Appell gegen Mutlosigkeit bei Produzenten & Sendern: Wie man den deutschen Familienfilm wiederbelebt

04.06.2015
 
 

Josef Göhlen, bis 1995 fast 20 Jahre lang in den Diensten des ZDF und dort zuletzt Serien-Chef, brachte zeitlose Kinderserien wie "Biene Maja" oder "Wickie und die starken Männer" und Publikumserfolge wie die "Timm Thaler"-Reihe ins deutsche TV. Aktuell beklagt er den Niedergang des Familienfilms. "Heute liefert man lieber Kinderfilme ab, die den Eltern nicht allzu sauer aufstoßen", sagt er im exklusiven Gastbeitrag für kress.de.

Josef Göhlen, bis 1995 fast 20 Jahre lang in den Diensten des ZDF und dort zuletzt Serien-Chef, brachte zeitlose Kinderserien wie "Biene Maja" oder "Wickie und die starken Männer" und Publikumserfolge wie die "Timm Thaler"-Reihe ins deutsche TV. Aktuell beklagt er den Niedergang des Familienfilms. "Heute liefert man lieber Kinderfilme ab, die den Eltern nicht allzu sauer aufstoßen", sagt er im exklusiven Gastbeitrag für kress.de.

Zur Person: Josef Göhlen, geboren 1931, war von 1973 bis 1995 beim ZDF zuständig für Kinderprogramme und Serien im Vorabendprogramm. So prägte er maßgeblich die Fernseh-Erinnerungen mehrerer Generationen. Unter seiner Leitung und auf seine Initiative hin entstanden Klassiker wie "Heidi", "Wickie und die starken Männer", die "Biene Maja" sowie Weihnachtsmehrteiler wie "Silas", "Anna" oder "Timm Thaler". Göhlen holte außerdem Serien wie "Die Muppet Show", "Captain Future", "Raumschiff Enterprise" und "Alf" ins deutsche Fernsehen. Vor seiner Zeit beim ZDF betreute er beim HR die Fernsehaufzeichnungen der "Augsburger Puppenkiste" und schrieb selbst "Bill Bo & seine Kumpane".

Von der derzeitigen Mutlosigkeit bei Produzenten und Senderverantwortlichen ist er tief enttäuscht - weil sie bewusst und sträflich ihr Publikum unterschätzen und unterforden. Das schreibt Göhlen, der selbst zwölf Jahre lang dem Kuratorium "Junger Deutscher Film" angehörte, in seinem Gastbeitrag für kress.de:

"Während der Vorbereitungen zur Vergabe des Deutschen Filmpreises gibt es Stimmen von Kennern der Szene, die, wenn auch pauschal, die Güte der deutschen Produktionen in Frage stellen. Außerdem seien nur 27 Prozent der Produktionen deutscher Provenienz. Nun gibt es dergleichen Stimmen im Umfeld jeder Preisverleihung, doch beim Betrachten der Kinoprogramme des Jahres 2014 bin ich geneigt, dieser Kritik zuzustimmen. Ich möchte die Diskussion um Förderung und Budgets einmal außen vor lassen und mich stattdessen der Betrachtung dessen, was man filmisch erzählen will oder was man vielleicht besser lassen sollte, widmen.

Gegen die einfallslose Komödienflut

Nur mit dem Zeitgeist zu schwimmen und deshalb Komödien zu drehen, die eher ins Fernsehen als ins Kino gehören, reicht für eine künstlerische und zugleich wirtschaftliche Strategie in die Zukunft ebenso wenig aus wie Nachahmungsprodukte amerikanischer Couleur oder Produktionen mit zeitgeistiger Betroffenheit. Wollen die deutschen Zuschauer wirklich nur so etwas sehen? Oder ist es nicht eher so, dass sich eine gesamte Industrie einer fatalen selbstgefälligen, selbsterfüllenden Prophezeiung hingibt?

"Man muss den Familienfilm neu überdenken"

Angeregt durch Gespräche mit Produktions- und Vertriebsentscheidern und vielen Diskussionen im Freundeskreis plädiere ich hiermit aufs Entschiedenste, den Familienfilm fürs Kino neu zu überdenken und ihm stärker als bisher eine Chance zu geben. In diesem Segment läge die große Hoffnung, aus dem Teufelskreis des Immergleichen auszubrechen und den internationalen Produktionen etwas Konkurrenzfähiges entgegenzusetzen.

Die großen Probleme liegen nicht am Mangel von geeigneten Stoffen oder gar in einem Mangel an Autoren, Regisseuren oder willigen Produktionsfirmen. Nein, es sind die übergeordneten Entscheider, die Filmverleiher und die TV-Sender, denen es an Willen und Vision fehlt, dieses Segment auch mit deutschen Produktionen zu besetzen. Zur Verdeutlichung hier ein aktuelles Beispiel, das mir auch als Anstoß für diesen Kommentar diente:

Ein Plädoyer für generationenübergreifende, intelligente Geschichten

Da hat es nämlich jüngst tatsächlich jemand gewagt, einen deutschen Familienfilm fürs Kino herstellen zu wollen, der exakt das tut, was mir zu meiner Zeit mit den Weihnachtsserien 'Timm Taler', 'Silas', 'Jack Holborn' u.a. beim ZDF so lieb und teuer war: Generationenübergreifende, intelligente Geschichten mit liebenswerten Figuren zu erzählen.

