Türkei-Experte Baha Güngör: "Wünsche mir von Deniz Yücel menschliche Geschichten"

 

Von der "taz" zur "Welt": Bereits am 1. Mai übernimmt Deniz Yücel den Korrespondentenposten von "WeltN24" in Istanbul. Baha Güngör ist Türkei-Experte der Deutschen Welle. Er leitet dort die Türkei-Redaktion, sein Urteil über die Entwicklung am Bosporus ist auch bei anderen Medien gefragt. Im Gespräch mit kress.de erzählt Baha Güngör, wie sich die Arbeit von Journalisten in der Türkei geändert hat, erklärt die Metropole Istanbul, worauf es bei Kontakten mit Informanten ankommt -

Von der "taz" zur "Welt": Bereits am 1. Mai übernimmt Deniz Yücel den Korrespondentenposten von "WeltN24" in Istanbul. Baha Güngör ist Türkei-Experte der Deutschen Welle. Er leitet dort die Türkei-Redaktion, sein Urteil über die Entwicklung am Bosporus ist auch bei anderen Medien gefragt. Im Gespräch mit kress.de erzählt Baha Güngör, wie sich die Arbeit von Journalisten in der Türkei geändert hat, erklärt die Metropole Istanbul, worauf es bei Kontakten mit Informanten ankommt - und welche Storys er aus der Feder von Deniz Yücel lesen möchte.

Zur Person: Baha Güngör war von 1984 bis 1999 als Korrespondent für deutsche Medien in der Türkei, unter anderem für die "Westdeutsche Allgemeine Zeitung" und die Deutsche Presse-Agentur. Seit 1999 leitet er das türkische Programm des Auslandssenders "Deutsche Welle". Güngör war der erste türkische Volontär einer deutschen Tageszeitung - seine journalistische Karriere begann er bei der "Kölnischen Rundschau".

kress.de: Herr Güngör, Sie stammen aus der Türkei, waren aber dann auch mehrere Jahre Türkei-Korrespondent für deutsche Medien. Was hat Sie in ihrem Berufsleben besonders an dem Land begeistert?

Baha Güngör: Als gebürtiger Istanbuler hatte ich die Stadt noch als kuschelig in Erinnerung, als ich mich 1984 für die "WAZ" und mehrere deutsche Zeitungen in der Türkei und in Griechenland akkreditierte. Begeistert hatten mich die Gegensätze zwischen den Ballungszentren wie Istanbul, Ankara, Izmir oder Bursa auf der einen und der wunderschönen Regionen mit Zeugnissen von Hochkulturen der Geschichte Anatoliens sowie Thraziens. Diese Gegensätze gab es freilich auch innerhalb der Großstädte, wo kein Bezirk dem anderen gleicht. So ergaben sich Spannungsfelder, die sprudelnde Quellen für interessante Berichte und Features waren. Als dpa-Korrespondent stumpfte leider der Blick für das ganze Land ab und das tägliche Nachrichtengeschäft ließ kaum noch Zeit, um das Land über den Tellerrand hinaus zu betrachten. Der Aktionsradius wurde erheblich eingeengt und auf aktuelle Ereignisse reduziert.

Arbeit hat sich massiv beschleunigt

kress.de: Wie hat sich in den vergangenen Jahren die Arbeit für Korrespondenten in der Türkei verändert?

Baha Güngör: Früher konnte man Quellen telefonisch erreichen oder Journalisten mussten zu ihren Gesprächspartnern fahren. Heute ist Dank der schwindelerregenden technologischen Entwicklung das Gespräch über Face-Time oder Skype möglich. Und dank mobiler Telefone kann jeder Bürgersteig zu einem Büro werden, auf dem das gesprochene Wort schnell notiert und als E-Mail oder per WhatsApp oder Viber an die journalistischen Auftraggeber weitergeleitet werden. Ich habe in den vergangenen Jahren zum Beispiel sehr oft beim Warten auf den Flieger oder im Schnellzug kürzere Berichte oder Kommentare in mein Smartphone getippt und diese per Mail direkt zum Redigieren übermittelt. Was nun schlechter oder besser geworden ist, darüber streiten sich die Gelehrten. Aber ich trauere schon den Zeiten direkter persönlicher Kontakte nach, aus denen vielfach kollegiale oder auch private Freundschaften geworden sind.

