RocketBeans-Gründer Etienne Gardé: "Die Zeiten des Heile-Welt-Showmasters sind vorbei"

 

Erst seit Mitte Januar ist RocketBeans.TV, die Streaming-Plattform für Gamer-Sendungen, Talks und Film-Magazine, auf Sendung. Mit Sendungen wie "Pen & Paper" lockt Gründer Etienne Gardé zur besten Sendezeit live am Freitagabend bis zu 40.000 Zuschauer an - für eine eher ereignisarme Sendung, die sich über vier Stunden hinzieht. Im exklusiven kress.de-Interview verrät der Ex-Giga-Fernsehmann, was seine junge Truppe richtig macht. 

Erst seit Mitte Januar ist RocketBeans.TV, die Streaming-Plattform für Gamer-Sendungen, Talks und Film-Magazine, auf Sendung. Mit Sendungen wie "Pen & Paper" lockt Gründer Etienne Gardé zur besten Sendezeit live am Freitagabend bis zu 40.000 Zuschauer an - für eine eher ereignisarme Sendung, die sich über vier Stunden hinzieht. Im exklusiven kress.de-Interview verrät der Ex-Giga-Fernsehmann, was seine junge Truppe richtig macht. 

kress.de: Herr Gardé, Gratulation zum bislang offensichtlich erfolgreichen Testlauf mit RocketBeans.TV. Was gibt Ihnen die Gewissheit, dass Sie mit Ihrem Programm reüssieren können?

Etienne Gardé: Gewissheit habe ich nie. Aber ich glaube fest daran, dass wir unseren Weg erfolgreich weitergehen werden. Der Grund dafür liegt zum einen im Vertrauen in unser Team und zum anderen in unsere Community. Wir machen diese Sachen jetzt, seit Giga noch auf NBC Europe lief. Viele unserer Zuschauer sind den Weg von Giga über Game One bis hin zu RocketBeansTV mit uns gegangen. Wir haben uns das gemeinsam mit unseren Fans erarbeitet und sind nicht über Nacht dahin gekommen. Deshalb glaube ich auch nicht, dass wir über Nacht wieder verschwinden.

"Wir müssen professioneller werden"

kress.de: Was lässt sich aus den bisherigen Erfahrungen erkennen, wo Ihre Stärken liegen und wie wollen Sie noch stärker auf die Nachfrage Ihrer Zuschauer eingehen?

Etienne Gardé: Unsere Stärke ist/liegt vor allem in unserer Unabhängigkeit. RocketBeansTV ist frei von Auftraggebern, Anteilseignern oder sonstigen Dritten. Wir können auf gut deutsch machen, was wir wollen. Das bietet uns enorme Möglichkeiten bei der Umsetzung neuer Ideen, aber auch bei der Zusammenarbeit mit anderen Content-Erstellern oder Kunden. Dazu kommt, dass wir über 15 Jahre Fernseh-Erfahrung mitbringen. Wir kennen beide Seiten, also Netz und TV, wie keine vergleichbare Produktionsfirma in Deutschland. In Zukunft müssen wir dieses Know-how aber auch noch mehr einsetzen. Wir müssen uns als Sender weiterentwickeln, professioneller und abwechslungsreicher werden. Man darf nicht vergessen: Wir haben den Sender innerhalb kürzester Zeit gestartet. Alleine dass wir es geschafft haben, seit dem 15. Januar 2015 ohne Unterbrechung, 24 Stunden am Tag (davon bis zu 10 Stunden live pro Tag) zu senden, ist aller Ehren wert. Aber wir sind noch lange nicht da, wo wir hinwollen. Unsere Zuschauer geben uns sehr starkes Feedback, sowohl positiv als auch negativ, und haben ganz entscheidenden Anteil daran, wie und wohin sich der Sender entwickelt.

kress.de: Was ist Ihrer Meinung nach das Besondere, das RocketBeans von ähnlichen Angeboten - im klassischen Fernsehen sowie im Netz-Angebot - abhebt?

