Thomas Middelhoff: Deutschland jagt den Superstar

 

Im Laufe der Woche wird Thomas Middelhoff wohl erst einmal aus dem Gefängnis herauskommen. Der einstige Superstar, ein Manager, der stets die richtigen Entscheidungen traf, hat einen beispiellosen Fall hinter sich.

Im Laufe der Woche wird Thomas Middelhoff wohl erst einmal aus dem Gefängnis herauskommen. Der einstige Superstar, ein Manager, der stets die richtigen Entscheidungen traf, hat einen beispiellosen Fall hinter sich.

kress.de hat den Aufstieg und Fall von Thomas Middelhoff nachgezeichnet.

Für den gebürtigen Düsseldorf Thomas Middelhoff, geboren am 11. Mai 1953, gab es kein Halten. Er erkannte früh die Bedeutung des Internets und scheffelte Millionen für seinen Arbeitgeber Bertelsmann. Sein ungebremstes Selbstbewusstsein sorgte dafür, dass viele Journalisten und Meinungsmacher kein gutes Bild von Middelhoff zeichnen, der seit Jahren von einer Pechsträhne verfolgt zu sein scheint. Der Aufstieg und Fall von Thomas Middelhoff ist ein Beispiel dafür, was passieren kann, wenn im Berufsleben einfach nichts mehr klappen will.

Aufstieg und Fall

1995 geht Deutschland online. Lokale Provider aber auch Compuserve schaffen Internetzugänge für Millionen. Mit dabei AOL, das mit aggressiver Werbung auf den Markt drängt. Der Mann hinter AOL-Deutschland ist ein junger Bertelsmann-Manager: Thomas Middelhoff fädelt das Joint Venture zwischen dem Gütersloher Medienriesen und AOL-Europe ein. Ein Jahr später beteiligt sich Bertelsmann auf sein Bestreben hin an der damals angesagten Online-Agentur Pixelpark. Die stellt im selben Jahr ihr ambitioniertes Magazin Wildpark ein. Auf Heise erklärt die ehemalige Chefredakteurin Sabine Fischer weise Worte, die damals kaum jemand hören will: "Ich bin der Meinung, dass die normalen Vermarktungskonzepte, die bei den Printmagazinen funktionieren, also der Verkauf von Werbeflächen, im Internet nicht funktionieren."

1998: Middelhoff wird Vorstandvorsitzender von Bertelsmann. Der "Spiegel" nennt ihn eine "Marketingmaschine". Auf seinen Job hat er sich durch Reisen in die ganze Welt vorbereitet: "Middelhoff ist seit Monaten weltweit unterwegs, um neue Geschäftsfelder, künftige Techniktrends und internationale Mitspieler kennenzulernen."

2000: Das kopieren von CDs hat bei der Musikindustrie schon für graue Haare gesorgt. Um die Jahrtausendwende ist ein neuer Feind aufgetaucht: Napster. Musik in Form von MP3 Dateien können nun online heruntergeladen werden. Middelhoff beteiligt sich an der Musiktauschbörse. Bei AOL steigt der Konzern aus und streicht für seine Beteiligung 7,5 Milliarden Euro ein.

2002: Um weiter mit Bertelsmann zu expandieren, braucht Middelhoff Geld. Das will er sich an der Börse besorgen. Darüber gibt es Streit mit Bertelsmann-Patriach Reinhard Mohn. Auch was die künftige Unternehmenskultur betrifft, liegen zwischen den beiden Welt. Middelhoff verlässt das Unternehmen. Der "Welt am Sonntag" sagt Liz Mohn: "Middelhoff hat gute Arbeit geleistet."

2003: Alle Gerüchte finden ihr Ende: Middelhoff hat nach seiner Zeit bei Bertelsmann weder AOL noch die Telekom oder das Weltwirtschaftsforum in Davos übernommen. Er wird Partner und Europachef der Beteiligungsgesellschaft Investcorp. Die Entscheidung für Investcorp hat sich Middelhoff nach eigenen Worten nicht leicht gemacht. Dem Sender n-tv sagte er: "Als ich im Sommer nach 16 Jahren bei Bertelsmann ausschied, hatte ich meine künftigen beruflichen Schritte sehr gründlich zu prüfen. Mit einem Alter von 50 Jahren war es mir wichtig, in einer Perspektive von zehn bis 15 Jahren zu denken. Drei Dinge waren mir dabei besonders wichtig: Das Unternehmen sollte im Bereich TMT (Telekommunikation, Medien, Technologie) aktiv sein; es sollte börsennotiert sein und international aufgestellt."