Vertrauensverhältnis Grundlage für journalistische Arbeit

kress.de: War es schwierig für Sie, qualifizierte Gesprächspartner zu finden? Wie überzeugt man als Korrespondent für deutsche Medien türkische Gesprächspartner, mit einem zu sprechen?

Baha Güngör: Es war früher nicht schwierig, qualifizierte Gesprächspartner zu finden. Wichtig war das Vertrauensverhältnis auf einer soliden Basis. Gesprächspartner haben damals wie heute denen den Informationshahn zugedreht, die sich nicht an die Abmachungen gehalten hatten. Das betraf freilich vor allem den Unterschied zwischen direktem Zitat und Hintergrundinformation. Der "Hinterkopf" muss vom Durchzug geschützt werden, damit sich der journalistische Drang nach Information der Öffentlichkeit nicht verselbständigt und den kontrollierten Umgang mit dem Hintergrundwissen erschwert. Die Gesprächsbereitschaft türkischer Quellen hängt zumeist davon ab, wie vertrauenswürdig der gegenüber sitzende Journalist ist. Korrespondenten deutscher Medien haben es freilich etwas schwerer als türkische Journalisten, die für türkische Medien arbeiten. Entscheidend für die Gesprächsatmosphäre ist nicht zuletzt auch die Großwetterlage in den deutsch-türkischen Beziehungen. Von Journalisten mit türkischen Namen wird freilich auch "erwartet", dass er die Interessen der Türkei in den Vordergrund stellt, was aber auch zu großen Enttäuschungen führt. Vor allem dann, wenn Journalisten journalistisch sauber arbeiten und entsprechend den Erwartungen ihrer deutschen Auftraggeber kritisch mit der Türkei und den dort herrschenden politischen und sozialen Bedingungen umgehen.

Istanbul ist eine Kombination der 81 türkischen Provinzen

kress.de: Als erfahrener Journalist kennen Sie die Türkei genau. Wie sehr unterscheidet sich Istanbul vom Rest des Landes?

Baha Güngör: Istanbul ist eine Kombination aus 81 Provinzen der Türkei. Vergleichbar mit den Ballungszentren im Ruhrgebiet, wo vielerorts auch der Übergang von einer Stadt zur anderen nicht bemerkt wird, kann in Istanbul der Wechsel von einem Bezirk zum anderen zu einer ganz anderen Welt führen. Als mein Volontariat begann, hatte Istanbul vier Millionen Einwohner, die Türkei 40 Millionen. Heute hat sich die Einwohnerzahl von Istanbul nahezu verfünffacht, die Bevölkerungszahl im ganzen Land knapp verdoppelt. Die Masseneinwanderung aus Anatolien hat Istanbul viele Bezirke, viele Stadtteile beschert, in denen Menschen aus bestimmten Regionen Anatoliens wie in ihren Heimatprovinzen von der Ägäis bis zum Berg Ararat, von Hakkari bis Edirne weiterleben. Auch dieses sehr heterogene Tableau als Abbild Anatoliens bietet Journalisten unerschöpfliche Möglichkeiten für Recherchen und für gute Reportagen. Allein die Spannungsfelder zwischen den bildungsfernen Schichten und den Bildungseliten oft in benachbarten Bezirken oder Vierteln haben mich schon damals immer wieder zu interessanten Artikeln inspiriert.

Erdogan hat Arbeit für Journalisten erschwert

kress.de: Staatspräsident Erdogan wird ein schwieriges Verhältnis zu Journalisten nachgesagt. Wie wirkt sich das aus Ihrer Sicht auf Journalisten aus, die als Korrespondenten in die Türkei entsandt werden?

Baha Güngör: Staatschef Erdogan hat leider den Bezug zur Realität verloren und akzeptiert keine Kritik an seiner Person oder an seiner Arbeitsweise. Der Druck von ihm oder von seinem direkten Umfeld auf die Medien hat leider die Türkei in Sachen Pressefreiheit in weltweiten Vergleichen internationaler Journalistenorganisationen auf unwürdige hintere Plätze abgedrängt. Journalisten, die in die Türkei entsandt werden, müssen die Bedingungen gut kennen. Der Reflex von vielen Politikern auch in Europa, Autoren von kritischen Artikeln als "unwahr" oder als "gelogen" abzustempeln, oder von bewussten Kampagnen gegen die eigene Regierung, gegen das eigene Land zu sprechen, ist bei Erdogan besonders ausgeprägt. In den öffentlichen Debatten haben Verschwörungstheorien einen hohen Rang, was die Arbeit von Korrespondenten zusätzlich erschwert.

