Für 1LIVE-Chef Jochen Rausch steht fest: "Wir sehen uns alle im Internet wieder"

 

Als Gerald Baars 1995 den Radiosender 1LIVE aus der Taufe hob, beschritten er und der Westdeutsche Rundfunk Neuland. Nach 20 Jahren ist der Sender längst Marktführer bei den unter 50-jährigen Radiohörern in Deutschland.

Als Gerald Baars 1995 den Radiosender 1LIVE aus der Taufe hob, beschritten er und der Westdeutsche Rundfunk Neuland. Nach 20 Jahren ist der Sender längst Marktführer bei den unter 50-jährigen Radiohörern in Deutschland.

Mann für besondere Aufgaben

Dass Gerald Baars 1995 den Auftrag bekam, für den WDR ein junges Radio zu entwickeln, war kein Zufall. Baars war im Sender der Mann für die besonderen Aufgaben. Er war beim Kabelpilotprojekt in Dortmund dabei, brachte damals durch den versuchsweisen Verkauf von BVB-Spielen durchs Kabel nebenbei die Idee des Pay-TVs nach Deutschland und entwickelte Spartensender für die große Anstalt in Köln. Im Kabelfunk wurden auch Spartensender entwickelt für die große Anstalt in Köln.

Der WDR-Sender, der in der ersten Hälfte der 90er Jahre einem jungen Programm am nächsten kam, war WDR1. Hier moderierte Götz Alsmann als Dr. Bob seine Sendungen und witzelte sich Robert Treutel, heute als Bodo Bach bekannt, durch das Programm. Der Sender war beliebt, aber nicht bei Menschen unter 40. Und das, was für WDR1 galt, galt für den gesamten WDR: Der öffentlich-rechtliche Sender hatte die Jugend verloren. "Dass der WDR nicht mehr von den Jungen gehört wurde", sagt Baars, heute Leiter des WDR-Studios in Dortmund, war aus verschiedenen Gründen ein Problem. "Zum einen hatten auch Schüler, Studenten und Auszubildende ein Recht darauf, von einem öffentlich-rechtlichen Sender ein Angebot zu erhalten. Zum anderen war klar: Wenn der WDR die jungen Hörer verliert, wird er sie auch später nicht wiederbekommen."

Radikaler Schritt: Alle freien Mitarbeiter vor die Tür gesetzt

Das Hauptproblem des WDR waren damals nicht die erst wenige Jahre zuvor gegründeten privaten Radiosender, die bis heute mit einer Mischung von Kraut und Rüben ebenfalls kein Programm besaßen, das auf die Interessen des Nachwuchses zugeschnitten waren. Wer unter 40 war hörte damals in NRW entweder überhaupt kein Radio mehr oder griff auf die Angebote von SWR, NDR oder des Armeesenders BFBS zurück, wo damals unter anderem DJ-Legende John Peel auflegte. "Damals waren nur vier Prozent der WDR-Hörer unter 30 und das mussten wir ändern." Vom damaligen Hörfunkdirektor Fritz Pleitgen bekam Baars nicht nur den Auftrag, die jungen Hörer wieder zu erobern, sondern auch freie Hand. Und die nutzte Baars: "Ich habe allen freien Mitarbeitern von WDR1 gekündigt und sie dann eingeladen, an der Entwicklung eines neuen jungen Radios mitzuarbeiten. Jeder von ihnen war der Ansicht, dass man endlich was tun müsste - nur nicht in seinem Bereich", erinnert sich Baars. Doch es blieb kein Stein auf dem anderen.

Aus Verkehrsfunk wurde Stauschau

Der Name WDR1 verschwand und wurde durch 1LIVE ersetzt. Der Sender bekam eine eigene Nachrichtenredaktion, die damals im Radio vorherrschende verstaubte Agentursprache verschwand und aus dem betulichen Verkehrsfunk wurde die Stauschau. Das Musik-Programm wurde komplett auf die Zielgruppe zugeschnitten. Um alles kümmerte sich damals eine 1LIVE-Redaktion aus einem Guß. "Das war für den WDR neu. Bis dahin lieferte eine zentrale Musikredaktion für alle Sender die Musik, eine Nachrichtenredaktion für alle Sender Nachrichten und eine Kulturredaktion für alle Sender Kulturberichte. Nun hatten wir alles unter einem Dach. Aus WDR1 war eine Welle geworden." Und Baars der erste Wellenchef. Schon bald trennte man sich auch räumlich vom Mutterhaus: 1LIVE bezog, zumindest für einige Jahre, Büros im Kölner Mediapark. Nachbar war damals der Musiksender Viva.

2000 hörte Baars auf. Fünf Jahre lief sein Vertrag, er verlängerte ihn nicht und wechselte für den WDR ins Studio New York.

Zum Start gab es keine Quotenvorgabe

Sein Nachfolger wurde Jochen Rausch, bei 1LIVE vom ersten Tag als Musikchef dabei. Die Entwicklung des Senders hat er damals nicht vorausgesehen: "Niemand hätte daran gedacht, dass 1LIVE mal einen solchen Erfolg haben wird. Als wir begannen, gab es keine Quotenvorgabe. Es ging um zwei Punkte: Wir wollten die Idee des öffentlich-rechtlichen Rundfunks einem jungen Publikum nahe bringen, das wir komplett verloren hatten. Beim zweiten Punkt ging es um eine existenzielle Frage: Wenn der öffentlich-rechtlichen Rundfunk Gebühren verlangt, sollte er auch alle großen Segmente der Bevölkerung ansprechen. Das war auch eine Frage der Legitimation."

Die ist längst gegeben: 1LIVE hat um die 3,7 Millionen Hörer am Tag und ist der erfolgreichste WDR-Sender. Man ist bundesweit Marktführer bei den Radiohörern unter 49 und in ganz Europa erreicht nur Radio1 von der BBC mehr junge Hörer als die Welle aus Köln. Wobei der Begriff Radio für Jochen Rausch alleine nicht mehr passend ist. "Wir haben 1LIVE in den vergangenen Jahren immer weiter ausbaut und sind heute auch im Internet sehr stark. 1LIVE ist längst eine multimediale Marke", sagt Rausch, der heute auch Chef von WDR 2 ist und bald auch den Sender WDR 4 leiten wird.

Der Mensch im Mittelpunkt

Wo wird 1LIVE in 20 Jahren stehen? Rausch gibt unumwunden zu, dass er das nicht weiß: "Ich finde es schon unseriös, heutzutage Medienentwicklungen über vier bis fünf Jahre zu prognostizieren. Klar ist nur: Wir sehen uns alle im Internet wieder." Um dort zu bestehen, setzt Rausch auf zwei Faktoren: "Wir versuchen im Radio möglichste einzigartige Inhalte anzubieten. Und wir setzen auf die Menschen und rücken seit Jahren unsere Moderatoren nach vorne." Online sei man auch längst kein Radio mehr: "Wir senden ja nicht nur einen Stream, sondern passen unsere Inhalte an, soweit wir es rechtlich machen können. Präsentieren wir ein Radiokonzert, erwarten unserer Hörer online Bilder und Videoclips und die bringen wir natürlich auch."

Aber eins, sagt Rausch, wird sich nicht ändern: "Der Kern unseres Handelns wird gleich bleiben. Wir bringen Informationen und Unterhaltung zu den Menschen."

Ihre Kommentare
Kopf
Sabine Böhme

Sabine Böhme

Marketingassistentin

21.04.2015
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Mit der Einschätzung für die Zukunft liegt Herr Rausch sicher richtig.


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