Streit um Videos beim Amateurfußball: Medien kritisieren "Knebelverträge", Vereine sind Leidtragende

24.04.2015
 

In Bayern sollen Videoteams künftig nur noch unter bestimmten Voraussetzungen am Spielfeldrand der Amateure filmen dürfen. Denn der Bayerische Fußballverband möchte Lizenzen verteilen und damit die Berichterstattung kontrollieren. Viele Fußballklubs werden das stillschweigend akzeptieren, um weiterhin spielen zu dürfen. kress.de hat sich bei Branchenexperten umgehört. Dietmar Wolff (BDZV) kritisiert:

Für die kommende Saison gibt es in den bayerischen Amateurklassen nur noch Lizenzen für Vereine, die den neuen Medienrichtlinien des Bayerischen Fußballverbandes (BFV) zustimmen. Viele Fußballklubs werden das stillschweigend akzeptieren, um weiterhin spielen zu dürfen. Öffentlich äußern wollen sich die wenigsten.

Für den Profi-Fußball in Deutschland gibt es seit langem andere Richtlinien, die von der Deutschen Fußball Liga (DFL) jährlich neu herausgegeben werden. Darin wird zum Beispiel geregelt, dass der Bezahlsender Sky seit der Saison 2013/2014 alle 306 Bundesligaspiele live zeigen darf - und das auf allen Übertragungswegen, also auch mit Sky Go auf dem Handy und im Internet. Die ersten Bilder im Free-TV darf die ARD-Sportschau am Samstag ab 18.30 Uhr zeigen; die ersten Bilder vom Samstagabendspiel gibt es im "Aktuellen Sportstudio" im ZDF. Lediglich das Saisoneröffnungsspiel und das erste Spiel der Rückrunde sowie die Relegationsspiele dürfen von ARD/ZDF live im Free-TV gezeigt werden. Die Umsetzung und Überwachung obliegt dabei - nach Angaben der DFL - bei den Vereinen und Kapitalgesellschaften. In der ersten und zweiten Bundesliga ist also schon längst Realität, was in Bayern nun auch auf den Amateurbereich übertragen werden soll: die Kanalisierung von Medienberichterstattung.

Auch Amateurspiele müssen in Szene gesetzt werden

Martin Scholti, Vereinsvorsitzender des BSC Saas Bayreuth kritisiert: "Die Strukturen der Profis können nicht einfach auf den Amateurbereich übertragen werden - das passiert in Bayern aber gerade", sagt er gegenüber kress.de. In Bayern sollen Videoteams künftig nur noch unter bestimmten Voraussetzungen am Spielfeldrand der Amateure filmen dürfen. Denn der Bayerische Fußballverband möchte Lizenzen verteilen und damit die Berichterstattung über Regional-, Bayern- und Landesliga kontrollieren. Konkret heißt das: Medien dürfen nur dann noch filmen, wenn sie dafür zahlen oder dem BFV die Videos kostenlos und ohne Quellenangabe zur Verfügung stellen.

Eine Forderung, die der Fußballverband, der jährlich eine halbe Million an Fördergeldern vom Freistaat Bayern erhält, nicht stellen darf. "Zunächst einmal kann niemand etwas dagegen haben, dass Amateurspiele auch visuell in Szene gesetzt und mit den heutigen Verbreitungsmöglichkeiten in einen Fokus gerückt werden", sagt Christian Frommert, Kommunikations- und Mediendirektor der Bundesligisten TSG 1899 Hoffenheim auf Anfrage von kress.de. "Da sollte es aus meiner Sicht so wenig wie möglich Barrieren geben. Letztlich kommt das ja dem Sport und somit auch der Nachwuchsförderung zugute." Frommert ist einer der wenigen Verantwortlichen aus 1. und 2. Bundesliga, der sich zu der aktuellen Problematik überhaupt äußern will. "Wenn Amateurspiele für viele Menschen abrufbar sind, dann steigert das die Attraktivität, die Motivation und letztlich die Organisation. Und am Ende profitiert der Profifußball dadurch, dass die Basis bis hinunter in die Jugend gestärkt wird", betont Frommert gegenüber kress.de

Sportreporter Erich Laaser hat den Eindruck, dass der BFV lediglich Geld generieren will. Laaser ist seit 1999 Präsident des Verbandes Deutscher Sportjournalisten, wurde aktuell in seinem Amt bestätigt. "Das ist nicht im Sinne des Amateurfußballs", kritisiert Laaser scharf. Der Bundesgerichtshof habe schon einmal im Interesse der Hartplatzhelden entschieden und daran sollte man sich auch in Bayern halten.