2004: Thomas Middelhoff wird Aufsichtsratschef bei Karstadt-Quelle. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" fragt sich: "Was treibt einen Manager wie Middelhoff, einst ein gefeierter Superstar der New Economy, der sich schlafwandlerisch sicher auf internationalem Parkett bewegte und die Medienindustrie zu neuen Ufern führen wollte, in die Niederungen des deutschen Einzelhandels?" Karstadt gilt damals schon als angeschlagenes Unternehmen. Die "FAZ" hält die Übernahmen des Posten für riskant: "Sollte die Sanierung von Karstadt-Quelle scheitern, wäre Middelhoffs Reputation beschädigt."

2004: Middelhoff verbreitet Optimismus. Karstadt soll schneller und schlanker, die einzelnen Kaufhäuser selbstständiger geführt werden. Der "Wirtschaftswoche" sagt Middelhoff: "Unser entscheidender Vorteil gegenüber jedem anderen Wettbewerber sind unsere Immobilien."

2005: Headhunter fanden keinen passenden Ersatz für Karstadt-Quelle Chef Achenbach, also übernahm Middelhoff den Job und wechselte vom Aufsichtsrat in den Vorstand. Die "Wirtschaftswoche" weist auf ein Manko Middelhoffs hin: "Der promovierte Betriebswirt und frühere Bertelsmann-Chef Middelhoff gilt nicht als Handelsprofi."

2007: Die "Marketingmaschine" Middelhoff überrascht alle. Aus dem biederen Karstadt-Quelle wird Arcandor. Eine goldige Idee, wie das Handelsblatt zu berichten weiß: "Er soll nach den Worten des Konzernchefs künftig für "Verlässlichkeit, Treue und Mut" stehen. Gleichzeitig soll der neue Name nach dem Willen seiner Schöpfer an "Arkaden" und "Gold" erinnern. Auch verspricht man sich von Arcandor mehr Attraktivität für ausländische Investoren. Der Anfangsbuchstaben "A" sichert dabei ganz nebenbei einen vorderen Platz in der Tabelle des Börsensegments MDAX."

2008: Die Stimmung bei Arcandor ist schlecht, das Unternehmen strauchelt. Doch Middelhoff lässt sich das Feiern nicht verbieten. Die "Bild" gibt VIP-Alarm. Im Kaufhaus am Hamburger Jungfernstieg kamen 6000 Gäste zusammen, "darunter die ganz Großen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Auf der Gästeliste: Kurt Beck, der Bundesvorsitzende der SPD, Schauspielerin Yasmina Filali und ihr Ex-Kicker Thomas Helmer, Schauspielerin Ursula Karven und Ex-Außenminister Hans-Dietrich Genscher, Air-Berlin-Chef Joachim Hunold und die frisch verheiratete Designerin Jette Joop."

2008: Die fetten Jahre sind für Middelhoff vorbei. Auch die Party mit Kurt Beck im April konnte daran nichts ändern. Die "Westdeutsche Allgemeine Zeitung" berichtet: "Die Luft für Thomas Middelhoff an der Spitze des Essener Touristik- und Handelskonzerns Arcandor wird immer dünner. Die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) fordert seinen Rücktritt. Die Finanzaufsicht BaFin hat den Konzern ins Visier genommen, Arbeitnehmervertreter fordern Aufklärung. Hintergrund ist die verwirrende Informationspolitik der vergangenen Tage."

2009: Im Februar ist Middelhoffs Zeit bei Arcandor zu Ende. "Arcandor-Chef Thomas Middelhoff verabschiedet sich mit roten Zahlen von dem Essener Handels- und Touristikkonzern. Im Weihnachtsquartal erwirtschaftete das angeschlagene Unternehmen unter dem Strich einen Verlust von 58 Mio €. Das Minus fiel damit noch 20 Mio € höher aus als im Vorjahreszeitraum", schreibt die "WAZ". Die Deutsche Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz setzt das Unternehmen auf Platz 24 der größten Kapitalvernichter. Im Juni ist Arcandor insolvent.

