Depressiv werden in den Medien: Vom Schreiben ins Schweigen

19.05.2015
 
 

Warum erkennt eine kluge Medienmacherin nicht, wenn sie den Boden unter den Füßen verliert? Wieso reagiert sie nicht früh genug? Sondern wartet, bis der Körper nicht mehr mitmacht? Die Journalistin Sophia-Therese Fielhauer-Resei war Redakteurin bei "News" in Wien, bei "Bunte" und "GQ", folgte Franz-Josef Wagner zur "BZ Berlin" - um als gebrochener Mensch zurück in die Heimat zu flüchten. Für kress.de hat sie ihre Geschichte aufgeschrieben, ihren Weg in die Depression und die Rückkehr zurück ins Leben. Für sie steht fest: 

Warum erkennt eine kluge Medienmacherin nicht, wenn sie den Boden unter den Füßen verliert? Wieso reagiert sie nicht früh genug? Sondern wartet, bis der Körper nicht mehr mitmacht? Die Journalistin Sophia-Therese Fielhauer-Resei war Redakteurin bei "News" in Wien, bei "Bunte" und "GQ", folgte Franz-Josef Wagner zur "BZ Berlin" - um als gebrochener Mensch zurück in die Heimat zu flüchten. Für kress.de hat sie ihre Geschichte aufgeschrieben, ihren Weg in die Depression und die Rückkehr zurück ins Leben. Für sie steht fest: "Eine Zulassung für Chefredakteure - ähnlich wie eine Vorauswahl bei Lehrern, denn auch das sind sie - wäre wünschenswert."

Völlig ausgepresst. Bei mir brach die klinische Depression im Oktober 1999 aus, ganz plötzlich, wie es schien - frisch zurück aus Berlin wieder in der Heimat Wien, jüngst bei der Tageszeitung "BZ" den großartigen Reporterjob an den Nagel gehängt. Den Boulevard und den Chefredakteur Franz Josef Wagner erfolgreich zurück gelassen. Botenstoffe wie Serotonin und Noradrenalin sind aus dem Gleichgewicht geraten, es wird zu viel und zu wenig produziert, die Hirnchemie stimmt nicht mehr.

Viele nennen es ohnehin lieber Burnout, obwohl nicht vergleichbar. Depressionen haften an wie Pech.

Bekennender "Schwächling"

Eine an Burnout erkrankte Journalisten-Kollegin, die ihren Namen in einer meiner Geschichten anonym hält, erklärte mir, es nie anderen Kollegen gegenüber zu erwähnen, da "eine Depression immer noch eine Stigmatisierung und eine Krankheit von Schwächlingen ist".

Auch meine Mutter schämt sich ein wenig: nur der richtige Knopf müsse gedrückt werden, dann wird es schon wieder gut. Meine Tasten heißen derzeit "Edronax" und "Cymbalta" - Psychopharmaka, die einen gut und normal arbeiten wie leben lassen. Eine engagierte, warmherzige und wunderbare Psychiaterin, die in der Universitätsklinik in Wien arbeitet, hat mir aus dem großen Schweigen und dem "Überhaupt Nichts Wollen" zurück ins Leben geholfen und eine tolle Psychiaterin in einem psychosozialen Zentrum steht mir heute bei. Beschämend ist an einer Depression rein gar nichts, allenfalls die Einstellung mancher Menschen. Depressionen können etwa bereits veranlagt sein, durch Stress - sei es Arbeitsdruck oder Familie - ausgelöst werden oder beides. Sie können ebenso durch andere Krankheiten verursacht werden, vieles ist über die Krankheit noch gar nicht erforscht.

Ein "Stern" zum Heulen

Am 29.11.2001 erschien ein "Stern", den ich bis heute aufbewahrt habe. Darin beschreibt der damalige Reporter Jürgen Steinhoff in "Zum Irrenarzt? Niemals!" sein Leben mit Depression, an der er nach einer Herzoperation erkrankte. Auszug: "...Freunde und Bekannte fingen an, sich zurückzuziehen....Mein Wortschatz hatte sich fast auf die beiden Wörtchen 'Ja' und 'Nein' reduziert...". Über seinen Text konnte ich richtig lange weinen. Vorauszuschicken ist, an meiner Depression ist gar niemand schuld!: Familiäre Veranlagungen waren nicht ideal, meine Arbeitsverhältnisse waren es auch nicht. Fairerweise hätte ein Leben als Journalist unterhaltsam wie in der 1970er/80er-US-TV-Serie "Lou Grant" zugehen müssen. Die Realität Anfang der 1990er Jahre: Charaktere wie der österreichische Ex-"News"-Chef Wolfgang Fellner und eben der deutsche Ex-"Bunte"-und Ex-"BZ"-Chefredakteur Franz Josef Wagner. Riesige Chancen, für die es gilt, ewig und immer dankbar zu sein - das wird einem so mitgegeben auf dem Weg. Zitrusfrüchte werden ausgepresst bis die Schale sehr dünn ist.