Journalisten erster und zweiter Klasse

"Es ist nicht im Sinne der Fußballer, dass wieder einmal versucht wird, die Symbiose zwischen Fußball und Medien aufs Spiel zu setzen - und die Medienberichterstattung zu kanalisieren", sagt Dietmar Wolff, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Deutscher Zeitungsverleger. Der Verband ist schon in der Saison 2005/06 gegen das Regelwerk der DFL Sturm gelaufen. Damals sah es unter anderem vor, dass Zeitungs- und Agenturjournalisten erst zehn Minuten nach Ende eines Bundesligaspiels in der Mixed-Zone die Spieler interviewen dürfen. Vorher sind Fernseh- und Hörfunkreporter dran. Für die DFL gebe es offensichtlich Journalisten "erster und zweiter Klasse", kritisierte der BDZV damals.

Es ist ein Anachronismus, dass da wieder einmal ein Fußballverband versucht, jene Medien fernzuhalten, die nicht bereit sind, ihr Material kostenlos zur Verfügung zu stellen," kritisiert Hendrik Zörner. Es sei ein "Knebelvertrag", dem die Medien da zustimmen sollen. "Wir begrüßen, dass die betroffenen Medien nun den juristischen Weg beschreiten wollen, weil nicht hinnehmbar ist, was der Bayerische Fußballverband da vor hat", so der Sprecher des Deutschen Journalisten Verbandes (DJV).

Wir unterschreiben trotzdem

Obwohl Verantwortliche wie Martin Scholti, Vereinsvorsitzender des BSC Saas Bayreuth, die neuen Richtlinien kritisieren, scheint dies nicht für einen Kurswechsel zu reichen. Auch Scholtis Verein wird dem Vertrag zustimmen - wenn auch zähneknirschend: "Die Spieler können nichts dafür, und ich möchte ihnen nicht den sportlichen Anreiz nehmen, in dieser Liga zu spielen. Ohne unsere Zusage würden wir künftig keine Lizenz mehr bekommen", sagt er.

Denn genau damit droht der Bayerischen Fußballverband den Mannschaften, die die neuen Medienrichtlinien nicht unterschreiben. "Arbeit, die in den Vereinen geleistet wird, wird zum großen Teil ehrenamtlich gemacht. Es kann nicht sein, dass uns der Verband immer neue Auflagen macht, die wir als Verein nur schwer oder überhaupt nicht erfüllen können", sagt Scholti. Die Vereine müssten immer nur ausführen, würden dafür aber immer weniger vom BFV zurück bekommen - im Gegenteil, in der Vergangenheit wurden die Kosten für Spielerpässe von 16 auf 50 Euro angehoben. "Ein Verein, wie wir es sind, der vermehrt mit immer mehr wechselnden Spielern zu tun hat, bekommt hier größere Kosten aufgedrückt. Der Verband melkt seine Vereine." Der BFV agiere teilweise "gutsherrenmäßig" und setze Maßnahmen ohne Absprache mit den Vereinen zu seinem finanziellen Nutzen durch. "Das akzeptiere ich nicht", sagt Scholti. "Eine kritische unabhängige Berichterstattung und Kommentierung ist wichtig. Sie fördert die Glaubwürdigkeit und schärft das Produkt", gibt Christian Frommert von der TSG 1899 Hoffenheim zu Bedenken.

Ihre Kommentare
Kopf
Thomas Bauer

Thomas Bauer

TOM-Verlag
Verlagsleiter

24.04.2015
!

Es gibt so viele andere interessante Amateur-Sportarten, über die die Bewegtbild-Medien berichten können… schade für die jungen Fußballer, aber darauf muss, sollte sich auf Seiten der Medien niemand einlassen. Auch aus Solidarität mit den Vereinen.


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