Etienne Gardé: Wie schon gesagt, gibt es kein mir bekanntes vergleichbares Angebot. Du hast klassisches TV und Du hast YouTube. Aber einen komplett freien Community-Sender, der 24h sendet, zusätzlich YouTube als Mediathek nutzt und sich komplett unabhängig finanziert, den gibt es einfach nicht. Nehmen Sie eines unserer erfolgreichsten Formate "Pen & Paper", bei dem bis zu 40.000 Zuschauer live am Freitagabend für über vier Stunden am Stück zuschauen. Wir spielen da kein Videospiel oder haben eine Arena mit den besten Gamern, wir sind auch nicht "Schlag den Raab". Wir sitzen an einem Tisch und spielen ein Rollenspiel wie zum Beispiel "Das schwarze Auge". Die Zuschauer sind live dabei, können mitbestimmen in welche Richtung sich das Abenteuer entwickelt. Sie malen Bilder, die die eben noch ausgedachte Geschichten "real" werden lassen. Welcher Sender würde sich trauen, so ein Format umzusetzen? Das ist nur ein Beispiel von vielen Formaten, die wir haben. Wir machen einfach das, worauf wir Lust haben und wir glauben, dass das vielen anderen auch Spaß machen wird.

kress.de: Was sind die nächsten geplanten Ausbaustufen? 

Etienne Gardé: Wir müssen sowohl personell als auch räumlich aufrüsten. Wir haben damals, als GameOne abgesetzt wurde, unsere komplette Crew übernommen. Aber zwischen einem wöchentlichen 25-Minuten-Format und einem 24-Stunden-Sender liegen eben Welten. Wir müssen jetzt Schritt für Schritt die Abläufe verbessern, den technischen Anforderungen gerecht werden. Aber auch rein inhaltlich wollen wir aufrüsten. Wir brauchen mehr Redakteure, die kreativ sind und inhaltlich denken, die Ideen haben und sie umsetzen können und wollen. Wir brauchen neue Räumlichkeiten, weil wir aus allen Nähten platzen, neue Sets für neue Formate. Wir müssen uns in Sachen PR, Marketing & Sales größer aufstellen und und und. Es gibt an jeder Ecke etwas zu tun.

Eine Lücke durch das "Domian"-Aus?

kress.de: Zuletzt gab es nach dem angekündigten Aus für den WDR-Klassiker "Domian" einigen Wirbel. Immer wieder wurde die RocketBeans-Sendung "Wir müssen reden" als möglicher Ersatz ins Spiel gebracht. In wie fern kann das aus Ihrer Sicht funktionieren?

Etienne Gardé: Das war eigentlich nie ganz ernst gemeint. Natürlich gibt es Parallelen zwischen den beiden Formaten. Aber wir hätten eigentlich nie gedacht, dass wir ernsthaft als Konkurrent wahrgenommen werden. Domian ist oder war über Jahre hinweg eine Institution im deutschen Fernsehen und Radio. Davon abgesehen nehmen wir unser Format ja auch nicht so ganz ernst. Wer in unserer Show anruft, wird nicht unbedingt ernsthaft und tiefgründig behandelt. Bei uns gibt es überhaupt keine psychologische oder therapeutische Aufhängung. Es rufen Leute an und erzählen wilde Geschichten, auf die unsere Moderatoren dann mal mehr, mal weniger ernst eingehen. Ich sehe da in absehbarer Zukunft nicht unbedingt das Bundesverdienstkreuz für "Wir müssen reden".

kress.de: Was hat denn "Domian" richtig gemacht und wie muss man die Bedürfnisse seiner Fangemeinde in anderem Ort oder mit ähnlichen Konzepten auffangen?

Etienne Gardé: Ich bin wirklich kein "Domian"-Experte, daher fällt mir eine Analyse schwer. Ich glaube, wenn man etwas so lange macht wie er, und zwar ohne Spektakel oder Skandale, dann hat man sich einfach bei seinen Zuschauern ein gewisses Vertrauen erarbeitet. Mir war zwar nie ganz klar, warum Menschen ihre tiefsten Ängste und Probleme ausgerechnet öffentlich bereden wollen, aber irgendwas scheint es zu sein, dass die Menschen dazu veranlasst, sich so mitteilen wollen. Die beruhigende Stimme Domians ist mit Sicherheit auch ein großer Faktor gewesen. Ob man Domian so gesehen 1:1 ersetzen kann, weiß ich nicht. Er war in gewisser Weise schon einzigartig.