Unverschämte Wiener

Ab August 1992 (Nullnummern, Lehrredaktion) gibt es sieben Tage die Woche Arbeit für die Wochenzeitung "News" - ein Tag daheim und das Festnetz läutet, dann zitiert einen Uschi Fellner (Ex-Gattin) wieder zurück in den Glasturm. Für sehr wenig Geld. Zuckersüß kann sie sein, zieht einen ins Vertrauen, auch private Termine dürfen ausgemacht und Dinge abgeholt werden - Zuckerbrot eins. "News"-Kulturchef Heinz Sichrovsky verhört, hackt genervt die PC-Tasten in Uschis Koje, sie sitzt lachend daneben, ich verzweifle. Nach "Österreich feiert Österreich-Chef", der glanzvollen 60er-Geburtstagsfeier (2014), hat mir ein langjähriger Weggefährte Fellners von dessen Charme erzählt, dem sich der Mensch nicht entziehen könne, der neben ihm zu stehen kommt und lauscht. Charmant ist keines der Worte, das mir bei ihm in den Sinn kommt. Da standen 1993 ich und zwei weitere Redakteurinnen gemeinsam mit Lifestyle-Ressortleiterin Uschi Fellner und der "News"-Chefredakteur WoFe kommentierte das präsentierte Cover - ein Gesundheitsthema samt Dame, deren durchscheinender Körper leuchtend bunte Venen offenbarte - mit: "Ihr depperten Fut, ihr". Zu einer Zeit, wo "Sexual Harassment" noch kein Thema war. Jeglicher Respekt ging damals für immer verloren. Millimeterweise hätte er die Seite aufessen müssen, stattdessen standen bewusste "Fut" bloß verdattert vor ihm. Sprachlos. Widerlich, unverschämt, deprimierend. Der Aufmacher ist wohl genau so erschienen.

Nachts in der "Bunten"

Ein Zufall ermöglicht im Herbst 1993 die Flucht zur "Bunten". Da gibt es eine Fünf-Tage-Arbeitswoche, die Nächte dauern bis die Putztruppe morgens anrückt. Chefredakteur Franz Josef Wagner brüllt und schreit so tief, dass die Wände wackeln, Wagner schmeißt das Magazin kurz vor Druck komplett um, kündigt Mitarbeiter um vier Uhr morgens und erinnert sich am gleichen Vormittag nicht mehr daran. Wagner glorifiziert den Autoren Helge Timmerberg, der zumeist in Havanna oder Marrakesch sitzt - ein Großteil dessen, was die Stammbesetzung schreibt, wird nach Kuba und Marokko gefaxt, auf der Schreibmaschine von ihm umgedichtet und retour gefaxt. Das Selbstwertgefühl von Teilen der Redaktion leidet erheblich. Es gibt mehr Geld, dafür kaum soziale Kontakte. Spät Nachts, wenn der liebe Fahrer Hans schon daheim ist, darf auch ich FJW manchmal in seinem schwarzen BMW nach Hause chauffieren - dazu ist er dann nicht mehr in der Lage. Das ist ein Teil des bayerischen Zuckerbrots. Ein anderer: Nachts dürfen manche seine Lieblingslokale besichtigen, seinen besten Erzählungen lauschen, verharren und Zeugen weiterer Wutausbrüche werden.

