Supermarkt-"Bild"-Boykott in Chemnitz: "Verkaufen muss er sie trotzdem"

 

Die Entscheidung eines Edeka-Marktes in Chemnitz, Zensor zu spielen und "Bild" (Chefredakteur: Kai Diekmann) nicht mehr anzubieten, sorgt für heftige Diskussionen. Der Edeka-Markt müsse ja wohl selbst entscheiden können, was er verkaufen wolle, sagen die Kritiker der "Bild". Jetzt äußern sich erstmals die Verbände und warnen: 

Die Entscheidung eines Edeka-Marktes in Chemnitz, Zensor zu spielen und "Bild" (Chefredakteur: Kai Diekmann) nicht mehr anzubieten, sorgt für heftige Diskussionen. Der Edeka-Markt müsse ja wohl selbst entscheiden können, was er verkaufen wolle, sagen die Gegner der "Bild". Jetzt äußern sich erstmals die Verbände und warnen: "Wenn der Einzelhandel das Pressesortiment anhand politisch-inhaltlicher Kriterien bestimmt, stürzt ein Eckpfeiler der Pressevielfalt."

"Spitze Finger"

Was wäre denn, wenn der konservative Einzelhändler ab morgen wegen Dirk Kurbjuweits Kommentaren den "Spiegel" und der liberale Zeitungshändler wegen Jasper von Altenbockums Leitartikeln die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" nicht mehr verkaufen wollten? Zeitungs- und Zeitschriftenhäuser wären auf Gedeih und Verderb auf den persönlichen Geschmack der Verkäufer angewiesen - ein Alptraum für Blattmacher mit Haltung, die Pressefreiheit wäre ausgehöhlt.

"Wir nehmen Kritik an Bild immer ernst - jeder ist frei, zu entscheiden, ob er Bild lesen möchte", erklärt Springer-Sprecherin Sandra Petersen gegenüber kress.de. Und fügt hinzu: "Ein Zeitungshändler hat, abgesehen von seiner persönlichen Meinung, aber eine wichtige Funktion: Mit seiner Auslage ermöglicht er seinen Kunden, die Medienvielfalt in Deutschland überhaupt in Anspruch nehmen und sich ihre eigene Meinung bilden zu können." Das Grosso-Dispositions-System sorge dafür, dass Menschen in Deutschland beim Zeitungs- und Zeitschriftenhändler genau diese Pressefreiheit durch ein vielfältiges Angebot an Medien erleben können.

"Pressezensur"

"Es steht dem Einzelhandel nicht zu, Pressezensur zu betreiben. Der Edeka-Händler darf die Bild-Zeitung mit spitzen Fingern anfassen, wenn er sie nicht mag. Verkaufen muss er sie aber trotzdem", betont Hendrik Zörner, Sprecher vom Deutschen Journalisten-Verband. Für den Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (Hauptgeschäftsführer: Dietmar Wolff) steht fest: "Der Pressevertrieb ist unteilbar. Eine Zensur durch den Einzelhändler, aus welchen Motiven auch immer, darf nicht stattfinden."

"Wenn der Einzelhandel das Pressesortiment anhand politisch-inhaltlicher Kriterien bestimmt, stürzt ein Eckpfeiler der Pressevielfalt, die Neutralität und Diskriminierungsfreiheit des Pressegrossovertriebs in sich zusammen", verdeutlicht Peter Klotzki. Klotzki ist Geschäftsführer Kommunikation im Verband Deutscher Zeitschriftenverleger in Berlin. Er macht deutlich: "Wo die Pressefreiheit an ihre Grenzen durch andere grundgesetzliche geschützte Rechtsgüter stößt, kann juristisch geklärt werden, nicht aber durch ein Unternehmen. Könnten diese entscheiden, würde die Frage der Pressefreiheit von der jeweiligen politischen Überzeugung der Einzelhändler abhängen - ein untragbares Ergebnis".

Edeka-Zentrale will sich nicht erklären

Ob auch andere Edeka-Märkte planen, Zeitungen oder Zeitschriften nach Gusto nicht mehr verkaufen zu wollen, konnte die Pressestelle des Edeka-Verbundes auf Anfrage von kress.de nicht beantworten. Auch wollte die Edeka-Zentrale in Hamburg das Vorgehen in Chemnitz offiziell nicht bewerten. Der Eideka-Verbund sei genossenschaftlich organisiert und werde von rund 4000 selbstständigen Kaufleuten und sieben Regionalgesellschaften getragen. Dabei würden die Kaufleute eigenständig über die Ausrichtung ihrer Märkte entscheiden - von der Mitarbeiterführung bis zum Sortimentsangebot.

