Supermarkt-"Bild"-Boykott bedroht freie Presse: "Niemand hat das Recht zu zensieren"

28.05.2015
 

Einfacher geht es nicht - für Kritiker der "Bild" gibt es immer Applaus. Aber was bedeutet es, wenn der Einzelhandel Zensor spielt und Zeitungen oder Zeitschriften nur noch nach eigenem Gusto verkaufen will? Niemand habe das Recht, die freie Presse zu zensieren,

Einfacher geht es nicht - für Kritiker der "Bild" (Chefredakteur: Kai Diekmann) gibt es immer Applaus. Aber was bedeutet es, wenn der Einzelhandel Zensor spielt und Zeitungen oder Zeitschriften nur noch nach eigenem Gusto verkaufen will? Niemand habe das Recht, die freie Presse zu zensieren, sagt etwa Katja Bauroth, Redaktionsleiterin der "Schwetzinger Zeitung", zu kress.de.

Auf dem Forum Lokaljournalismus der Bundeszentrale für Politische Bildung in Köln sind noch bis Freitag viele Chefredakteure und Redaktionsleiter deutscher Lokalzeitungen versammelt. Eine gute Gelegenheit, um nachzufragen, was die Chefs von dem "Bild-Boykott" eines sächsischen Supermarktes und dessen Folgen halten.

Edeka in Chemnitz spielt Zensor

Schon Ende März verkündete ein Edeka-Markt im sächsischen Chemnitz, dass er "unprofessionellem Journalismus" keine Plattform mehr geben möchte und die "Bild"-Zeitung ab sofort aus dem Sortiment nehmen möchte. Die große Öffentlichkeit erreicht der Fall erst Mitte Mai als der Mitteldeutsche Pressevertrieb (Geschäftsführer: Robert F. Steinbauer), Grossist in Thüringen, die Zusammenarbeit mit dem Supermarkt kündigt. "Mit der Begründung, dass wir uns standhaft weigern die BILD Zeitung zur Auslage zu bringen", heißt es auf der Facebook-Seite des Marktes, die mittlerweile mehr als 18.000 Likes hat und über 5000 Mal geteilt wurde. "Da es ein Gebietsrecht gibt, dürfen wir uns von keinem anderen Grossisten beliefern lassen, das heißt wir dürfen uns ab sofort keine Zeitschriften von einem Pressevertrieb liefern lassen. Für alle Freunde der Printmedien heißt es nun, bitte zum Kiosk gehen", heißt es auf Facebook weiter. Der Supermarkt will dort nun künftig ein Sortiment an Kinderbüchern, Malbüchern und Bestsellern auslegen.

Zustimmung von Facebook-Nutzern

Von den Facebook-Nutzern gibt es überwiegend Zustimmung: "Als Stammkunden finden wir eure Haltung super und die Alternative sehr sinnvoll", schreibt eine Nutzerin; "Perfekt, ihr seid ein Vorbild, für Standhaftigkeit, weiter so. Jedes Kinderbuch ist ehrlicher und informativer als diese Springer-Lügenpresse", so ein anderer Nutzer.

Auf dem Forum Lokaljournalismus in Köln sieht das Stimmungsbild dagegen anders aus: "Was dieser Markt gemacht hat, ist eine Bevormundung - und die, die bevormundet werden, bejubeln das auch noch in den sozialen Netzwerken. Vom Thema Pressefreiheit möchte ich gar nicht erst anfangen", sagt etwa Katja Bauroth, Redaktionsleiterin der "Schwetzinger Zeitung" (gehört zum "Mannheimer Morgen", Chefredakteur: Dirk Lübke). Es stehe niemandem eine Zensur dieser Art zu: "Jeder Mensch kann und sollte selbst entscheiden, was er konsumiert, wie er etwas einstuft und entsprechend reagieren. "Alles, was diskriminierend ist, hat auf dem Marktplatz nichts verloren", zitiert Bauroth, abschließend eine Aussage von Bernhard Mattes, Geschäftsführer der Ford-Werke in Köln, beim 23. Forum für Lokaljournalismus.

"Kein gutes Gefühl"

Ähnlich sieht das auch Tobias Köhler, Leiter des neu gegründeten Strategie- und Innovationsteams in der Südwestdeutschen Medienholding (SWMH, Vorsitzender der Geschäftsführung: Richard Rebmann) aus Stuttgart: "Ich habe kein gutes Gefühl dabei, wenn wir den Vertrieb von Medien davon abhängig machen, ob uns etwas gefällt oder nicht," sagt er. Das müsse man aushalten können. "Nur weil ich mit der Berichterstattung nicht einverstanden bin, kann ich sie nicht verbieten", sagt auch Sebastian Tauchnitz, Redaktionsleiter bei der Funke-Zeitung "Thüringer Allgemeine" (Chefredakteur: Paul-Josef Raue) in Erfurt. Da sehe er die Pressefreiheit in Gefahr.