Berliner Vorzeichen

Freilich, wer bei Verstand ist, verlässt zeitgerecht und fluchtartig solche Arbeitsplätze. Andererseits: Anfang und Mitte 20 hören nur wenige auf Warnsignale ihres Körpers, der Arbeitsplatz ist sicher, das Geld gut und die Chance gigantisch - gerade FJW gilt manchen als Genie. Als er "Bunte" verlassen muss und Riekel folgt, bietet sich das Männermagazin "GQ" als Hafen. Denn "Wagnerianer" sind treu - und dumm. Und bereits vollständig indoktriniert, ihrem "Meister" ergeben. Mit "Neue Berliner" bietet sich davor sogar noch eine Chance, in der deutschen Hauptstadt ein neues Magazin in einem Team unter Wagner zu machen - allein, es verschwindet in der Schublade. Eineinhalb Jahre "GQ" sind die beste und ruhigste Zeit - es zu verlassen, ein riesiger Fehler. Denn längst hat FJW mit der Berliner "BZ" im Springer-Verlag das Tageszeitungsgeschäft übernommen. Im Herbst 1998 ist Aktualität viel verlockender. Und die Geschichte wiederholt sich, nur schlimmer. Die angestammte Redaktion hasst die Neuen, besonders aber den Chef. Es wird gemobbt, intrigiert. Die Tage sind lang, die Nächte auch. Es gibt eine "BZ am Sonntag", also kann durchgehend gearbeitet werden. Wagner brüllt und tobt, nichts hat sich geändert, nur muss noch schneller gearbeitet werden. Jede großteils wieder verworfene "BZ" geht auf Kosten des Andrucks. Und unserer Nerven. Eines Tages sitzt auch Heinz Sichrovsky im Vorzimmer der Berliner Chefredaktion. Ein Schock, meine Gesichtszüge müssen mir entglitten sein - bis heute weiß ich nicht, was er dort zu tun hatte, er selbst konnte es auch nicht schlüssig erklären. Wagner hat jetzt weniger Zeit für Lokaltouren, aber es gibt sie. Für diese privaten Begegnungen außerhalb des Verlages müssen wir Redakteure sehr dankbar sein. Beate Wedekind, auch eine ehemalige "Bunte"-Chefin, wird mir in einer "BZ" nahen Kneipe neben FJW den einzigen Satz, den sie beliebt mit mir zu wechseln, flüstern: "Ich dachte, Sie wären blond."

Spring oder lauf!

In der "BZ" gibt es Kollegen, die so lange schleimen, bis sie selbst sehr nahe an den begehrten Chefposten kommen, trinkende Kollegen, eifersüchtige, leidende und höchst zynische. Normale Menschen gibt es nicht. Das Ende ist absehbar. Ende 20 sendet der Körper bereits Signale, die nicht zu überhören sind. "Spring von der Oberbaumbrücke" ist eines. Die Brücke zu niedrig, der Springer-Turm zu nahe. Der Rücken schmerzt höllisch. Eine letzte, erkämpfte Reportage geht nach Belgrad, einen Tag nach den Bombardements. Das Geld für den Bus und sonstiges strecke ich mir erst selber vor. Unter Zwang in Ich-Form verfasst, erhält die Reportage in der "Sonntags BZ" den Titel "Ich war Miloševićs Nachbarin", bloß, weil ich bei meiner Freundin im vornehmen Bezirk Dedinje gewohnt habe (in einem Plattenbau). Es reicht, ich kündige und kehre nach Wien zurück, viel zu spät. Die Depression bricht nur wenige Wochen später aus.

Auf solche und ähnliche Arbeitsverhältnisse werden angehende Jungjournalisten nicht im Journalistik-Studium, nicht in Fachhochschulen oder Ähnlichem vorbereitet, mit Ethik und Recherche hat das nichts zu tun. Junge werden weiterhin ausgequetscht, so mancher wird im regelrechten Wahnsinn auf der Strecke bleiben.

Keine Chefqualen für Medienmitarbeiter!

Die WHO reiht Depressionen im Jahr 2020 bereits auf Platz zwei der häufigsten Erkrankungen (hinter kardio-vaskulären Leiden). Weltweit sollen rund 350 Millionen Menschen mit einer Depression kämpfen. Eine US-amerikanische Studie (Universität Cincinnati) reihte Berufe, die bei amerikanischen Arbeitnehmern am häufigsten zu einer Depression führen: auf Platz eins rangiert Öffentlicher Verkehr, Journalismus und Verlage halten Platz 10. Übles Zusammenspiel: Stress, wenig Bewegung, keine Entscheidungsfreiheit.