Schon Ende März hatte der Edeka-Markt in Chemnitz verkündet, dass er "unprofessionellem Journalismus" keine Plattform mehr geben wolle und daher die "Bild"-Zeitung aus dem Sortiment nehme. Stein des Anstoßes war die Berichterstattung der "Bild"-Zeitung nach dem Absturz der Germanwings-Maschine am 24. März 2015 in Frankreich mit 150 Opfern. Die große Öffentlichkeit erreichte der Fall Mitte Mai, als der Mitteldeutsche Pressevertrieb (Geschäftsführer: Robert F. Steinbauer), Grossist in Thüringen, die Zusammenarbeit mit dem Supermarkt kündigte.

Ihre Kommentare
Kopf

Andreas Johannpeter

29.05.2015
!

Die Pressefreiheit ist ein wichtiges Instrument, aber das Recht des Bürgers nach freier Entfaltung, freier Entscheidung muss höher stehen. Ob als Privatperson oder Unternehmer kann und darf man sich nicht, von den Medien bevormunden lassen.


RH

29.05.2015
!

Auch hier gilt. Der Händler kann und muss sein Sortiment selbst bestimmen können. Die Pressevielfalt ist, auch unter Berücksichtigung neuer Vertriebswege, (online), nicht gefährdet. Die Aussage von Frau Petersen hinsichtlich der Kritikfähigkeit der Bild-Macher ist vor dem Hintergrund der über Jahre hinweg unveränderten "Qualität" des Blattes einfach nur lächerlich und typisch für Springer. Zwingt man den Händler zum Vertrieb ist die Tür zu grundsätzlichen Fremdbestimmung seines Angebots offen.


Stefan Hofmeir

29.05.2015
!

Es gilbt doch noch ganz andere Möglichkeiten, wie Händler unliebsame Publikationen klein halten können:
- Zeitung in die hinterletzte Ecke ihres Zeitungsregals verstecken
- nur die Hälfte der erhaltenene Exemplare auslegen

Ich fühle mich in meiner Meinungsfreiheit auch beschnitten, wenn ein Supermarkt-Regal nur aus Springer-, Bauer- und ein paar wenigen Burda-Objekten besteht.


Klaus Reistein

29.05.2015
!

erstaunlich ! so wenig Kenntnisse des HGB BGB ,, VertragsRecht in den Redaktionen ? offenbar auch über Versuche der Willkürherrschaft , Abschaffung der Verfassung , gemeinhin als Hochverrat oder der Korruption und Korruption im Amt ? immer noch nicht den FIFA Warnschuss verstanden ?


Hustenstorch

29.05.2015
!

Soso, der EDEKA muss also die BILD verkaufen.
Na dann kuck ich doch gleich mal, ob ich hier in jeden Supermarkt z.B. die "Junge Freiheit" und die "Junge Welt" bekomme. Das sind in meinen Augen nicht ganz so schlimme Hetzblätter wie die Springer-Erzeugnisse.


Moritz Kaiser

29.05.2015
!

Interessant, dass hier das Wort Zensur so oft fällt.

Dabei ist Zensur doch etwas, was in der Regel von einer zentralen Macht ausgeht. Von Zensur spricht man, wenn ein Staat die Meinungen kontrolliert, die in ihm kursieren. Auch innerhalb einer Zeitungsredaktion kann Zensur vorkommen. Aber immer ist das die Ausübung von Macht durch die stärkste Position innerhalb einer Gruppe (Staat bzw. Redaktion).

Wie ein Zeitungshändler eines 80-Millionenlandes Zensur ausüben soll, verstehe ich nicht.


Moritz Kaiser

29.05.2015
!

Ach ja. noch was.

Wenn einzelne Händler durch nichtauslegen einer Zeitung Zensur betreiben können, wie kann man dann den Depublizierungszwang aus dem 12. RÄStV auf Druck der Verlage noch als etwas anderes als Zensur bezeichnen?


Sascha Rheker

29.05.2015
!

Würde Herr Zörner das mit den spitzen Fingern, dem Inhaber eines jüdischen Supermarktes genauso nahelegen, wenn es um die “Deutsche Stimme” geht?


Hans Altmeyer

29.05.2015
!

Warum der Kress-Autor sich wider besseres Wissen den eindeutig falsch verwendeten Zensur-Begriff zu eigen macht, ist mir ein Rätsel. Lieber ein starkes Wort als ein wahres Wort? Dann passt die Berichterstattung ja wenigstens insofern zum behandelten Gegenstand.


Thomas

29.05.2015
!

Vielleicht geht es um die "Regalprämien" der Verlagshäuser, zur Platzierung bezahlt, wie bei Markenartiklern üblich? Auf dem Weg können die genossenschaftlichen EH-Modelle auf Konzernlinie getrimmt werden, die Unternehmerschaft weiter beschnitten werden.