Ihre Kommentare
Kopf

CM

28.05.2015
!

Einerseits: Wenn die Pressefreiheit bedroht wird, sollte jeder aufmerksam sein und dagegen vorgehen.
Andererseits: Wenn ein Supermarkt ein Produkt (und nichts anderes ist die BILD-Zeitung) nicht verkaufen will, dann ist es sein gutes Recht. Wenn dort kein Brot von Harry verkauft werden soll, dann darf der Supermarkt das auch selbst festlegen. Der Boykott durch den Lieferanten ist Erpressung und gehört verboten! Zur Freiheit gehört auch, die Wahl zu haben. Erpressung gehört nicht dazu!


Micha

28.05.2015
!

Jetzt soll man aber mal die Kirche im Dorf lassen!

Die Bild Zeitung aus dem Sortiment zu nehmen (auch andere Zeitungen) ist das Recht eines jeden Unternehmers. Er kann auch entscheiden welche Salami an der Wursttheke liegt.
Freie Unternehmer dürfen ihre Lieferanten aussuchen und das ist auch gut so.
Zudem wird die Bild nicht nur in diesem Markt distribuiert. Auch wenn alle die Bild auslisten, ist es an ihr sich unverzichtbar zu machen und Absatzkanäle zu finden. So funktioniert der Markt!


Leser

28.05.2015
!

Stimme dem vorigen Kommentar zu. Hier verrutschen die Kategorien, denn mit Zensur hat das nichts zu tun. Niemand schreibt der Bild-Redaktion vor dem Druck vor, was sie veröffentlichen darf und was nicht. Das wäre Zensur. Ein Supermarkt darf muss angesichts des Riesenangebots an Printerzeugnissen auswählen. Er kann nicht alles anbieten.

Wer die Bild kaufen will, hat ja immer noch die Freiheit, sie woanders zu kaufen. Nichts wird dem Käufer vorgeschrieben, vorenthalten, weg genommen ...


JFS

28.05.2015
!

Gilt hier der Kontrahierungszwang des Pressegrossisten gar nicht?
Ich dachte ein Pressegrossist hat die Pflicht jede Verkaufsstelle zu beliefern (die Zeitschriften/Zeitungen anbieten möchte und sich der Preisbindung etc. verpflichtet)... hat er nicht?


Thomas

28.05.2015
!

Der Betreiber des Edeka-Marktes sollte eher prüfen lassen, ob das Grosso-Kartell nicht aufgehoben gehört, denn jeder Unternehmer sollte sein Sortiment frei bestücken können, aus welchen Motiven auch immer.

Es ist nicht wichtig, ob hier Politik gegen ein spezifisches Medium gemacht wird von einer Einzelperson. Letztlich hat das Grosso-Kartell jetzt die Meinungsvielfalt komplett ausgesetzt, indem keine Meinung mehr vertreten werden kann. Am Kiosk nebenan gäbs für mündige Bürger auch Alternativen.


Hans Altmeyer

28.05.2015
!

Der Supermarkt bestimmt über sein Sortiment selbst, und wenn er eine Zeitung ohne Auslage remittiert, dann ist das eben so. Etwas anderes wäre es vielleicht, wenn er in seinem Umfeld eine marktbeherrschende Stellung hätte, aber da sich jeder die Bild auch direkt vom Verlag ins Haus bringen lassen kann, wird das nicht so bald der Fall sein. Der Grossist dagegen beherrscht sein Gebiet absolut, und ich bezweifle, dass der Belieferungsstopp rechtens ist.


Falk

28.05.2015
!

Ich verstehe die Argumentation nicht. Warum wird durch den Nichtverkauf der Bild-Zeitung die Pressefreiheit bedroht? Ich kenne den besagten Edeka nicht, aber die Supermärkte in Wiesbaden haben auch mit Bild-Zeitung ein sehr eingeschränktes Zeitungssortiment. Neben der Bild gibt es noch die Lokalzeitung. Andere überregionale Tageszeitungen sucht man vergebens. Ich tippe, bei besagtem Edeka sieht das Sortiment nicht viel anders aus. Ist das dann nicht auch ein Eingriff in die Pressefreiheit?


28.05.2015
!

