Waltraut von Mengden zu Wegen aus der Print-Krise: "Kein heroischer Kampf - eine Management-Aufgabe, die lösbar ist"

 

Über 200 Verleger-Gäste waren zur Jahrestagung des Verbands der Zeitschriftenverlage in Bayern gekommen. Eine gute Gelegenheit für die Erste VZB-Vorsitzende Waltraut von Mengden ihren Kollegen Mut zu machen. "2014 sind 133 neue Magazine entstanden", freute sie sich. 90% aller Deutschen lesen Zeitschriften, 89% der sonst so abgelenkten 14- bis 29-Jährigen tun das.

Über 200 Verleger-Gäste waren zur Jahrestagung des Verbands der Zeitschriftenverlage in Bayern gekommen. Eine gute Gelegenheit für die Erste VZB-Vorsitzende Waltraut von Mengden ihren Kollegen Mut zu machen. "2014 sind 133 neue Magazine entstanden", freute sie sich. 90% aller Deutschen lesen Zeitschriften, 89% der sonst so abgelenkten 14- bis 29-Jährigen tun das.

Wie sehr haben die Verleger die Digitalisierung verschlafen?

Trotzdem steht der Vorwurf im Raum, dass viele Verleger die Digitalisierung verschlafen, weswegen eine hochkarätig besetze Diskussionsrunde sich dem Thema "Disruptive Innovation - Geschäftsmodelle in Zeiten der Digitalisierung, Individualisierung und Globalisierung" widmete. Von Mengden verwies auf die trotz aller Bedrohungsszenarien guten Geschäftszahlen, wonach die Deutschen zuletzt rund 3 Mrd. Euro jährlich für Zeitschriften ausgegeben haben, die Anzeigenerlöse summierten sich zuletzt auf rund 4 Mrd. Euro. "Es gibt nicht den heroischen Überlebenskampf", so von Mengden, "sondern anspruchsvolle Management-Ausgaben, die lösbar sind."

"Die Luft wird dünner"

Die Spielverderberrolle des Abends war da Boris Schramm, Managing Director des Media-Riesen GroupM, zugedacht. "Die Luft wird dünner für alle", warnte er die Verleger. "Es gibt zuviele Titel." Tatsächlich lassen sich angesichts des digitalen Konkurrenzdrucks Finanzierungsmodell oft nicht halten. "Ein Endverbraucher muss für eine nur einigermaßen gute Publikation kein Geld mehr zahlen", so Schramm. Umso wichtiger sei daher die redaktionelle Qualität. "Exzellenz muss sich behaupten."

"Es wird nicht immer gut investiert"

Ein Stichwort, auf das "Madame"-Chefredakteurin Petra Winter natürlich anspringen musste, die die Strahlkraft von Medien-Marken - unabhängig von den jeweiligen Kanälen, die sie bedienen - in einem lebhaften Markt betonte. "Es ist noch genug Geld da für guten Journalismus", sagte sie, schränkte aber ein: "Er wird nicht immer gut investiert." Wichtig seien natürlich Investitionen ins Kerngeschäft der Verlage, auch wenn es zuvor durchaus geboten war "Wasserköpfe" zu entfernen und sich "Fettschichten" fanden, die sich noch wegschneiden ließen. "Wir sind, wenn man in die Redaktionen hineinschat, am Ende der Fahnenstange angekommen."

Volker Breid, Geschäftsführer der Motor Presse Stuttgart, betonte, dass sich in Zeiten der fortschreitenden Digitalisierung die Reichweite der verlegerischen Angebote insgesamt gegenüber dem reinen Print-Stand verdoppelt habe. Allerdings erschließen die Zugewinne nicht notwendigerweise neue Erlöse. "Die Reichweiten wandern auf Kanäle, bei denen die Monetarisierung schwierig wird", so Breid.

"Men's Health"-App verkauft sich bestens - demnächst sogar in China

Dennoch macht er etwa mit der "Men's Health"-App, deren Entwicklungskosten durch einen zentralen Sponsor gedeckt war, gute Geschäfte. "Wir verdienen mit ihr jeden Tag Geld", so Breid. "Es geht darum, den Blick von den Risiken auf die Chancen zu lenken." Von der "MH"-App wird es schon bald eine chinesischen Ableger geben, auch eine arabischsprachige Variante wird angedacht. Insgesamt macht die Motor Presse laut Breid 15% ihres Umsatzes digital.

"In volatilen Zeiten überleben nur diejenigen, die sich auf ihre Kernkompetenzen konzentrieren", sekundierte Isabell Welpe, Professorin am Lehrstuhl BWL - Strategie & Organisation der TU München. Die Veränderungen, denen sich Verleger in der Medienbranche stellen müssen, passen ins allgemeine Bild des Wirtschaftswandels. Die Medien könnten für andere Branchen stellvertretend Lösungen mit entwickeln.

"Netzwerke werden überschätzt"

Der traditionell guten Drähte zu den Vordenkern des Wandels im Silicon Valley rühmt sich bekanntlich gern das Haus Burda, das durch DLD-Gründerin Stephanie Czerny vertreten war. "Eine Konferenz wie der DLD ist wie ein erweitertes Feuilleton", sagte sie zu den vielfältigen Anregungen, die ihre expandierende Veranstaltungsreihe bietet.

"Wir dürfen keine Angst haben, Daten von uns preiszugeben"

Etwas überraschend outete sie sich als vernetzungsskeptisch. "Netzwerke werden überschätzt", sagte die Burda-Managerin aus dem Heimathaus von Xing. "Mich ärgert es, wenn ich als gute Netzwerkerin bezeichnet werde", sagte Czerny. "Viele Netzwerke bleiben stehen." Wichtig sei, die Gedanken und Themen in Bewegung zu halten. In der Debatte um Chancen und Risiken von Big Data plädierte Stephanie Czerny für Gelassenheit. "Wir dürfen keine Angst haben, Daten von uns preiszugeben", sagte sie. "Es ist ohnehin alles transparent."

Blieb als Muster-Unternehmer des Abends Star-Gast Tyler Brûlè, der ehemalige "Wallpaper"-Erfinder und "Monocle"-Gründer, der aus seiner zweiten stilbildenden Zeitschrift heraus mittlerweile eine Kette von "Monocle"-Cafés, "Monocle"-Modeprodukten, ein weltweites Korrespondenten- und Laden-Netz sowie Buchreihen und Veranstaltungen aufgebaut hat.

"Der deutsche Kiosk ist ein großartiger Ort der Innovation"

Vermutlich auch weil er als Kosmopolit den international Vergleich hat, bewundert der selbstbewusste Gründer weiterhin die deutsche Presselandschaft - für ihre enorme Vielfalt. "Der deutsche Zeitschriften- und Zeitungskiosk ist ein großartiger Ort der Innovation", sagte Brûlè. Der erste Weg in deutschen Großstädten führe ihn immer wieder in den Bahnhofszeitschriftenhandel. Daher ermunterte er die versammelten Verleger, in Diskussionen um den medialen Wandel künftig stärker eine selbstbewusste deutsche Stimme zu vertreten.

Zumindest Petra Winter hatte der Kanadier rasch um den Finger gewickelt. "Natürlich würde ich unseren Titel lieber in einem 'Monocle'-Café sehen als in einem Supermarkt hinten der fünften Reihe", sagte die oberste "Madame".

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