"Presse ist unteilbar": Warum ein Händler bestimmte Presseprodukte nicht boykottieren darf

29.05.2015
 

Weil zuletzt ein Edeka-Händler in Chemnitz sich weigerte, die Tageszeitung "Bild" in seinem Geschäft anzubieten, hat der Mitteldeutsche Pressevertrieb nach laut eigener Aussage "intensiven Gesprächen" die Belieferung des Einzelhändlers insgesamt eingestellt.

Weil zuletzt ein Edeka-Händler in Chemnitz sich weigerte, die Tageszeitung "Bild" in seinem Geschäft anzubieten, hat der Mitteldeutsche Pressevertrieb nach laut eigener Aussage "intensiven Gesprächen" die Belieferung des Einzelhändlers insgesamt eingestellt (kress.de berichtete). Der Bundesverband Presse-Grosso macht nun in einer Erklärung deutlich, warum Presse grundsätzlich unteilbar ist:

"Presse ist keine Ware wie jede andere. Eine freie Presse hat demokratische Systemrelevanz. Das Gebot der Pressefreiheit und Pressevielfalt findet nur dort eine Einschränkung, wo strafrechtliche Grenzen überschritten werden - etwa im Bereich des Jugendmedienschutzes oder des Verfassungsschutzes. Der Pressehandel nimmt eine wichtige Funktion wahr. Er sorgt dafür, dass die Bürger vor Ort ungehinderten Zugang zu und freie Auswahl aus einem möglichst breiten Pressesortiment erhalten. Presseerzeugnisse müssen den freien Marktzugang erhalten - unabhängig ihrer redaktionellen Ausrichtung und Marktstellung. Eine Zensur findet nicht statt", heißt es dort.

Der Bundesverband Presse-Grosso betont, dass der Pressegroßhandel eine partnerschaftliche Zusammenarbeit mit dem Einzelhandel pflege. Wenn ein Einzelhändler die Belieferung mit bestimmten Presseprodukten konsequent verweigere, sei dies vertragsrechtlich und medienpolitisch problematisch und im Übrigen für den Händler selbst wirtschaftlich schädlich. In der Regel werde die Situation durch vertrauensbildende Gespräche zwischen dem Pressegroß- und Einzelhändler im Vorfeld bereinigt. Dem Pressegroßhändler gelingE es grundsätzlich, an den Einzelhändler zu appellieren, seiner Verantwortung für ein ungeteiltes Pressesortiment nachzukommen. Sollten die vertrauensvollen Gespräche im Einzelfall zu keinem Ergebnis führen, dann bleibe dem Pressegroßhändler letztlich nichts anderes übrig, als die Belieferung des boykottierenden Einzelhändlers einzustellen.

"Dieser unpopuläre Schritt ist bedauerlich", erklärt der Presse-Grosso, "aber im Sinne der vielfaltssichernden Wirkungen des Pressevertriebssystems konsequent". Denn das Gebot der Pressevielfalt und der Erhalt gleicher Verkaufschancen für das gesamte Pressesortiment seien höher zu bewerten, als die Partikularinteressen des Händlers und der übrigen Presseverlage, die nicht vom Boykott betroffen seien.

Der Bundesverband Presse-Grosso e.V. vertritt die medienpolitischen und wirtschaftlichen Interessen derverlagsunabhängigen Presse-Grossisten in Deutschland. Im Verband sind 40 von 57 Grosso-Unternehmen organisiert. Die Grossisten beliefern täglich rund 113.000 Einzelhändler mit Presse und beschäftigen ca. 13.000 Mitarbeiter (inkl. Tochter- und Fremdunternehmen). Der Branchenumsatz liegt bei 2,3 Milliarden Euro.

Der Vorstand besteht aus Frank Nolte (1. Vorsitzender), KFS Presse-Grosso GmbH & Co. KG, Reutlingen, und Robert Herpold (2. Vorsitzender) Grossounion GmbH & Co. KG, Hannover. Vorstand Betriebswirtschaft ist Jan Carlsen, Pressevertrieb Carlsen & Lamich GmbH & Co. KG, Kiel.

Ihre Kommentare
Kopf

Klaus Utermöhle

31.05.2015
!

Das ist an Frechheit nicht mehr zu überbieten. Die Grossisten entscheiden, was der Händler für Presseprodukte führen muss!? Sie entscheiden also im Namen "demokratischer Systemrelevanz" was für das arme Volk (was sich ja die BILD nicht woanders kaufen kann) und den dummen Händler (der nicht mal seinen eigenen Vorteil erkennt) am besten ist. Großartig, dass sie dabei die Sicherung ihrer eigenen marktbeherrschenden Stellung so gar nicht im Auge haben!


volker hansch

01.06.2015
!

Habe jahrelang für kleinere Verlage in Vertrieb und Anzeigenleitung gearbeitet und war zehn Jahre mit einem eigenen SI- Titel selbstständig. Dieses Vorgehen unter dem Mantel der Pressefreiheit ist an Lächerlichkeit und Dreistigkeit kaum zu überbieten. Es ist offenes Gehemnis, das die Großverlage (z.B. Bauer) am liebsten alle kleineren Objekte und Verlage loswerden wollen und alles tun,
diese aus dem Handel, Tankstellen und den Supermärkten zu verdrängen.
Wo ist da das Grosso ???


Karl-Erich Weber

02.06.2015
!

Nochmal: Die Diktatur und Bevormundung des Presse-Grosso via Verlage an Einzelverkäufer ist keinesfalls vom Grundgesetz geschützt, wie hier suggeriert wird. Die Ausführungen sind eine intellektuelle Beleidigung halbwegs gebildeter Leser. Wäre dem so, müsste jedes Kiosk jede erhältliche Zeitschrift vorrätig halten.
Ich finde, nach der FIFA, sollte als nächstes einmal der deutsche Pressehandel unter die Lupe genommen werden. Bin gespannt wie viele Blatter und Beckenbauer sich dort tummeln.


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