Die Kunst, mit Kultur die Menschen zu begeistern

Wer alte und moderne Kunst mag, wird "Blau" lieben - das neue Magazin der "Welt"-Familie. Mit einem kleinen, hochmotivierten Team zeigt Chefredakteur Cornelius Tittel, was die Journalisten in Springers WeltN24-Gruppe derzeit von den Machern in vielen anderen Medienhäusern unterscheidet - der Gründergeist, Ärmel hochkrempeln und einfach machen.

Das dies natürlich nur mit der Unterstützung eines Unternehmens möglich ist, in dem auch kurzfristig neue Projekte realisiert werden, oder das die notorischen Aber-Sager das Kommando übernehmen, sei nur am Rande erwähnt. Erst im Dezember 2014, so Tittel im Gespräch mit kress.de, habe er sein Konzept für das neue Magazin dem Springer-Vorstand vorgestellt. Am vergangenen Samstag ist "Blau" zum ersten Mal erschienen.

Aber braucht die "Welt" mit ihren vielen unterschiedlichen Angeboten tatsächlich ein neues Magazin? Unbedingt, sagt Cornelius Tittel. Und verdeutlicht: "Manche Geschichten hätten sich für die Tageszeitung alleine aus Platzmangel nicht gelohnt. Bestimmte Formen von Journalismus kann man da gar nicht machen." Im Magazinformat ist wesentlich mehr möglich, so Tittel, dessen Handschrift das neue Kulturmagazin trägt. Tittel, Jahrgang 1977, war Kulturredakteur bei der "taz", bei "Welt am Sonntag", Chefredakteur von "Monopol" und kehrte dann als stellvertretender Chefredakteur zur "Welt" zurück. Nach dem Abitur 1996 hatte er Kulturwissenschaften und Amerikanistik studiert.

Für Tittel steht die Kunst im Mittelpunkt, die Künstler - das macht er in seinem Editorial deutlich. Tittel kritisiert, dass im Kunstbetrieb inzwischen die Kuratoren die Stars sind. "Als Magazinmacher bin ich auch ein Kurator, aber als Journalist trete ich natürlich zurück und gebe den Künstlern die Bühne", erklärt er im kress.de-Gespräch.

Springers Mann für die Kultur macht deutlich, was er will und was nicht. "Man kann nicht jeden Trend mitmachen. In der Kunstwelt sind die Aufmerksamkeitszyklen enorm schnelllebig. Die Leute haben es über." Wenn Kunst auf allen Kanälen präsent sei, auf Facebook, auf Instagram, "setzt der Sättigungsgrad früher ein". "Vor zehn, ja vor fünf Jahren war es noch anders. Heute ist der Kulturbetrieb die ganze Zeit im Hamsterrad und hechelt den Trends hinterher. Es bleibt kaum Zeit zum Durchatmen, das ist auf Dauer unbefriedigend."

Spagat zwischen Antike und Moderne

"Wir sind kein Magazin nur für alte Kunst. Wir wollen Themen setzen, überraschen mit Altem und mit Neuem, wir wollen den Spagat zwischen Antike und Moderne schaffen", macht Tittel deutlich.

Auf insgesamt 116 Seiten bietet die erste Ausgabe von "Blau" Studiobesuche, Essays, große Interviews und Hintergrundgeschichten. So wandelt der Leser mit dem Schriftsteller Martin Mosebach auf Raffaels Spuren. Dem Büchner-Preisträger Mosebach gelang das fast Unmögliche: Er überzeugte Monsignore Georg Gänswein – die rechte Hand des Papsts –, dem Fotografen François Halard exklusiven Zutritt zur ansonsten strikt für die Öffentlichkeit gesperrten Seconda Loggia im Apostolischen Palast zu gewähren. Christopher Wool, der teuerste und pressescheueste Maler seiner Generation, zeigt in "Blau" erstmals seine nach dreijähriger Pause entstandenen Arbeiten. Anzeigenkunden konnte das Sales-Team bereits überzeugen - es ist voll mit Werbung für hochwertige Konsumgüter.

