"Washington-Post"-Chefredakteur Marty Baron: "Eine einzelne Online-Story kann viel mehr Leser anziehen als eine gesamte Zeitung"

16.04.2015
 
 

Als bestenfalls behäbig galt die "Washington Post", bevor Amazon-Gründer Jeff Bezos im Sommer 2013 das Blatt mit Weltruhm erwarb. Jetzt hat sich erstmals Marty Baron, Chefredakteur der "Washington Post", klar zum digitalen Wandel geäußert.

Als bestenfalls behäbig galt die "Washington Post", bevor Amazon-Gründer Jeff Bezos im Sommer 2013 das Blatt mit Weltruhm erwarb. Jetzt hat sich erstmals Marty Baron, Chefredakteur der "Washington Post", zum digitalen Wandel geäußert.

Der könne nur funktionieren, wenn Redaktion und Geschäftsführung an einem Strang ziehen.

Martin "Marty" Baron wechselte Ende 2012 als Chefredakteur von der "Boston Globe" zur "Washington Post". Er kennt die USA, seine Karriere begann er beim "Miami Herald", später zog es ihn zur "Los Angeles Times", dann zur "New York Times".

Vor Studierenden der University of California fand Baron jetzt klare Worte. Kress.de hat die wichtigsten Punkte seiner Rede "Journalism's Big Move: What to Discard, Keep, and Acquire in Moving From Print to Web" zusammengestellt.

Die 6 wichtigsten Thesen von Marty Baron

1. "Es ist falsch zu sagen, wir würden eine digitale Gesellschaft werden. Wir SIND BEREITS eine digitale Gesellschaft. Und selbst diese Aussage hinkt der Zeit hinterher: Wir sind eine mobile Gesellschaft."

2. "Lasst uns alle [...] von der Idee Abstand nehmen, die heute noch in vielen Newsrooms herrscht, dass die Titelseite wichtiger ist, mehr Wert hat und prestigeträchtiger ist als das, was wir im Internet verbreiten. Sie ist nicht wichtiger. [...] Heute zieht die Washington Post knapp 50 Millionen Besucher auf der Webseite und in der App an. Jeden Monat. [...] Das jährliche Wachstum lag in den vergangenen Jahren immer zwischen 50% und 100%, was uns zu einer der am schnellsten wachsenden Mediaseiten der USA macht. Das sind insgesamt viel mehr Menschen, als jemals unsere Titelseite sehen werden."

3. "Eine einzelne Online-Story kann viel mehr Leser anziehen als eine gesamte Zeitung."

4. "Die Distanz zwischen dem Newsroom und der Geschäftsführung war lange Zeit von Ignoranz geprägt. Newsroom-Mitarbeiter haben nie wirklich verstanden wie wir Geld verdient haben - und [...] es war ihnen auch egal, weil wir SO VIEL Geld gemacht haben. Andererseits verstand die Geschäftsführung nie wirklich den Newsroom. Weil aber die Einnahmequellen der Leser und Werbekunden so enorm waren, schien es nie wirklich ein Problem zu sein, den anderen nicht zu verstehen. Das Unternehmen funktionierte schließlich dennoch."

5. "Ein enges Verhältnis zwischen Ingenieuren [Kontext: gemeint sind hier die wirtschaftliche Führung des Unternehmens, als auch die IT-Abteilung, die für Apps und Onlinepräsenzen zuständig ist] und Journalisten ist essenziell für Fortschritt und Innovation."

6. "Das Internet ist eine andere Umgebung [als Print] und was mit den Medien passieren wird ist das, was mit allen Organismen passiert, wenn sie sich in neue Lebensräume begeben: sie mutieren. Sie eignen sich Eigenschaften an, die ihnen erlauben zu überleben. Und diese Eigenschaften werden fortan von einer Generation an die nächste weitergegeben. Sie werden irgendwann zur Norm. Das Internet ist, in der Gesamtheit betrachtet, ein komplett anderes Medium. Erinnern Sie sich an das Radio und seine eigene Form der Berichterstattung [ursprgl. engl. "storytelling"]? Auch das Fernsehen hat seine eigenen Formen und Maßstäbe der Berichterstattung gesetzt. Das Internet entwickelt seine eigenen Möglichkeiten der Kommunikation: dialogorientierter und zugänglicher. Diese Möglichkeiten bieten uns eine völlig neue Mischung aus Tools wie Video, Audio, Social Media und interaktiven Grafiken."

Zustimmung aus Berlin

"WeltN24"-Chefredakteur Jan-Eric Peters hat Baron in Washington getroffen. "Die Washington Post hing digital lange hinterher und ist seit Marty Barons Einstieg vor zwei Jahren und vor allem nach dem Kauf durch Jeff Bezos im Eiltempo auf eine klare Digitalisierungsstrategie umgeschwenkt. Ich kann seinem Vortrag nur zustimmen", so Peters zu kress.de.

Was in anderen Häusern immer noch zaghaft angefasst wird, feiert im kommenden Jahr in Berlin übrigens ein Jubiläum. 2016 kann die Springers "Welt"-Redaktion auf zehn Jahre Pint-Online-Integration zurückblicken.

Hintergrund: "Washington Post"

Die "Washington Post" erschien das erste Mal am 6. Dezember 1877. Zu Weltruhm gelang sie durch die Aufdeckung der Watergate-Affäre Anfang der 1970er Jahre durch die Reporter Bob Woodward und Carl Bernstein.  Das Medienhaus gehört seit Sommer 2013 dem amerikanischen Unternehmer Jeff Bezos, Gründer von "Amazon". Die Zeitung hat wochentags eine Auflage von 417,727 Exemplare, am Sonntag 621,032 Exemplare (AAM Audit, 2013). Washingtonpost.com erreicht monatlich 32 Millionen Unique Visitors (1,4 Millionen im Kernverbreitungsgebiet in und um Washington D.C.).

Das Blatt legt vor allem Wert darauf, im Heimatmarkt vorne zu sein. Das gelingt ihr; kein anderes Medium erreicht in einer Woche mehr Menschen in Washington als die verschiedenen Angebote der "Washington Post". Dazu gehören neben der gedruckten "Washington Post" und ihrer digitalen Ausgaben und Apps auch die Gratisblätter „Express“ und die spanischsprachige "El Tiempo Latino". Damit erreicht das Medienhaus nach eigenen Angaben 62 Prozent aller Menschen in Washington. 

von Robin Rittinghaus und Bülend Ürük

 

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