Es handelt sich um Tommy Krappweis – fantasiereicher Autor, talentierter Musiker, engagierter Regisseur, 'Bernd das Brot'-Erschaffer und zuweilen auch komödiantischer Entertainer, ein Talent, das hierzulande Seinesgleichen sucht. Krappweis hat es sogar geschafft, den in den letzten Jahren Kinofilm-abstinenten Sender RTL für eine Koproduktion zu gewinnen. Schließlich produzierte die renommierte Firma Rat Pack den Film und der Constantin Film Verleih brachte ihn unter dem Titel 'Mara und der Feuerbringer' in die deutschen Kinos.

Der branchenintern als kreativ und mutig bekannte Produzent von Rat Pack, Christian Becker, und Tommy Krappweis realisierten einen interessanten familiengeeigneten Fantasyfilm und jeder, der den Film neugierig und ohne Vorbehalt gesehen hat, muss gestehen, dass es den beiden gelungen ist, eine reale und zugleich magische Geschichte im Hier und Heute mit witzigen zeit- und generationsübergreifenden Dialogen, mit interessanten Charakteren und gekonnt inszenierten Showeffekten, zu erzählen, die ohne Pathos oder gar Pseudopathos auskommt, wohltemperierte Spannung und wohltuende Lacher bei Jung und Alt erzeugt und zudem sogar mythologische Geschichte vermittelt - und das zu einem Budget, das im Vergleich zu internationalen Produktionen des Genres so verschwindend gering ist, dass man schon dem Vorhaben alleine applaudieren möchte.

Die meisten Kritiker erkannten den Wert des Films, z. B. die 'Süddeutsche', die 'dpa', auch 'Bild' oder Genremagazine wie 'Nautilus' oder die Spielezeitschrift 'Gamestar'. Ebenso wurde der Film von vielen Portalen und Bloggern empfohlen. So weit, so bestens.

Fataler Zwang zur Genre-Konformität

Doch hier kommen wir zum eingangs beschriebenen Problem: Die Fehleinschätzung der Marketingleute, des Verleihs, des koproduzierenden Senders bis hin zur Kinoplanung. Dass sich die Machart, das Design und die Ansprache von 'Mara' in kein derzeit gängiges deutsches Kinoschema einordnen lassen, ist wohl richtig. Aber exakt hier zeigt sich das Unvermögen der heutigen Entscheider, mit dergleichen Stoffen umzugehen: Einen solchen Film mit Gewalt in die Kinderfilmschublade zu zwängen, ist unsinnig und zeugt von einem eklatanten Mangel an Umsicht und mutiger Klugheit.

Wo ist die Kategorie hin verschwunden, in der sich dereinst 'Die unendliche Geschichte' befand? Tommy Krappweis wie auch Christian Becker haben sich mit ihrem Film als würdige Nachfolger dieser Tradition präsentiert, wurden aber für ihren zukunftsweisenden Mut durch interessenloses, leidenschaftloses und liebloses Marketing abgestraft. Der bewusst generationsübergreifende Kinofilm - hier mit fantastischer Story - scheint heutzutage alleine den Amerikanern, insbesondere Disney bzw. Pixar vorbehalten zu sein und wird wohl auch nur diesen zugetraut.

Rückkehr des Familienfilms als Chance für den deutschen Filme

Wie schwer kann es sein, ein solches Produkt mit Stolz in den Markt zu bringen und selbstbewusst dafür zu werben? Ist nicht die Alleinstellung, das 'Besondere', die größte Hilfe, um zwischen all den anderen Filmen glänzen zu können? Marketing und Kinoplanung könnten die Rückkehr des großen Familienfilms als eine Innovation und einen Durchbruch für das deutsche Kino propagieren. Es stünde gerade der Constantin wie auch RTL gut zu Gesicht, sich als den 'Retter der neuen, deutschen Familienunterhaltung' zu feiern, werden sie doch ansonsten eher als Vertreter des ewig Gleichen gesehen. 

Gegen den Niedlichkeits-Wahn in Kino und TV

Anstatt eines wirklichen Familienfilms liefert man heute lieber Kinderfilme ab, die den Eltern nicht allzu sauer aufstoßen, weil sie Bekanntes voraussetzen. Dies sind Filme, die oft entweder niedlich, pädagogisch-moralisch und meist pseudo-dramatisch daherkommen, deren Stories und Pointen ausschließlich auf die ganz junge Zielgruppe zugeschnitten sind und die so Lücke des generationsübergreifenden Films nicht  füllen können. Produktionen dieser Art gehören noch nicht einmal dorthin, wo die meisten ihrer Motive und deren Bekanntheit herkommen: ins Fernsehen. 

Mit der vernachlässigten Kategorie des Familienfilms präsentiert sich eine kulturell und auch wirtschaftlich verdienstvolle Möglichkeit. Doch daran gebunden ist die Aufgabe, inhaltlich strategisch zu denken und den Mut zu haben, dem größeren Familienfilm mit bekannten und/oder gewagten neuen Charakteren und verschiedenen Genres eine Perspektive zu geben. Es ist nichts anderes als sinnvoll, den Ausbau des Familienfilms zu fördern und dann auch durch ernstzunehmendes Marketing und entsprechende Spielzeiten in den Kinos zu unterstützen.

Dazu bedarf es - wie so oft in der Kultur- und Wirtschaftspolitik – eines bewussten Konzepts, Vertrauen in kreative Köpfe und dann noch eine gesunde Portion Intelligenz und vor allem Willen und Mut."

Josef Göhlen

 

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