"Alles, was diskriminierend ist, hat auf dem Marktplatz nichts verloren", ... Die BILD macht Diskriminierung zu ihrem Markenkern. Was sagt das dann über diesen Satz aus? Pressezensur ist jedenfalls etwas anderes. Mir wird dieses Wort ebenso wie das Wort Pressefreiheit inzwischen zu inflationär genutzt. Ich kann da nur den Kopf drüber schütteln. Es ist ja nicht so als hätten die Kunden des Supermarkts keine Möglichkeit das Blättchen anderswo zu kaufen.


Jörg

28.05.2015
!

Großartig...Wenn der EDEKA nun den Wurstlieferanten wechselt, weil ihm die alte Wurst persönlich nicht schmeckt oder ihm sogar grundsätzliche die gelieferte Qualität des Lieferanten nicht reicht, was ist denn dann? Ich betrete einen Supermarkt und bin Kunde, aber gleichzeitig auch nur Gast. Wenn ich meine gewünschte Ware oder Sortiment dort nicht finde, so bin ich frei zu gehen und woanders einzukaufen...


Ralf Henseler

28.05.2015
!

bei allem Respekt für die Pressefreiheit darf und muss man dem Handel eine Wahlfreiheit in seinem Produktangebot zugestehen. Dies ist ebenfalls ein Grundrecht. Die Empfindlichkeiten sind hier vollkommen überzogen. Ein "Journalismus", welcher seit Jahrzehnten mit Lügen und Halbwahrheiten in Verbindung gebracht wird darf sich über die entsprechende Behandlung wirklich nicht beschweren! Ein wenig mehr Rückrat gegenüber der Bild ist dringend geboten!


Robert Niedermeier

28.05.2015
!

Das Argument, ein Inhaber entscheidet über sein Sortiment, ist fragwürdig.... zählt das etwa auch für die fundamentalistische Apothekenbesitzerin in Kreuzberg, die keine Kondome verkauft, oder dem homophoben Bäcker in USA, der keine Lesben bedienen möchte? Zudem ist es in strukturschwachen Regionen eine konkrete Benachteiligung, wenn ein Dorfladen die Vielfalt einschränkt.
Ich möchte bitte selbst entscheiden, ob ich BILD lese, oder nicht, deshalb boykottiere ich Läden, die BILD boykottieren.


Jens Best

28.05.2015
!

Schon die Vermutung, dass es sich bei BILD um Journalismus handele, zeigt, wie betriebsblind diese Branche schon geworden ist. BILD ist Propaganda. Kein Einzelhändler ist verpflichtet Propaganda auszulegen - aber anscheinend wird man dazu unter dem Deckmantel der sog. Pressefreiheit dazu gezwungen. Armes Deutschland.


Frank Kemper

28.05.2015
!

Mich hinterlässt die Geschichte ratlos. Wenn der Pressegrossist entscheidet, welche Titel das Ladengeschäft geliefert bekommt, welche es auszulegen hat und welche nicht, dann ist es doch der Grossist, der in die Pressefreiheit eingreift - und zwar total. Denn anders als ein Edeka-Laden, der nicht verhindern kann, dass Penny das Ding immer noch verkauft, kann ein Grossist per Gebietsschutz total entscheiden, welche Titel zur Auslieferung kommen. Das passt nicht.


Sascha Rheker

28.05.2015
!

Die Pressefreiheit ist doch etwas anderes als die Pflicht eines Edeka-Marktes ein bestimmtes Medium verkaufen zu müssen. Ich kann diese Verpflichtung in Art. 5 GG nicht erkennen. Und Zensur ist was ganz anderes.

Ansonsten sollten diejenigen, die das anders sehen mal vor allen Kiosken, Tankstellen und Supermärkten des Landes demonstrieren gehen, an denen es die "Jüdische Allgemeine", "Das neue Deutschland" und in aller Konsequenz auch die NPD-Postille "Deutsche Stimme" nicht gibt.


Thomas Ludwig

28.05.2015
!

„Apokalypse naht! Freier Unternehmer verkauft was er will“
Erschreckend, wie unter dem Pseudo-Deckmantel der Pressefreiheit („denn sie wissen nicht, was das ist..“) Erpressung als probates Vertriebsmittel angepriesen wird. Ich bin fassungslos, wie dann daraus auch noch eine Zensur dahergeredet wird. Soll das so eine Art Presse-Kolonialismus werden? Oder ist es das schon? Und Courage und Freiheit scheinen für die Presse auch nur dann von Wert zu sein, wenn sie den eigenen Vertrieb nicht stören.