In Essen startet gegen Middelhoff der Prozess gegen Untreue in 48 Fällen. Die "Bild" titelt "Absturz eines Super-Managers". Der Gescholtene ist sich indes sicher, keine Fehler gemacht zu haben: "Wir haben 2004 das Unternehmen kurz vor Toresschluss gerettet. Und ich bin überzeugt davon, dass wir seit 2004 die richtigen Entscheidungen getroffen haben. Geändert haben sich infolge der globalen Krise aber die Finanzierungsbedingungen. 2008 und 2009 war es fast unmöglich, Kredite für ein Restrukturierungsunternehmen zu bekommen. Wenn man über einen Konzern sagen kann, dass er Opfer der Finanzmarktkrise geworden ist, dann ist es Arcandor. Deswegen ist es für mich völlig unverständlich, dass dem Unternehmen jede Unterstützung aus dem Deutschlandfonds versagt wurde." Das "Handelsblatt" urteilt hart: "Er kam als Hoffnungsträger, ging als Versager und nun ermittelt die Justiz gegen ihn. Für Thomas Middelhoff ist das Kapitel Arcandor weder angenehm noch beendet. Die Essener Staatsanwaltschaft hat ein Ermittlungsverfahren gegen den früheren Arcandor-Chef eingeleitet."

2010: Die "Süddeutsche Zeitung" analysiert die Vermögensverhältnisse von Middelhoff und kommt zu dem Schluss: "Big T ist nicht pleite. Pleite ist nur Arcandor - und Sal. Oppenheim hat viel Geld verloren. Alles weitere bespricht der Staatsanwalt."

Der damalige Handelsexperte der "Welt", Hagen Seidel, beschreibt in seinem Buch "Arcandors Absturz" den Niedergang so: "Arcandor mit seinen Marken Karstadt und Quelle ist eine der größten Pleiten der deutschen Nachkriegsgeschichte. 100.000 Mitarbeiter blickten in den Abgrund".

2012: Für Middelhoff wird es vor Gericht immer enger: "Das Landgericht Essen entschied am Mittwoch in einem sogenannten Grundurteil, Middelhoff als Vorstandschef und drei andere ehemalige Vorstände der Karstadt-Muttergesellschaft Arcandor hätten beim Verkauf eines Kaufhauses in Wiesbaden ihre Pflichten verletzt.", meldet der "Spiegel".

Die eigenen Finanzen bereiten ihm enorme Sorgen: "Auf den ehemaligen Arcandor-Chef Thomas Middelhoff kommt nach einem Gerichtsurteil unter anderem wegen ungerechtfertigter Boni eine Millionen-Zahlung zu. Middelhoff müsse rund 3,4 Millionen Euro an den Arcandor-Insolvenzverwalter überweisen, entschied das Landgericht Essen am Montag" schreibt die "Süddeutsche Zeitung".

Eine Yacht-Finanzierung seiner ehemaligen Sal.-Oppenheim-Freunde Matthias Graf von Krockow und Georg Baron von Ullmann macht sein Leben auch nicht leichter. Der "Spiegel" weiß um Middelhoffs finanzielle Krise: Bei Middelhoffs sei die "Verschuldungsfähigkeit weit über die Grenzen des Erträglichen hinaus überspannt", für das Ehepaar handele es sich um eine "persönliche Katastrophe".

2013: Ein letztes Aufbäumen vor der endgültigen Katastrophe: Middelhoff will nach Spiegel-Angaben 120 Millionen Euro von den Arcandor-Insolvenzanwälten: "Middelhoff-Anwalt Winfried Holtermüller begründete die Millionenforderung mit den "Imageschäden" und den "enormen geschäftlichen Schäden", die Middelhoff durch das Vorgehen und die Äußerungen der beiden Insolvenzverwalter erlitten habe. Sie hatten Middelhoff und andere Arcandor-Manager unter anderem wegen angeblicher Managementfehler auf Schadenersatz in Höhe von 175 Milliionen Euro verklagt."

2014: Im Prozess kommen immer mehr Details über Middelhoffs Zeit bei Karstadt heraus: "Während Mitarbeiter um ihren Job zitterten, soll "Big T" wie ein Feudalherr auf Kosten des Konzerns gelebt haben" schreibt die "WAZ". Neben 48 Flügen interessiert sich das Gericht auch für edle Weine, teure Tischdekoration und "Mittelmeertouren auf seiner 33-Meter-Yacht Medici".