Dass sich als Genies Gerühmte mit jungen Anfängern alles erlauben dürfen, dass sie älteren Redakteuren (auch Graphikern, Fotografen, usw.) die Würde nehmen dürfen, sie oft lächerlich machen können und vor anderen bloß stellen. Dass sie selbstherrlich und selbstgerecht regieren wie im Königreich - es ist ein Hohn. In einem deutschen Modeblatt läuft eine Dame herum, die ihre "Untergebenen" derzeit in den regelrechten Irrsinn treibt - auch das wird amüsant betrachtet. Nur Beispiele von so vielen, die in Jahrzehnten schon Schaden angerichtet haben. Im APA-Interview zu seinem Jubeltag bekennt "der sonnige, kalifornische Typ" Fellner zum "gelegentlich auf den Tisch hauen": "...und dass ich die Leute, die ich am härtesten anfahre, oft am meisten liebe, weil mir das oft die wichtigsten sind, weil ich weiß, dass ich von denen auch die beste Leistung bekomme. Gelegentlich müssen die Leute in einem Newsroom schon merken, dass der Verleger - wie man so schön sagt - 'brennt'...". Traurig! Als wäre es nicht schon schlimm genug, heute in Großraumbüros, Newsräumen, Glaskojen und -türmen und anderen Schachteln zu sitzen, muss noch einer dazu brüllen. Es ist völlig normal, dass manch Journalisten angesichts solcher Zustände mit Depressionen reagieren - mit vorübergehenden und kleben bleibenden.

Der eine feierte August 2013 in der Berliner Paris-Bar groß seinen 70er und darf schon lange keine Chefredaktion mehr führen - das ist gut so. Stattdessen lobt, beleidigt und rühmt er nur noch Prominente oder Alltagshelden und -verlierer mit "Post von Wagner". Es heißt, er sei altersmilde geworden. Der "goldene Paradiesvogel" fand Jahre nach meinem "BZ"-Abschied auf jeden Fall noch "alles Scheiße", was der "schwarze Pechvogel" (ich) jemals geschrieben hat - das sitzt immer noch. Der andere hat sich sein Imperium geschaffen und regiert bis zum 100. Geburtstag, die Thronfolger sitzen schon fest im Sattel. Eine Zulassung für Chefredakteure - ähnlich wie eine Vorauswahl bei Lehrern, denn auch das sind sie - wäre wünschenswert.

Sophia-Therese Fielhauer-Resei

 

Ihre Kommentare
Kopf

SusiSorgenlos

19.05.2015
!

Psychopathen auf dem Chefsessel. In Assessment Centern sorgsam ausgewählt. Kaum befördert, stellt sich heraus, dass diese Stufe zu hoch ist. Aber dann kümmert sich niemand mehr um den Schaden, den sie anrichten. HR-Abteilungen ducken sich weg, Krähen hacken nicht und verbale Erniedrigungen lassen sich erst durch Führen eines Mobbing-Tagebuchs "beweisen". Schlimm: Depression wird als rein persönliches Problem betrachtet, an dem NIE der Chef schuld sein kann oder die "Kultur", die er vorlebt.


Wilz

20.05.2015
!

Sind Journalisten alle so duckmäuserisch, dass sie einem Typen wie FJW nicht entgegentreten wollen?


Henner T.

20.05.2015
!

"Alle" Journalisten glücklicherweise nicht, auf Bildblog wird FJW ja schon seit Jahren als das enttarnt, was er (bzw. seine "Post vom W***er"-Kolumne) ist.


Martin Hille

20.05.2015
!

Meinen Respekt für einen so schonungslos mutigen Artikel.

Aber, bitte, wer macht eigentlich diese Arbeitswelt? Wer "profitiert" davon? Wer hat ein Interesse daran, dass in den Bürokästen systematisch Talente zerstört werden? Und es ist ja nun nicht so, dass das nur auf die Medien zutrifft. Vergleichbare "Karrieren" lassen sich in jeder Branche finden.
Ich habe erlebt, dass es auch anders geht, und zwar sehr erfolgreich. Warum also geben wir den Egozentrikern immer wieder so viel Macht?


Mordred

21.05.2015
!

der autorin alles gute für die zukunft.

franz josef wagner??? ich dachte wirklich bis zum schluss des textes, dass der name nur zufall war. der mann schreibt sich in seiner post von... einen deratigen müll zusammen - der war tatsächlich mal chef(!)redakteur(!)???
bis heute habe ich mich immer gefragt, wo die den aufgegabelt haben und ob der/das ernst gemeint ist.


Sigrid Bennett

Sigrid Bennett

Sprecherin, Schauspielerin

24.05.2015
!

Diese Gesellschaft ist m.E. ein guter Nährboden für narzisstisch gestörte Persönlichkeiten.
Vielleicht kippt das Ganze wenn wir mind. 80% narzisstisch Gestörte haben. Dann fehlen die Zuschauer, Bewunderer, Fans (fanatics), Helfer und diese Leute müssen sich selbst im Spiegel erkennen, anstatt sich in anderen Menschen zu spiegeln und diese nur als Erweiterung ihrer eigenen Person benutzen.

Wer nicht warten will, muss sich auf die eigenen Hinterbeine stellen.


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