"60% unserer Zuschauer sind bereits über 25 Jahre alt"

kress.de: Sie kennen verschiedene Welten, jene des klassischen Fernsehens, die Produzenten-Seite und die eines Streaming-Anbieters. In wie fern spielt Ihnen das geänderte Mediennutzungsverhalten vor allem jüngerer Konsumenten in die Hände?

Etienne Gardé: Wir haben eigentlich gar nicht so junge Zuschauer. Während die meisten großen YouTuber für Fans im Alter von 10-16 interessant sind, sind bei uns mehr als 60% aller Zuschauer bereits über 25 Jahre alt. Die ganz junge Zielgruppe erreichen wir mit unseren Inhalten also eher nicht. Aber das ist auch absolut in Ordnung. Im Fernsehen gibt es ja auch nicht nur Programm für eine Alters-Demografie. Wir fühlen uns wohl in dem Segment. Wir können uns mit unseren Inhalten identifizieren, was für uns enorm wichtig ist. Aber natürlich hilft es uns auch, dass heutzutage nahezu jeder überall online ist und das klassisch lineare Fernsehprogramm nicht mehr das Nonplusultra der Freizeitgestaltung darstellt. Da wir viel über Themen wie Gaming, Internet- und Popkultur, Comics, Spiele, Filme und Serien machen, ist unsere Zielgruppe natürlich entsprechend netzaffin und weiß, wo und wie sie uns empfangen und verfolgen können. Und mit Sicherheit gilt das für die nachkommenden Generationen erst recht.

kress.de: Wird es für Sie persönlich ein Zurück zum klassischen Fernsehen geben können - und wenn ja in welcher Form?

Etienne Gardé: Das würde ich niemals ausschließen. Da komme ich her, und dort habe ich viel gelernt und viel Spaß gehabt. Aber ich kann auch sagen, dass es nichts Besseres gibt, egal ob als Produzent oder als Moderator, als komplett unabhängig seine Ideen umsetzen zu können. Ich hatte selten so viel Spaß an meinem Job wie zur Zeit, auch wenn es sehr anstrengend ist. Die Frage ist ja auch immer mehr, was ist klassisches Fernsehen überhaupt? Letztendlich ist der Fernseher nur ein Abspielgerät für bewegte Bilder. Natürlich würde man sich über die größeren Reichweiten und Budgets freuen, aber die haben halt auch alle ihren Preis. Warten wir mal ab, wohin sich das alles noch entwickelt. Ich bin total offen für alles und freue mich für so ein tolles Projekt, wie RocketBeansTV arbeiten zu können.

"Große Transparenz und Authentizität sind enorm wichtig"

kress.de: Was müssen Produzenten aus Ihrer Sicht noch stärker beherzigen, wenn Sie sich dem medialen Wandel stellen wollen?

Etienne Gardé: Schwer zu sagen. Es weiß ja auch keiner so recht, wohin die Reise momentan geht. Ich glaube am Ende des Tages geht es immer um gute Unterhaltung. Und da ist einfach die Frage, wer ist die Zielgruppe und wie möchte sie unterhalten werden. Das war aber im Prinzip schon immer so. Ich glaube nach wie vor, das ist zumindest unser Ansatz, dass große Transparenz und Authentizität enorm wichtige Faktoren sind. Die Zeiten vom Showmaster, der singend die Showtreppe runterkommt und eine heile Welt vorgaukelt, sind mehr und mehr vorbei. 

kress.de: Letzte Frage, wann genau macht Ihnen die Arbeit besonders Spaß?

Etienne Gardé: Wie schon oben beschrieben, macht mir meine Arbeit eigentlich fast immer Spaß. Natürlich gibt es Stresssituationen, die nervig sind. Aber im Großen und Ganzen arbeite ich in meinem Traumberuf und bin darüber sehr glücklich. 

Ihre Kommentare
Kopf

Mopo Leser

19.05.2015
!

Sehr guter Artikel über den guten Etienne. Bin schon lange Fan und finde dass er immer witziger und sympathischer ist. Früher wie Oliver Pocher heute wie Otto Waalkes.


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