Korrespondenten dürfen sich nicht einschüchtern lassen

kress.de: Gibt es Themen, die man als deutscher Korrespondent meiden sollte, weil man davon ausgehen kann, dass ein Aufschrei durchs Land geht?

Baha Güngör: Nein, so eine Einschränkung darf es auch nicht geben, solange die Türkei bei aller Kritik an den Verhältnissen eine pluralistische Demokratie bleibt.

Konkurrenzkämpfe und Revierschutzreflexe

kress.de: Istanbul gilt seit Jahrzehnten als attraktive Station für Korrespondenten. Wie ist das Verhältnis der ausländischen Journalisten untereinander?

Baha Güngör: Ich lebe seit 16 Jahren wieder in Deutschland. Auch wenn ich beruflich sehr oft in die Türkei fliege und auch in Istanbul bin, kenne ich noch einige ausländische Journalisten persönlich, bin mit ihnen aber auch nicht in sehr enger Verbindung. Ich höre aber auch viele Dinge über Konkurrenzkämpfe oder Revierschutzreflexe. Das ist auch völlig normal für Journalisten gerade in einem politisch und gesellschaftlich schwierigen Umfeld wie in der Türkei. Im vergangenen Jahr hat der "Spiegel" seinen Korrespondenten Hasnain Kazim für kurze Zeit abberufen, weil er massiv angegriffen wurde.

kress.de: Im vergangenen Jahr hat der "Spiegel" seinen Korrespondenten Hasnain Kazim für kurze Zeit abberufen, weil er massiv angegriffen wurde.  Die "Welt" hat jetzt als ihren neuen Korrespondenten Deniz Yücel ernannt, der als scharfzüngiger journalistischer Beobachter gilt, der Grenzen gerne einreißt. Welchen Ratschlag haben Sie für den Kollegen Yücel?

Baha Güngör: Das, was dem Kollegen Kazim passiert ist, kann auch den Kollegen Yücel passieren. Vollblutjournalisten werden sich vor heiklen Themen nicht scheuen und das nicht nur, weil ihre Zentralen das von ihnen so erwarten. Das kann jeden anderen deutschen oder ausländischen Journalisten treffen. Der Entzug der Akkreditierung ist stets ein Thema. Den Satz eines türkischen Kollegen in den 80er Jahren werde ich nie vergessen: "Wenn du etwas schreibst, was denen da oben missfällt, wirst du rausgeschmissen - wir landen im Gefängnis."

Neuer "WeltN24"-Korrespondent soll Menschen in Mittelpunkt stellen

kress.de: Gibt es ein Thema, dem sich Herr Yücel aus Ihrer Sicht auf jeden Fall widmen sollte?

Baha Güngör: Was ich von Herrn Yücel gerne lesen würde, wäre die Hervorhebung des Menschlichen in der türkischen Gesellschaft. Es gibt viel zu wenige Berichte darüber, die aufzeigen, dass in der Türkei in vielen zivilgesellschaftlichen Organisationen für Frauenrechte, gegen Kinderarbeit, gegen Analphabetismus oder gegen die Umweltverschmutzung Heere von ehrennamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gibt. Wie funktioniert das Ehrenamt in der Türkei? Die Begleitung einer Familie, die aus Anatolien neu nach Istanbul kommt, wäre auch mal interessant, um die Hintergründe der Landflucht seit Jahrzehnten zu durchleuchten. Kommen die Menschen nur aus wirtschaftlichen Gründen? Oder was treibt sie in ein Moloch? Flucht vor Stammesfehden?

Berichte direkt aus dem Innenleben der Gesellschaft

Ich würde gerne Artikel lesen, die sich auf Begleitung von Menschen durch den Alltag stützen und somit auch neben den sicherlich nicht zu knappen Missständen die zwischenmenschlichen Beziehungen näher bringen. So könnten auch vielleicht neue Erkenntnisse gewonnen werden, warum sich Türken in Deutschland nicht richtig verständlich machen können, was sie sich unter "Integration" vorstellen. Berichte und Features über das Innenleben in der Gesellschaft, in den Familien mit unterschiedlichen Bildungsgraden gibt es bislang zu wenige. Jedenfalls wird Herr Yücel keinen Mangel erleben, wenn er den privaten und beruflichen Alltag von ganz normalen Menschen mit offenen Augen und Ohren wahrnimmt und verarbeitet. Davon bin ich überzeugt!

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