DGQJ-Chef Christian Preiser: "Wir Journalisten müssen runter vom hohen Ross"

 

"Steile Thesen machen noch keinen Journalismus", ist Werner D'Inka überzeugt. Seine klaren Worte hat der FAZ-Herausgeber für die "Deutsche Gesellschaft für Qualitätsjournalismus" aufgeschrieben. Gegenüber kress.de erklärt Christian Preiser, was der Verein genau vorhat. Für den Vorsitzenden des Vorstands von der DGQJ steht fest:

"Steile Thesen machen noch keinen Journalismus", ist Werner D'Inka überzeugt. Seine klaren Worte hat der FAZ-Herausgeber für die "Deutsche Gesellschaft für Qualitätsjournalismus" aufgeschrieben. Gegenüber kress.de erklärt Christian Preiser, was der Verein genau vorhat. Für den Vorsitzenden des Vorstands von der DGQJ steht fest: "Wir Journalisten müssen runter vom hohen Ross".

Zu den Gründern der Deutschen Gesellschaft für Qualitätsjournalismus gehören unter anderem Meike Schreiber, Georg Küffner und Monika Ganster (beide FAZ), Rivka Kibel, Achim Güssgen (HLZ) und Joachim Goldberg.

"Müssen die Menschen überzeugen"

kress.de: Herr Preiser, was steckt hinter der Deutschen Gesellschaft Qualitätsjournalismus?

Christian Preiser: Hinter der Deutschen Gesellschaft Qualitätsjournalismus steckt eine Gruppe von Journalisten - feste und freie, aus dem Print-Bereich, von Online, Radio und TV. Wir haben den Verein Ende vergangenen Jahres gegründet, weil wir glauben, dass es höchste Zeit ist, die unsägliche Nabelschau in der Medienbranche zu beenden und stattdessen den Diskurs über die Zukunft des Journalismus in die breitere Öffentlichkeit zu tragen. Jeder Obsthändler wird Ihnen sagen, Bananen seien überlebenswichtig. Genauso ist es im Journalismus. Wir suhlen uns im Glanz des Artikel 5 des Grundgesetzes und halten uns für ebenso unverzichtbar wie unersetzlich. Das Blöde ist nur: Außerhalb unserer Branche glauben das immer weniger Menschen. Die Auflagen sinken, weil niemand mehr Zeitungen kauft. Die Reputation des Journalismus ist mies - Stichwort "Lügenpresse". Wenn wir als Journalisten davon überzeugt sind - und das sind wir und sollten es auch sein! -, dass freie Medien und hochwertiger Journalismus für eine Demokratie systemrelevant sind, müssen wir runter vom hohen Ross und versuchen, die Leute davon zu überzeugen.

kress.de: In einer Charta des Qualitätsjournalismus schreiben Sie unter anderen, "Journalismus lebt von seiner Glaubwürdigkeit und Akzeptanz". Ist das nicht eher eine Selbstverständlichkeit?

Christian Preiser: Das klingt vielleicht wie eine Binse. Ist es aber nicht. Fragen Sie mal die Menschen - ob den Sozialhilfeempfänger oder den Chef eines DAX-30-Konzerns -, was sie vom Journalismus halten. Da schlackern Ihnen die Ohren. Glaubwürdigkeit und Akzeptanz sind nicht die ersten Attribute, die den Leuten einfallen, wenn sie Journalismus beschreiben sollen. Ich fürchte, wir träumen uns unseren Ruf gerne schön.

Nicht immer nur jammern

kress.de: Viele Medien klagen, dass es ihnen finanziell schlecht geht. Wie lange ist Qualitätsjournalismus noch finanzierbar?

Christian Preiser: Das Klagen ist des Menschen Lust. Verleger und Journalisten machen da keine Ausnahme. Only bad news are good news. Doch das lustvoll suizidale Herbeigerede der eigenen Apokalypse ist auf Dauer ziemlich dämlich und kontraproduktiv. Welcher Verleger muss denn am Hungertuch nagen, wenn sein Verlag nur noch 5 Prozent statt der bislang üblichen 15 Prozent Rendite erwirtschaftet? Keiner. Und wann werden Journalisten endlich aufhören, das Internet als Jobkiller zu verfluchen, und stattdessen das journalistische Potenzial dieses Mediums nutzen? Love it, change it oder leave it - aber nicht immer nur jammern.

"Und tschüss, Ihr Media-Mogule"

kress.de: Und was kommt dann?

Christian Preiser: Vielleicht bin ich grundlos optimistisch. Aber ich glaube nicht an die Endlichkeit von Qualitätsjournalismus. Sollte es mit dem Journalismus dennoch, wider Erwarten, jemals vorbei sein, landen wir alle in der postpublizistischen Ursuppe. Wenn die letzte Zeitung gedruckt, der letzte Artikel in der Versenkung des Online-Archivs verschwunden und die letzte Silbe im Äther verklungen ist, werden die Media-Agenturen merken, dass sich kein Mensch mehr ihre Werbung anschauen will. Werbung wirkt und funktioniert nur, wenn das Umfeld stimmt. Ohne Journalismus keine Zeitung, ohne Zeitung kein Umfeld, ohne Umfeld keine Werbung. Und tschüss, Ihr Media-Mogule.

kress.de: FAZ-Herausgeber D’Inka beklagt eine schleichende publizistische De-Professionalisierung in Deutschland. Was halten Sie von seiner Kritik an Bloggern?

Christian Preiser: Die digitale Betrachtung von Bloggern versus Journalisten ist verlockend. Denn Schwarzweißmalerei ist immer unterhaltsam, und sie macht die Beurteilung von vielem so einfach. Außerdem erlaubt sie mir, mich zu den Guten zu zählen: Die Blogger sind "böse". Ich aber bin Journalist - und also "gut". Das schmeichelt mir. Mit ein bisschen Abstand zeigt sich aber: D'Inka pointiert und provoziert. Er spitzt zu. Das muss er schon von Amts wegen tun. In Wirklichkeit ist der Vergleich von Bloggern mit Journalisten genauso wie der von Äpfeln mit Birnen. Ich kenne etliche Blogger. Keiner von denen versteht sich als Journalist. Daher geht die Diskussion an ihnen vollkommen vorbei. Beide Gruppen - Journalisten und Blogger - haben ihre Daseinsberechtigung und ihren Markt. Manchmal gibt es Berührungspunkte. Das ist alles - nicht weniger, aber auch nicht mehr. Für Minderwertigkeitskomplexe besteht, glaube ich, auf beiden Seiten kein Anlass.

Mit Christian Preiser, Vorsitzender des Vorstands der Deutschen Gesellschaft für Qualitätsjournalismus e.V., sprach kress.de-Chefredakteur Bülend Ürük.

Ihre Kommentare
Kopf
Bernd Nohse
21.05.2015
!

Die Charta fordert eine "Haltung". Genau damit fängt das Problem an, wenn diese Haltung aus jeder Zeile der Berichterstattung trieft, anstatt im Kommentar stattzufinden. Der Medienkonsument sollte in die Lage versetzt werden, sich eine Meinung zu bilden und nicht obertlehrerhaft in eine Richtung geschubst werden.


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