Am kress.de-Telefon verweist Tittel zudem stolz auf das einzige Interview im deutschsprachigen Raum, das sein Magazin mit Modeschöpferin Miuccia Prada geführt habe: "Sie findet bewusst die Mischung unseres Magazins gut. Sie hätte doch auch dem Spiegel oder einem anderen Medium das Interview geben können."

"Europas auflagenstärkstes Kunst-Magazin"

"Wir sind Europas auflagenstärkstes Kunst-Magazin", freut sich Tittel. Die Kombination, sowohl als Beilage in der Zeitung und als Verkaufstitel im Handel oder in Kunstmuseen, seine Käufer zu finden, "macht uns auch für einen ausländischen Künstler attraktiv. Machen wir uns nichts vor, es gibt ganz, ganz viele Kunstmagazine in der Welt und Künstler können ständig Interviews geben. Da müssen wir hervorstechen, das Besondere bieten". Als Druckauflage gibt Springer 232.169 Exemplare an; wer "Blau" in der Samstags-"Welt" (2,40 Euro) verpasst hat, zahlt 6 Euro. 2015 soll das Magazin insgesamt sieben Mal erscheinen.

"Welt"-Autoren schreiben für "Blau"

Tittel will für sein Magazin die besten Autoren verpflichten - viele von ihnen findet er bereits jetzt im eigenen Haus. "Bei der Welt haben wir so viele tolle Autoren, Dirk Schümer schreibt für uns in Italien vor Ort und Wolfgang Büscher für das zweite Magazin." Für ihn sei es "wahnsinnig aufregend, was da für Autorenstimmen zusammenkommen". Tittel verspricht, dass er den Autoren und Fotografen viel Raum für Kreativität lässt. Für die zweite Ausgabe, die am 30. Mai erscheint, hat Tittel es geschafft, Florian Illies für ein Stück zu gewinnen. "Er wird ein großes Thema für uns bearbeiten", freut sich Tittel. Er und Illies kennen sich schon länger; als Illies noch Herausgeber vom Magazin "Monopol" war, verpflichtete er Tittel als Chefredakteur.

Das Team um Cornelius Tittel

Ein kleines Kern-Team um Chefredakteur Cornelius Tittel macht "Blau". Managing Editor ist Helen Speitler, stellvertretende Chefredakteurin Swantje Karich. Die Art Direction hat Mike Meiré persönlich übernommen, von Meiré und Meiré sind außerdem Charlotte Cassel und Philipp Brombach an Bord. Textchef ist Hans-Joachim Müller (zuvor unter anderem Feuilletonchef "Basler Zeitung", zudem Herausgeber von "Künstler – Kritisches Lexikon der Gegenwartskunst"), die Bildredaktion verantwortet Isolde Berger (vorher Foto-Chefin "Monopol"). Die Redaktion komplettieren Gesine Borcherdt, Christiane Hoffmans (NRW) und Julia Held (studentische Mitarbeiterin). Um die Schlussredaktion kümmert sich Karola Handwerker, um Redaktionsassistenz Claudia Cliff. "Blau" erscheint bei Axel Springer Mediahouse Berlin, in dem bislang vor allem Springers Musiktitel wie "The Rolling Stone“, "Musikexpress", "ME.Style", "ME.Movies" oder "Metal Hammer" erscheinen. Geschäftsführer sind Petra Kalb und Springer-Vorstand Jan Bayer. Die "Blau"-Redaktion hat ihren Sitz am Kurfürstendamm, in den Räumlichkeiten hatte Axel Springer früher seine Berliner Privatwohnung.

Das neue Magazin lässt Axel Springer übrigens bei der mehrfach preisgekrönten Firmengruppe Appl mit Hauptsitz in Wemding (liegt im schwäbischen Landkreis Donau-Ries in Bayern) drucken.

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