"top-agrar"-Chef Schulze Pals zu kress.de: "Unsere Katzenbilder sind Traktoren"

 

An "top agrar" kommt kein Landwirt vorbei. Das Magazin ist längt mehr als eine Lektüre. In Zeiten, in denen Landwirte massiv in der Kritik stehen, sind die Angebote von "top agrar" vor allem in den sozialen Netzwerken ein wichtiger Anlaufpunkt. Das Blatt schlägt sich auf die Seite seiner Leser, übernimmt die Rolle des Advokaten und vergisst dabei nicht, die Leser zu unterhalten.

An "top agrar" kommt kein Landwirt vorbei. Das Magazin ist längt mehr als eine Lektüre. In Zeiten, in denen Landwirte massiv in der Kritik stehen, sind die Angebote von "top agrar" vor allem in den sozialen Netzwerken ein wichtiger Anlaufpunkt. Das Blatt schlägt sich auf die Seite seiner Leser, übernimmt die Rolle des Advokaten und vergisst dabei nicht, die Leser zu unterhalten. "Unsere Katzenbilder sind Traktoren", sagt "top-agrar"-Chefredakteur Ludger Schulze Pals im Interview mit kress.de.

"Die Zahl unserer Abonnenten ist stabil"

Mit einer Auflage von über 110.000 Exemplaren ist "top agrar" Marktführer im Bereich der Agrarpublizistik und liegt vor Wettbewerbern wie dem dlr agrarmagazin" (Chefredakteur: Detlef Steinert) oder der "agrarzeitung" (Chefredakteurin: Angela Werner). Um die Auflage stabil zu halten, müssen jährlich mehrere tausend neue Leser gewonnen werden, denn die Zahl der Höfe geht zurück und mit der Schließung eine Hofes wird häufig auch das Abo des bäuerlichen Fachmagazins gekündigt. Ludger Schulze Pals, Chefredakteur von "top agrar", studierte Agrarwissenschaften in Göttingen und war vor seiner Zeit als Journalist Referent im Bundeslandwirtschaftsministerium und stellvertretender Abteilungsleiter im nordrhein-westfälischen Landwirtschaftsministerium.

kress.de: Wenn man sich Ihren Auftritt in den sozialen Medien anschaut, hat man dem Eindruck, dass "top agrar" mehr ist als ein Fachmagazin. Wie wichtig ist das in Zeiten wie diesen, wo die Bauern zunehmend in der Kritik stehen?

Ludger Schulze Pals: Wir haben eine sehr enge Leser-Blatt-Bindung. Wir versuchen überall da präsent zu sein, wo unsere Leser auch sind: Im Blatt, im Web und in den sozialen Medien. Natürlich ist es unsere erste Aufgabe als Fachmagazin, die Landwirte bei ihrer täglichen Arbeit zu unterstützen. Da geht es vor allem um die Produktionstechnik und Betriebswirtschaft, um die Optimierung des Ackerbaus und der Tierhaltung. In den vergangenen Jahren ist die gesellschaftliche Akzeptanz der Landwirtschaft aber immer wichtiger geworden. Darauf müssen die Landwirte reagieren und zunächst einmal verstehen, wie die Landwirtschaft von außen wahrgenommen wird. Deshalb laden wir vor allem Agrarkritiker, aber auch andere Vertreter wichtiger gesellschaftlicher Gruppen ein, mit den Landwirten zu diskutieren. Im Umkehrschluss sollen diejenigen, die die Landwirte kritisieren, auch verstehen, unter welchem existenziellen wirtschaftlichen Druck diese stehen.

Plattform für Streitgespräche

kress.de: Auf welcher Seite ist die Dialogbereitschaft höher?


Ludger Schulze Pals: Da müssen beide noch zulegen. Lange Zeit haben sich beide Seiten damit begnügt, über die jeweils andere zu schimpfen. Das schließt die eigenen Reihen und man muss sich nicht mit den Argumenten des Gegenübers auseinandersetzen. Das ändert sich aber gerade. Landwirte treffen jetzt häufiger auf Tierschützer und Umweltschützer. Ich begrüße das, weil wir nur im Dialog weiterkommen. Auch bei uns im Magazin gibt es seit einigen Monaten verstärkt Streitgespräche zwischen Vertretern der Landwirtschaft und Agrarkritikern über aktuelle Diskussionsthemen. Dieses Format hat hohe Lesequoten und stärkt die gegenseitige Sensibilität und den Respekt voreinander.

kress.de: Wird das nur von Ihrer Kernklientel wahrgenommen oder erreichen sie darüber auch neue Leserschichten?

