Chefredakteur Christian Krug zu kress.de: "Stern wird durch eigene Reporter getragen"

 

So richtig schmecken kann das Ulrich Reitz und Klaus Brinkbäumer eigentlich nicht. Da ziehen "Focus" und "Spiegel" ihren Erstverkaufstag schon nach vorne, und beim "Stern" steigt der Einzelverkauf um 18 Prozent. Gegenüber kress.de verrät "Stern"-Chefredakteur Christian Krug, was eine gute "Stern"-Story ausmacht, erklärt, warum Redaktion und Verlag für den Erfolg eng zusammenarbeiten müssen

So richtig schmecken kann das Ulrich Reitz und Klaus Brinkbäumer eigentlich nicht. Da ziehen "Focus" und "Spiegel" ihren Erstverkaufstag schon nach vorne, und beim "Stern" steigt der Einzelverkauf um 18 Prozent. Gegenüber kress.de verrät "Stern"-Chefredakteur Christian Krug, was eine gute "Stern"-Story ausmacht, erklärt, warum Redaktion und Verlag für den Erfolg eng zusammenarbeiten müssen und warum selbst frühere Burda-Manager die Titelstory freigeräumt bekommen.

Zur Person: Christian Krug

Zur Person: Christian Krug, geboren 1965 in Hamburg, startete nach einer zweijährigen Tätigkeit bei der "Hamburger Morgenpost" seine journalistische Karriere beim "Stern" 1989 als Inlands-Korrespondent in München unter den damaligen  Chefredakteuren Michael Jürgs und Herbert Riehl-Heyse. Weitere Stationen als stellvertretender Ressortleiter Kultur und Unterhaltung und als Reporter folgten. 1996 holte Stefan Aust Krug als Redaktionsleiter zu Spiegel-TV. Zudem war er Leiter "Digitale Tageszeitungen" beim Spiegel Verlag. 1999 kehrte er zum "Stern" als Ressortleiter "Deutschland Aktuell" zurück. Ein Jahr später wurde Krug Herausgeber und Chefredakteur der Zeitschrift „Max“, die er erfolgreich entwickelte und führte. Zudem leitete er die Entwicklungsredaktion der Verlagsgruppe Milchstraße. 2009 kehrte er zu Gruner + Jahr als Chefredakteur der Lufthansa Magazinfamilie zurück. 2012 folgte die Berufung zum Chefredakteur der "Gala". Seit Oktober 2014 leitet er den "Stern". Krug stammt aus einer Journalistenfamilie, sein Vater Gerhard Krug war Redakteur bei "Welt" und "Welt am Sonntag", später auch Reporter beim "Stern" und stellvertretender Chefredakteur von "Tempo". Christian Krugs Stiefmutter Birgit Lahann wurde 1989 für eine Reportage im "Stern" mit dem Egon-Erwin-Kisch-Preis ausgezeichnet.

Was eine gute "Stern"-Story ausmacht

kress.de: Herr Krug, was macht eine gute Stern-Story aus?

Christian Krug: Eine gute Stern-Story ist in aller Regel geprägt vom Talent des Reporters, der sie recherchiert und schreibt. Dabei ist es mir wichtig, dass im Stern viele unterschiedliche Stimmen zu hören sind. Eine gut und lange recherchierte Geschichte über Scharlatane unter Psychotherapeuten ist im Stern genauso zu finden wie eine über die wahren Hintergründe der Edathy-Affäre, die von unserem Investigativ-Team zusammen getragen wurden. Und natürlich prägt exzellente Fotografie ebenfalls eine gute Geschichte. Sie gehören zur DNA des Stern.

kress.de: Gehört dazu unbedingt auch, für den früheren Burda-Vorstand Todenhöfer die Titelstory freizuräumen und seinen Privatbesuch bei ISIS zu schildern?

Christian Krug: Selbstverständlich gehört das dazu. Die Reise von Jürgen Todenhöfer ist in vieler Hinsicht publizistisch spannend. Ihm ist es gelungen, einen tiefen Einblick in das Leben unter der Terrorherrschaft der IS zu bekommen. Sein Sohn hat dazu Fotos aus dem Herzen des Kalifats gemacht, die so bisher noch keinem Profifotografen gelungen sind. Das sind dichte Erzählungen, die den Schleier über den besetzten Gebieten ein Stück weit heben. Diese Exklusiv-Geschichte wollten wir den Stern-Lesern nicht vorenthalten. Ob Herr Todenhöfer in seinem früheren Leben einmal bei Burda eine bestimmende Rolle gespielt hat, ist für unsere Entscheidung irrelevant. Das Ergebnis zählt, nicht seine Manager-Biographie. Die interessiert den Leser doch nur am Rande.

kress.de: Welche Strahlkraft hat ein wöchentliches Magazin, wenn Informationen überall im Netz im Überfluss vorhanden sind? Wie verschafft man sich da noch Gehör?

Christian Krug: Da habe ich überhaupt keine Sorge. Solange wir mit unserem ganzen Netzwerk an Redakteuren, Reportern, Fotografen und Korrespondenten die Welt erklären, die zur Zeit wirklich aufwühlend und spannend ist, werden wir auch unsere Leser begeistern können. Es sind eben nicht alle Nachrichten im Netz erhältlich. Der Stern wurde immer durch die Leistung der eigenen Reporter getragen. In der Hinsicht haben wir immer noch ganz andere Möglichkeiten als Online-Redaktionen. Und die schnellen Nachrichten spielen wir natürlich längst online aus. Wir haben uns hervorragend eingespielt zwischen den beiden Redaktionen Print und Online und profitieren gegenseitig voneinander.

kress.de: Der Stern weist im ersten Quartal 2015 ein Plus im Einzelverkauf von 18 Prozent gegenüber dem Vorjahr auf. Was machen Sie anders als Ihre Vorgänger?

