Unternehmer Ulrich Marseille: Warum wir 199,20 Euro vom "Spiegel" wollten

 

199,20 Euro haben die Marseille Kliniken als Aufwandsentschädigung vom Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" für die Beantwortung von neun ausführlichen Fragen verlangt. Die Frage, ob das Unternehmen das denn überhaupt dürfe, wird seit Tagen im Netz diskutiert. Als "PR-Katastrophe" bezeichnen Kritiker das Vorgehen der Marseille-Kliniken AG; für Ulrich Marseille ist die Sache dagegen klar:

199,20 Euro haben die Marseille Kliniken als Aufwandsentschädigung vom Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" für die Beantwortung von neun ausführlichen Fragen verlangt. Die Frage, ob das Unternehmen das denn überhaupt dürfe, wird seit Tagen im Netz diskutiert. Als "PR-Katastrophe" bezeichnen Kritiker das Vorgehen der Marseille-Kliniken AG; für Ulrich Marseille ist die Sache dagegen klar: "Ich wehre mich gegen den Ausschnittsjournalismus des Spiegel", sagt er am kress.de-Telefon.

Fast 5000 Mitarbeiter, 55 Pflegeeinrichtungen, vier Wohnanlagen für Betreutes Wohnen - seit über 30 Jahren steht die Pflege von Menschen im Mittelpunkt der Arbeit der Marseille-Kliniken AG. Vorstand ist Dieter Wopen; Unternehmensgründer Ulrich Marseille sitzt dem Aufsichtsrat vor, dem auch der frühere "Bild"-Chefredakteur Hans-Hermann Tiedje, heute Vorstandsvorsitzender des Kommunikations-Beratungsunternehmens WMP Eurocom AG, und der Mediziner und Unternehmer Prof. Dr. Dietmar Enderlein angehören.

Ulrich Marseille ist eine schillernde Persönlichkeit, kein Mann, der mit seiner Meinung hinter dem Berg hält; wen er mag, den mag er, wer bei ihm in Ungnade fällt, wird ignoriert. So einfach ist die Unternehmerwelt; und so außergewöhnlich in Zeiten, in denen nur wenige Macher noch tatsächlich zu ihrem Wort stehen und nicht jede Silbe erst von einem Heer von Beratern prüfen lassen, bevor sie Dampf ablassen.

"Ich habe nichts gegen die Presse. Im Gegenteil, die Presse, die Medien sind für ein freiheitlich-demokratisches Land unheimlich wichtig", sagt Ulrich Marseille im Gespräch mit kress.de. Es ist das erste Mal, dass sich Marseille zu dem Bericht vom aktuellen "Spiegel" zu Wort meldet. Das Hamburger Nachrichtenmagazin schreibt, Marseille gelte als Kautionsgeber für den früheren Top-Manager Thomas Middelhoff. Middelhoffs Fall wird seit Jahren genüsslich im "Spiegel" ausgebreitet; die Möglichkeit, dass ausgerechnet Marseille, auch so ein Macher, der gerne und oft Kritik auf sich zog und zieht, die Kaution bezahlt haben könnte, verleitete das Nachrichtenmagazin auch zu einer Vorabmeldung. Andere Medien wie das "Handelsblatt" griffen das Thema gerne auf; der "Süddeutschen Zeitung" oblag es dann, die "Spiegel"-Nachricht zu korrigieren.

Gegenüber kress.de gibt Marseille freimütig zu, dass er Thomas Middelhoff, früher einmal auch Aufsichtsrat der Marseille Kliniken, Geld geliehen habe. Seine Schulden habe Middelhoff komplett zurückbezahlt, so Marseille. Zu Middelhoff habe er keinen Kontakt mehr; auch die Kaution habe er nicht für ihn bezahlt.

"Warum sollen wir Fragen beantworten, die uns nicht betreffen, uns aber Arbeit machen?"

Aber warum wollte er 199,20 Euro für eine kleine Antwort vom "Spiegel"? Er hätte doch einfach sagen können, von mir gab es kein Geld für Middelhoffs Kaution? Marseille erklärt, dass es nicht eine Frage gewesen sei, die ihm der "Spiegel"-Autor gestellt habe, sondern neun: "Warum sollen wir Fragen beantworten, die uns nicht betreffen, uns aber Arbeit machen? Und warum sollen wir das umsonst machen?", so Marseille. "Hätte der Spiegel 199,20 Euro bezahlt, hätte er eine Zeitungsente vermeiden können. Das ist doch ein guter Preis für wahre Berichterstattung", so Marseille, der sich darüber wundert, dass sich Autoren vom "Spiegel" wie "mit der Grandezza des Allwissenden, der letzten Instanz aufführen" würden. Marseille kritisiert dabei auch den "Ausschnittsjournalismus", den er beim "Spiegel" ausmacht: "Möglichst viele Fragen stellen, um die eigentliche Frage zu verschleiern."

"Totalausfälle" beim "Spiegel"

Das Interesse an dem Fall Middelhoff kann Marseille durchaus verstehen. Was ihn an der "Spiegel"-Berichterstattung aber wundert, ist die Verbissenheit: "Es ist doch so, dass sich der "Spiegel" als Leitmedium fühlt, ein Medium, das leitet. Da spielen eigene Emotionen eine Rolle. Bei anderen kritisieren sie, wenn sie auf ihrer Position verharren, auch wenn sie aussichtslos erscheint. Aber wenn es darum geht, die eigene Sichtweise zu überdenken, zu überlegen, ob es nicht richtig wäre, auch einmal einen anderen Aspekt in der Berichterstattung zu berücksichtigen, gibt es einen Totalausfall. Das interessiert sie nicht."

Der Betrag von 199,20 Euro setzt sich übrigens so zusammen: Für die Beantwortung der Anfrage hätte ein Sachbearbeiter drei Stunden recherchieren müssen. Macht pro Stunde 34,50 Euro. Ein "Abschnittsleiter" hätte in einer Stunde die Recherchen noch mal überprüfen und genehmigen müssen. Macht 44,50 Euro. Dann kommen da noch 20 Euro als Schreibgebühr dazu, der Rest sind Steuern, etc.: Macht 199,20 Euro.

"Aufwandsentschädigung" bleibt Ausnahme 

Pressevertreter, so Ulrich Marseille, müssten sich aber keine Sorgen machen: "Wer uns Fragen zu unserem Unternehmen stellt, bekommt natürlich auch weiterhin kostenlos Antworten." Die Aufwandsentschädigung, die das Unternehmen vom "Spiegel" verlangt habe, solle eine "Ausnahme" bleiben, erklärt Marseille gegenüber kress.de.

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