Das Übel der Meinungsfreiheit ist der Grossist mit seinem Kartell, der mit seinen "Handelsvorteilen" eigene Interessen verfolgt, frei nach dem Blatterschen Demokratieansatz. Dieser Händler ist ehrlich, retourniert nicht nur, ein Vorbild!


Anke  Kapels

Anke Kapels

Stiftung Warentest
Redakteurin

29.05.2015
!

Ein Edeka-Geschäft ist kein Zeitungskiosk. Das Angebot ist auf wenige Regale begrenzt. Der Händler kann aus Platzgründen gar nicht alle Printmedien anbieten. Und so dominiert die Auslage, was sich verkauft, und da fallen viele Zeitschriften und Zeitungen (leider) weg. Ich habe in "meinem" Edeka-Markt verschiedene Erzeugnisse vergeblich gesucht, verdächtige den Inhaber aber nicht gleich, die Pressefreiheit einzuschränken. Anders sieht es im Fall von Zeitungskiosken aus. Da verlange ich Vielfalt.


CM

29.05.2015
!

So so, da ist es wieder das böse Wort: Zensur. Ein Zensur findet also nach Springer Defintion statt, wenn ein EDEKA-Händler die BILD-Zeitung nicht mehr verkaufen will. Und der DJV stimmt diesem Urteil auch noch zu. Wenn etwas wirklich peinlich ist, dann diese unheilige Allianz aus BILD und DJV. Wenn es gar keine Zeitungen mehr bei EDEKA gäbe, wäre das Zensur. Ach ja, ist ja jetzt der Fall, da der Grossist nicht mehr liefert. Zensur findet wohl eher durch den Grossisten statt.


Lars Klinkenborg

29.05.2015
!

Ich bin ja froh mit dem Zeitschriftenhandel nichts mehr zu tun zu haben.

Trotzdem wenn ich als Händler ein Produkt nicht mehr verkaufen möchte (aus welchen Gründen auch immer) so ist es mein gutes Recht.

Pressfreiheit ? Lächerlich ! Der Supermarkt sagt doch sogar den Kunden wo es die "BLÖD" zu kaufen gibt.

Was mir echt Sorgen bereitet sind die Methoden der Pressegrossisten, alleine deshalb hätte ich spätestens jetzt Zeitschriften aus meinem Sortiment entfernt.


Klaus Utermöhle

29.05.2015
!

Das Moralisieren unter dem Deckmantel der Pressefreiheit beherrschen viele Medien perfekt. Erstaunlicher Weise sind sie sich darin fast immer einig. Das ist der Weg, den totalitäre Regime benutzen, ohne Gewalt anzuwenden. Man nennt das "Nudging". Unternehmer sind frei. Sie haben das Recht, eigene Entscheidungen zu treffen, ganz gleich, ob sie unsinnig oder schlau sind. Sie sind den Verlagen gegenüber zu nichts verpflichtet, es sei denn, sie haben entsprechende Verträge abgeschlossen.


Jens Stoll

29.05.2015
!

Ich erinnere mich ja noch an die 80er Jahre als an jedem Bahnhofskiosk "FKK Sonnenfreunde" Magazine verkauft wurden, und Proteste gegen offene Auslage,Plazierung schlicht ignoriert wurden.
Das bekommen wir vom Grossisten ,müssen wir auslegen.


Jürgen Kühner

Bolder Research
Inhaber

30.05.2015
!

Wenn mein Rewe keine 11Freunde verkauft, sprich: in der Auslage hat, ist das dann auch Zensur?


Lynata

31.05.2015
!

Ich sehe nirgends im Gesetz einen Absatz der spezialisierte Zeitungshändler verbietet. Jeder Händler muss allein aus Platzgründen eine Auswahl treffen. Warum darf er die nicht selber treffen um seinen Kunden ein passendes Sortiment zu bieten? Das ist als würde ich mich beschweren, dass der kleine Bahnhofskiosk keine spezialisierten wissenschaftliche Journals anbietet oder der Christliche Buchladen um die Ecke meinen Roman über Satanistische Ziegenopfer nicht ins Sortiment nimmt.


Wolfgang Jaschke

04.06.2015
!

"Zensur" wird wohl sehr, sehr schnell geschrien. Zum Beispiel wenn irgendwo ein Kommentar nicht veröffentlicht wird. Das der Verband Deutscher Zeitschriftenverleger in Berlin jetzt auch auf diese Idee kommt, ist m.E. eben so neu wie dreist.


BH

27.02.2017
!

Unproffessioneller Journalismus? Das wird dem Herrn Zörner vom DJV wohl kaum schmecket. Wie hat der gewettert, als Platzek der RT Deutsch ein Interview gegeben hat, von Bild hat er sich nicht interviewen lassen, warum wohl.


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