Die "Huffington Post" sorgt sich indes um die Gesundheit ihrer Leser: "Middelhoff-Syndrom: 5 Anzeichen dafür, dass Sie zu den Betroffenen gehören" Ganz gefährlich wird es demnach für Menschen, "die in ihrer eigenen Realität leben, weil sie nicht mehr hören (hören wollen), was andere ihnen sagen."

Zumindest etwas Mitgefühl hat noch die "Bunte", als Middelhoff seinen Chronometer abgegeben muss: "Um eine Luxusuhr im Wert von 20.000 Euro leichter ist nun Thomas Middelhoff, der ehemalige Chef von Arcandor. Eine Gerichtsvollzieherin habe ihm das gute Stück im Auftrag eines Gläubigers pfänden müssen."

Ab November allerdings regeln andere den Tagesablauf von Middelhoff. Er kommt in Haft: "Angeblich wird Middelhoffs Einzelzelle Tag und Nacht alle 15 Minuten überprüft - weil Doliwa offenbar Sorge hat, der Manager könnte sich unter seiner Obhut etwas antun." Schreibt die "Wirtschaftswoche" und erkennt zurecht, dass der Middelhoff-Knast zumindest im " netten Stadtteil Essen-Rüttenscheid" liegt. Zu drei Jahren Gefängnis wird Middelhoff verurteilt. Er wird Revision einlegen, bleibt aber erst einmal in Haft. Die "FAZ" stellt fest: "Nun hat Middelhoff alles verloren: Ruhm, Geld und Freunde. Vor solch einem Absturz ist nur geschützt, wer auch im Erfolg zwischen dem Amt und der Person zu unterscheiden weiß. Und wer dann auch noch im richtigen Moment loslassen kann, kann sogar ein wirklich Großer werden."

2015: Das Häftlinge in die Privatinsolvenz gehen, ist eher üblich als eine Ausnahme. Bei Thomas Middelhoff ist es trotzdem aus guten Gründen eine Schlagzeile wert, war er doch nicht gerade der Insasse von der Trinkhalle nebenan: "Der ehemalige Spitzenmanager Thomas Middelhoff hat nach Angaben des Amtsgerichts Bielefeld einen Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens über sein eigenes Vermögen gestellt," schreibt der "Spiegel". Derweil hat das Gericht eine Freilassung auf Kaution abgelehnt.

Middelhoff erkrankt in der Haft. Laut "Welt" reichen seine Anwälte Haftbeschwerde ein: "Vor allem der permanente Schlafentzug macht dem berühmten Mandanten zu schaffen. Wie die Middelhoff-Anwälte jetzt mitteilten, gehe es dem 61-jährigen Thomas Middelhoff alles andere als gut im Gefängnis. Sie reichten Haftbeschwerde ein, da Middelhoff "sehr krank" sei." Nach einem Bericht der "Bild" sorgt sich Amnesty International um den ehemaligen Manager und auch die Grünen sind besorgt. Wegen Selbstmordgefahr war Middelhoff alle 15 Minuten kontrolliert worden und wurde so um den Schlaf gebracht. Nötig wurde dieses Verfahren, weil Middelhoff in einer Einzelzelle untergebracht war - das allerdings auf eigenen Wunsch, wie "Bild" weiß.

Middelhoff kommt aus der Haft frei. "Bild am Sonntag" veröffentlicht Fotos des kranken Managers aus dem Gefängnis und der "Spiegel" berichtet über den mutmaßlichen den Zahler der Kautionssumme von 895.000 Euro: "Wer zahlt die Kaution für Thomas Middelhoff? Im Zusammenhang mit der angekündigten Haftentlassung des ehemaligen Arcandor-Chefs gibt es nach Informationen des "Spiegel" Hinweise, dass der Hamburger Pflegeheimbetreiber Ulrich Marseille als einer der Geldgeber für die vom Gericht geforderten 895.000 Euro einspringen könnte." Laut "Bild am Sonntag" will Middelhoff ein Freund aus alten Tagen helfen: AOL-Gründer Steve Case soll einen Teil der Kaution stellen.

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