Hustenstorch

29.05.2015
!

Zensur - ich erlebe sie täglich. Der REWE um die Ecke verkauft keine "Schwetzinger Tageszeitung". Das ist ein nicht zu ertragender Eingriff in die Pressefreiheit!


Christian

29.05.2015
!

Ich bin fassungslos ob Ihrer Argumentation. Ein Einzelhändler entschließt sich, ein Produkt (aus Gründen der Qualität) aus seinem Angebot zu nehmen. Daraufhin kündigt der Lieferant (welcher Exklusivrechte und damit ein Monopol in dem Gebiet hat) ihm die Lieferung aller Produkte. Und nun soll der Einzelhändler eine Bedrohung für die Pressefreiheit sein?

"Armselig" ist für diese Argumentation noch eine freundliche Umschreibung. Für mich ist das die eigentliche Bedrohung der Pressefreiheit.


Aufpasserin

29.05.2015
!

Diese Arschkriecherei einiger "Journalisten", wenn es um Kritik an der Bild"Zeitung" geht, finde ich erbärmlich. "Vom Thema Pressefreiheit möchte ich gar nicht erst anfangen", sagt Katja Bauroth, Redaktionsleiterin der "Schwetzinger Zeitung". Und das ist gut so, denn davon scheint sie nicht den blassesten Schimmer zu haben. Ihrer verqueren Logik zufolge müssten alle ZeitschriftenhändlerInnen dazu verpflichtet sein, jedes Nazi-Blättchen anzubieten. Sind sie aber glücklicherweise nicht! :)


Ulrich Saake

29.05.2015
!

Bei einigen Kommentaren wird nun maßlos überzogen. Wo bitte wird hier die Pressefreiheit bedroht, wenn ein Edeka Laden die BZ nicht mehr verkauft oder listet.
Der wird mit Sicherheit seine Gründe haben warum er das macht. Würde die Meldung auch kommen, wenn der Händler das Sortiment von Maggi streicht?
Also keine Übertreibung und die BZ kommt mit einem Aufmacher zu dieser Geschichte und den "Müll" über den Edeka Händler zu Papier bringen. Herr Diekmann wird das kommentieren.


Hermann Brinker

29.05.2015
!

Ernsthaft was hat den die Pressefreiheit damit zu tun, wenn jemand eine bestimmte Zeitung nicht verkaufen möchte?
Ihr könnt den Inhabern von Supermärkten doch nicht aufzwingen was sie zu verkaufen haben, oder steht in irgendeinem Gesetz
das Edeka Printmedien verkaufen MUSS?
Lange nicht so ein Blödsinn gelesen!


Anke  Kapels

Anke Kapels

Stiftung Warentest
Redakteurin

29.05.2015
!

Kein Lebensmittelhändler, der Printmedien nebenbei verkauft, kann allein schon aus Platzgründen alle Produkte anbieten; also trifft er gezwungenermaßen eine Auswahl. Und die trifft meistens NICHT Massenblätter wie die Bild, sondern weniger bekannte Zeitschriften und Zeitungen. Das fällt aber kaum jemanden auf, es sei denn, er sucht ein bestimmtes Produkt und findet es nicht. Der Logik des Beitrages folgend, ist das eine Einschränkung der Pressefreiheit. Das trifft gewiss auf jeden Supermarkt zu.


Ilja Ott

29.05.2015
!

Man sollte endlich mal anfangen die Kommentare der Leser ernst zu nehmen und die besagte Presse sollte sich eingestehen, dass ihre "Berichterstattung" viel eher einer Zensur gleicht. Die Bürger durchschauen diese üble Meinungsmache und melden sich zu Wort. Wenn man dann trotz der vielen Beschwerden einfach nicht einlenken möchte, muss man halt damit rechnen, dass aufgeklärte Bürger die Sache selbst in die Hand nehmen.
Allein die Kommentare auf dieser Seite sprechen für sich ;-)


Lynata

31.05.2015
!

Was für ein Blödsinn. Wenn überhaupt dann fühle ich mich als Kunde vom Grossisten bevormundet der entscheidet welche Zeitschriften mein Kiosk verkauft. Ich gehe mal davon aus, dass kaum ein Kunde dieses Grossisten das gesamte lieferbare Sortiment verkauft und sei es nur aus Platzgründen. Wieso darf der Grossist entscheiden welche Zeitschriften angeboten werde? Wenn ich zum Metzger gehe lass ich mir ja auch nicht einreden ich darf mein Steak nur kaufen wenn ich noch ne Packung Bratwürste nehme.


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