FAZ-Herausgeber Werner D`Inka: "Steile Thesen machen noch keinen Journalismus"

 

FAZ-Herausgeber Werner D`Inka warnt vor einer "publizistischen De-Professionalisierung" des Journalismus. Blogs würden den Kriterien des Journalismus nicht genügen: "Ernstzunehmender Journalismus ist keine Heimwerker-Beschäftigung, sondern ein Beruf, der bestimmte Fähigkeiten und Kenntnisse verlangt und dessen Ansprüchen nicht jeder genügt,

FAZ-Herausgeber Werner D`Inka warnt vor einer "publizistischen De-Professionalisierung" des Journalismus. Blogs würden den Kriterien des Journalismus nicht genügen: "Ernstzunehmender Journalismus ist keine Heimwerker-Beschäftigung, sondern ein Beruf, der bestimmte Fähigkeiten und Kenntnisse verlangt und dessen Ansprüchen nicht jeder genügt, der in einem Internet-Blog die Zeitgenossen mit möglichst steilen Thesen unterhält."

Was wäre, wenn es keinen traditionellen Journalismus mehr geben würde?

Stellen wir uns einmal vor, der traditionelle Journalismus würde nach der digitalen Revolution verschwinden, so D'Inka: "Stattdessen redet jeder mit jedem über alles, und weil das alles angeblich so authentisch ist, kann auch jeder jede Form der Kompetenz für sich und für seine Liebhabereien beanspruchen. Niemand sortiert mehr mit Sinn und Verstand und nach handwerklichen Kriterien die Themen nach ihrer Relevanz. Mir kommt das vor, als würden wir uns, statt zum Friseur zu gehen, alle gegenseitig die Haare schneiden. Das kann ja ganz sympathisch sein - aber würden wir uns auch von einem Bürgerchirurgen den Blinddarm entfernen lassen?"

Werner D'Inkas Kritik ist in dem lesenswerten Almanach "Quo vadis, Journalismus?" erschienen, den jetzt die Deutsche Gesellschaft Qualitätsjournalismus e.V. (Vorsitzender: Christian Preiser) veröffentlicht hat.

Recherche, Fakten und Zusammenhänge

Für D'Inka besteht die oberste Maxime des Journalismus in Recherche, Fakten zusammenzutragen und zu prüfen und Zusammenhänge zu erklären: "Journalismus liefert damit der Öffentlichkeit das gedankliche Rüstzeug für die politische Willensbildung. Nur wenn die Bürger ausreichende Kenntnisse über das politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Geschehen im Großen und über ihr Lebensumfeld im Kleinen erhalten, können sie auf einer gesicherten Faktengrundlage vernünftige Entscheidungen als Wähler, als Verbraucher und als Konzertbesucher treffen."

Für ihn fordern und ergänzen Blogger und Bürgerjournalisten den herkömmlichen Journalismus, und sind dann bereichernd, "wenn sie uns traditionellen Journalisten den Spiegel vorhalten und uns auf inhaltlicheblinde Flecken hinweisen, und wenn sie uns anhalten, über unser Tun Rechenschaft abzulegen."

"Blogger überlassen Recherchearbeit Mainstream-Medien"

"Die meisten Blogger, die sich als Graswurzel-Journalisten verstehen, überlassen die Recherchearbeit lieber den Mainstream-Medien und erregen sich über deren Fehler. Die besten und geistreichsten Blogger sind eine Art Kolumnisten, die oft originelle Sichtweisen vertreten, aber sich nicht mit der Mühe ernsthafter Nachrichtenarbeit plagen und stattdessen das abschöpfen, was Zeitungsredaktionen kostenlos ins Netz stellen", erklärt D'Inka. Und fügt hinzu: "Das ist nämlich die Kehrseite der neuen Freiheit: Sie ist erkauft mit einer schleichenden publizistischen De-Professionalisierung. Anders, als Blogger und Bürgerreporter annehmen und behaupten, ist ernstzunehmender Journalismus mehr als nur Geschichtenerzählen. Ernstzunehmender Journalismus ist keine Heimwerker-Beschäftigung, sondern ein Beruf, der bestimmte Fähigkeiten und Kenntnisse verlangt und dessen Ansprüchen nicht jeder genügt, der in einem Internet-Blog die Zeitgenossen mit möglichst steilen Thesen unterhält."

D'Inka kritisiert aber auch den eigenen Berufsstand: "Ich wundere mich, wie leicht manche Journalisten bereit sind, Handwerksnormen über Bord zu werfen, die sich über Jahrhunderte herausgebildet haben und deren Bedeutung niemand ernsthaft in Frage stellen kann. Dazu zählen die Trennung zwischen Nachricht und Meinung, die Selbstverpflichtung, Nachrichten auf ihre Herkunft und ihre Verlässlichkeit zu prüfen, Quellen offen zu legen und das Gebot, zwischen privaten Interessen und öffentlichen Angelegenheiten zu unterscheiden sowie das Bemühen, nach allen Seiten Distanz zu halten - und zwar nicht "mal", sondern Tag für Tag, Nachricht für Nachricht, in einem systematischen Qualitätssicherungsprozess".

kress.de-Lesetipp: Quo vadis, Journalismus?, Deutsche Gesellschaft Qualitätsjournalismus, Beiträge unter anderem von Werner D`Inka, Mathias Döpfner, Manfred Bissinger, Veit Dengler, Heribert Prantl, Constantin Seibt, Maria-Elisabeth Schaeffler, Michael Vassiliadis, Rüdiger Grube

Ihre Kommentare
Kopf

Sonja Morgenstern

06.06.2015
!

Lieber Werner D'Inka,
Blogger mit Journalisten zu vergleichen, ist wie Äpfel mit Birnentorte zu vergleichen.
Kleiner Tipp: Es gibt auch Journalisten, die bloggen. Ein Blog ist ein Medium wie eine gedruckte Zeitung und sagt wenig darüber aus, ob der Schreiberling recherchiert oder nicht.


X

Kommentar als bedenklich melden

 
×

Bestätigung

Dieser Kommentar wurde erfolgreich gepetzt.

×

Oooooooooops

Beim Petzen trat ein Fehler auf. Versuchen Sie es bitte noch einmal.

Kressköpfe dieses Artikels
  • Noch kein kresskopf?

    Logo
    Dann registrieren Sie sich kostenlos auf kress.
    Registrieren
Inhalt konnte nicht geladen werden.