Christian Krug: Ja, das ist sensationell und freut uns sehr. Wir sehen, dass unsere Arbeit der vergangenen Monate Früchte trägt! Das ist sicherlich ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren, schließlich haben wir in Redaktion und Verlag an sehr vielen Stellschrauben gedreht. Wir haben das Heft umgebaut. Großen Stücken geben wir jetzt mehr Platz, setzen auf opulente Optik, bilden ein breiteres Themenspektrum ab und haben erstmals Ressortseiten eingeführt, die zu größerer redaktioneller Verlässlichkeit führen.

Charlie Hebdo auf 42 Seiten

Wir konnten mit exklusiven Geschichten punkten, wie mit dem öffentlichen Bekenntnis Helmut Schmidts zu seiner früheren Geliebten. Und wir haben guten Service geboten. Die Ausgabe mit einer Stern-Studie zur Erziehung unserer Kinder hat am Kiosk sehr gut funktioniert, genauso wie der Titel "Pfusch an der Seele" über Psychotherapie. Alles in allem haben wir die Leser mit einem guten Mix aus Themen und mit einem guten Gespür für Timing erreicht; was interessiert den Leser jetzt? Nach dem Attentat auf Charlie Hebdo haben wir auf 42 Seiten alle Hintergründe geliefert. Sicherlich spielt auch die besondere Nachrichtenlage eine Rolle, wir leben in bewegten Zeiten, es passiert viel in der Welt - und die Menschen suchen nach Einordnung und Hintergründen zur schnellen Nachricht. Das gelingt uns anscheinend gut.

Schnell auf aktuelle Ereignisse reagiert

Nicht zuletzt haben wir bewiesen, dass der Stern ganz schnell reagiert. Ausgabe 14 mit dem Titel "Einfach fit" war bereits produziert und in Druck gegangen, als uns die Nachricht des Absturzes der Germanwings-Maschine erreichte. Schon eine halbe Stunde später hatten wir beschlossen, einen Nachdruck zu produzieren. Dieser mit dem Titel "Der Todesflug. Rekonstruktion einer Tragödie" wurde mit 45 aktualisierten Seiten und einer Auflage von 250.000 Exemplaren am Freitag an die Kioske ausgeliefert. Das war eine großartige Leistung und hat gezeigt, dass wir gerüstet sind für die Aufgaben der medialen Zukunft und welche Rolle den Medien für die Aufklärung wichtiger Ereignisse zukommt. Aufgrund der IVW-Systematik pusht diese aktualisierte Ausgabe die EV-Auflage um 20.000 Exemplare, weil die Remissionen der Zusatzmenge erst im folgenden Quartal wirksam werden. Dennoch: Auch ohne diesen Effekt liegt der Stern mit 16.000 Exemplaren im Einzelverkauf und satten 8 Prozent über Vorjahr. Darauf sind wir stolz!

kress.de: Wie wichtig ist die Zusammenarbeit von Redaktion und Verlag, um auf den "Stern" aufmerksam zu machen?

Christian Krug: Unser Erfolg ist Ergebnis einer engen und guten Zusammenarbeit zwischen Redaktion und Verlag. Timings, Maßnahmen müssen genau aufeinander abgestimmt sein, und wir müssen alle die gleichen Ziele verfolgen. Nehmen Sie als Beispiel die neue Markenkampagne des Stern, die vergangene Woche gestartet ist. Sie verlängert die redaktionelle Positionierung "Stern. Das Reporter-Magazin" in Richtung der Leser und Nutzer und macht sie erlebbar: "Große Geschichten stehen im Stern". Sie ist ganz nah daran, was das Magazin ausmacht: an den großen Geschichten, die seine DNA ausmachen. Wir trommeln alle gemeinsam und sprechen dabei die gleiche Sprache, das ist wichtig.

"Diskutieren sehr viel über Geschichten"

kress.de: Wie wichtig ist es, mit dem richtigen Team zu arbeiten, mit kritischen Menschen, die auch einmal für eine Geschichte einstehen, auch wenn man vielleicht selbst am Anfang nicht so davon überzeugt ist?

Christian Krug: Glauben Sie mir, wir diskutieren sehr viel über Geschichten, die man machen könnte und die wir besser sein lassen sollten. Der Stern zeichnete sich immer schon durch seine streitbaren Geister aus. Jeder darf bei uns seine Meinung sagen. Am Ende muss trotzdem die Chefredaktion die Entscheidung treffen und sich dann auch der internen Kritik stellen.

Stern setzt Themen der Woche - vor Spiegel und Focus

kress.de: Spiegel und Focus haben ihren Erscheinungstag auf den Samstag vorgezogen, um Wochenendleser zu erreichen, die "Süddeutsche Zeitung" hat ihre Samstagsausgabe massiv erweitert. Merken Sie den Druck, dass viele Medien inzwischen vor allem am Wochenende punkten wollen?

Christian Krug: Wir spüren keinen Druck. Im Gegenteil, unser aktueller Auflagen-Erfolg gibt uns Recht. Die Entscheidung, den Ersterscheinungstag des Stern am Donnerstag zu belassen, war richtig. Der Stern erscheint jetzt vor Spiegel und Focus und setzt damit gefühlt die Themen der Woche als erstes der drei Magazine. Über diese Entwicklung sind wir natürlich sehr glücklich.

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