Ludger Schulze Pals: Zunächst einmal ist es unsere Aufgabe als Fachmagazin die eigenen Leser, also die Landwirte und die Mitarbeiter der Agrarbranche auf die Debatten mit Nicht-Landwirten und Agrarkritikern vorzubereiten. Aber wir stellen fest, dass wir auch für Tier- und Umweltschutzverbände ein zunehmend interessanter Gesprächspartner werden. Mit unserer großen Reichweite sind wir für diese Verbände ein wichtiger Kommunikationspartner. Deshalb wächst auch in den agrarkritischen Organisationen unsere Leserschaft, auch wenn diesen unsere Inhalte sicher nicht immer gefallen.

kress.de: Im Januar wurde ein Bauer von einem Rind getötet und radikale Tierschützer wie bejubelten den Tod des Landwirts. Seit wann gibt es denn solche menschenverachtende Vorfälle?

Ludger Schulze Pals: Das ist keine Kritik mehr. Das sind nicht zu akzeptierende Auswüchse. Dennoch darf man nicht die ganze Tierschutzszene in diese Ecke stellen. Thomas Schröder, der Präsident des Deutschen Tierschutzverbandes, hat sich im top agrar-Interview von diesen Aktivitäten deutlich distanziert. Eine militante Tierrechtsszene gab es schon immer. Es scheint, als sei diese im Zuge der zunehmenden Kritik an der Landwirtschaft in den vergangenen Jahren gewachsen. Das Thema Tierschutz hat in der Gesellschaft an Bedeutung gewonnen. Das Bejubeln eines tragischen Todesfalls sorgt da für große mediale Aufmerksamkeit. Vor zehn Jahren hätte das sicher niemanden interessiert. Ich halte das für eine besorgniserregende Entwicklung.

kress.de: Geraten Sie als Agrarjournalist auch in die Schusslinie solcher Verbände?

Ludger Schulze Pals: Natürlich werden wir immer ein Stück in Mithaftung genommen, weil wir als Agrarmagazin eindeutig auf der Seite der Bauern stehen. Deswegen sind wir auch Ziel der zum Teil kriminell vorgehenden Aktivisten. Wenn wir über einen Einbruch in einen Stall berichten und einen bestimmten Verband damit in Verbindung bringen, werden wir nicht selten mit Rechtsmitteln überzogen. Formulierungen wie "Einbruch" oder "illegales Eindringen" sind juristisch ein Minenfeld, selbst wenn wir nur die Meldungen Dritter zitieren. Da laufen wir immer Gefahr, in einen Rechtsstreit zu geraten.

kress.de: Sind das auch Versuche, Sie mundtot zu machen?

Ludger Schulze Pals: Der Versuch ist da. Aber davon lassen wir uns nicht einschüchtern, auch wenn es das eine oder andere Mal Geld kostet.

kress.de: Wurden Redakteure schon einmal bedroht?

Ludger Schulze Pals: Nein, dass ist bislang nicht passiert. Bedroht werden Landwirte.

kress.de: Sind solche Auseinandersetzungen für Sie eigentlich neu?

Ludger Schulze Pals: Nein, wir sind seit unserer Gründung ein unabhängiges Magazin und hatten und haben immer dann Ärger mit Unternehmen, Organisationen oder einzelnen Personen, wenn wir diesen unlauteres Handeln nachweisen konnten. Neu ist nur, dass jetzt auch noch radikale Tierschutzverbände hinzukommen. Für diese Organisationen sind juristische Verfahren gegen uns und vor allem gegen die Landwirte Teil der gesellschaftlichen Auseinandersetzung.

"Netzwerke werden immer wichtiger"

kress.de: Sie erreichen über die sozialen Netzwerke deutlich mehr Menschen als sie Abonnenten haben. Wie wichtig sind diese Netzwerke für sie?

Ludger Schulze Pals: Sie werden immer wichtiger. Erstens wegen der Altersstruktur. Die Leser in den sozialen Netzwerken sind deutlich jünger. Da ist frühes Markenbranding wichtig, denn das sind die Leser des Magazins von morgen. Zweitens: Über Facebook und Co. erreichen wir auch viele Menschen, die keine Landwirte sind, aber an landwirtschaftlichen Themen interessiert sind. Diese User wollen wissen, wie die landwirtschaftliche Szene tickt, weil Landwirtschaft und Ernährung zunehmend an politischer und gesellschaftlicher Bedeutung gewinnen. Davon profitieren wir auch.

kress.de: Wobei es auf Ihrer Facebookseite auch sehr bunt zugeht: Da werden Fotos von Riesen-Landmaschinen aus Australien veröffentlicht und über historische Trecker gefachsimpelt. Das macht vor allem Spaß.

Ludger Schulze Pals: Das erwarten die Leute bei Facebook. Unsere Katzenbilder sind Traktoren. Wir werden unser Angebot künftig auch in anderen sozialen Medien wie WhatsApp und Twitter ausbauen. Das wird dann deutlich fachorientierter werden. Wir stellen uns auch deshalb breiter auf, weil wir nicht wissen, wie lange sich welches soziale Medium hält. Das ist immer mit Investitionen verbunden, von denen nicht klar ist, ob wir das investierte Geld auch zurückverdienen können. Die Frage, wie man online Geld verdienen kann, haben auch wir noch nicht befriedigend gelöst.

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