berlin sehr präsent

Trotzdem lässt er sich natürlich nicht bremsen, sich aktiv in die Redaktionsabläufe einzumischen. "Ich renne nicht immer herum und sage den Leuten, was man alles besser machen sollte", so Aust. "Sonst würde ich allen schnell auf den Wecker gehen." Dennoch ist er in Berlin sehr präsent - mit gleich mehreren Arbeitsplätzen im neu gestalteten Springer-Gebäude.

Die Arbeitsatmosphäre im neuen zentralen Newsroom scheint ihm dabei nicht unbedingt zu behagen. "So ein Großraum in dieser Größe ist nicht das Angenehmste", gestand er vor den Münchner HFF-Studenden. "Wenn Sie einen längeren Text schreiben wollen, geht das dort nicht wirklich." Allerdings gibt es auch für ihn - wie für viele weitere Redakteure - separate ruhigerer Büros zusätzlich zu den Newsroom-Arbeitsplätzen. "Am Newsroom führt kein Weg vorbei", so Aust. Dort laufen alle Produktionswege der "Welt"-Titel, von Welt.de und den N24-Bewegtbildern zusammen.

"Wichtig, dass die 'WamS' ein eigenes, festes Stammteam hat"

Trotzdem macht Stefan Aust auch selbst interne Politik. Trotz aller Kooperationstendenzen plädiert er dafür, zumindest der "Welt am Sonntag" eine Art Sonderstellung zu geben. "Ich finde wichtig, dass die 'WamS' ein eigenes festes Stammteam hat", sagte Aust in München - fügt aber an, dass "die Diskussionen darüber rauf- und runterlaufen". 

Außerdem möchte er - offenbar auch nicht immer ganz auf dem Redaktions-Mainstream - durchsetzen, dass bei den Online-Kommentaren etwa bei Welt.de eine Klarnamenpflicht eingeführt wird. Von einer "Gegenöffentlichkeit" der Feiglinge, die zu ihrer Meinung nicht namentlich stehen, hält er nichts. Beim "Spiegel" hätte die Leserbrief-Redaktion oft viele Anrufe geführt, um herauszufinden, ob die Brief-Zuschriften auch tatsächlich von realen Personen stammen. Auch diese Diskussion um Klarnamen läuft bei Springer offenbar weiter.

Mit den verbrieften Springer-Werten - etwa hinsichtlich des Lebensrechts des israelischen Volks und den "westlichen Werten" - kann Aust gut leben, auch wenn dem nüchternen Niedersachsen Pathos fremd ist. "Ich würde auch lieber in Amerika leben als in Russland."

"Ich ging nicht zu 'Konkret', weil ich so links war"

Ohnehin schien es ihm vor den Studenten wichtig, seinen Standort noch einmal zu justieren. "Ich ging nicht zu 'Konkret', weil ich so links war", sagt er über die Zeit, als er mit der späteren RAF-Terroristin Ulrike Meinhof zusammenarbeitete. Aust verstand sich als Blattmacher - mit einem Schülerzeitungs-Hintergrund. Die Uni sah er selten von innen. "Wenn zu lesen ist, ich wäre ein verkrachter Studienabbrecher, dann fühle ich mich fast wie ein Hochstapler", scherzte Aust.

Ähnlich augenzwinkernd fällt seine erste "Welt"-"WamS"-Bilanz aus. "Ich werde von vielen angesprochen, die sagen, die 'WamS' wäre viel besser geworden, seit ich da bin", gibt Aust scherzhaft wieder, was ihm im Bekantenkreis zu Ohren kam. "Das liegt aber daran, dass die die vorher nie gelesen haben."

Chefredakteur der "WeltN24"-Gruppe ist Jan-Eric Peters. Stellvertreter des Chefredakteurs sind Arne Teetz, zuständig für TV-Nachrichten und Bewegtbild-Produktion, und Ulf Poschardt.

Oliver Michalsky ist als Stellvertretender Chefredakteur für die digitalen Angebote der Gruppe zuständig, Beat Balzli in gleicher Position für die "Welt am Sonntag".

Stefan Aust sprach im Rahmen der Reihe "Politik & Medien" mit dem HFF-Professor und "Frontal 21"-Redaktionsleiter Claus Richter, mit dem er selbst bereits einige Dokumentarfilm-Projekte verwirklicht hatte. Beide kennen sich lang: Richter begann beim WDR-Magazin "Monitor", Aust beim NDR-Gegenstück "Panorama".

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