Supermarkt-"Bild"-Boykott: DJU-Chef warnt vor Begriff "Zensur"

 

In die emotional geführte Debatte um einen Edeka-Markt in Chemnitz schaltet sich jetzt auch Ulrich Janßen (Foto), Chef der Deutschen Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju in Verdi) ein. Gegenüber kress.de stört er sich an dem in der Diskussion verwendeten Begriff "Zensur".

In die emotional geführte Debatte um einen Edeka-Markt in Chemnitz schaltet sich jetzt auch Ulrich Janßen (Foto), Chef der Deutschen Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju in Verdi) ein. Gegenüber kress.de stört er sich an dem in der Diskussion verwendeten Begriff "Zensur".

Der Edeka-Markt in Chemnitz hatte sich seit Ende März geweigert, die "Bild"-Zeitung zu verkaufen. Der Grund, so eine Stellungnahme der Verantwortlichen auf Facebook, sei, dass er "unprofessionellem Journalismus" keine Plattform mehr geben wolle. Stein des Anstoßes war die Berichterstattung der "Bild"-Zeitung nach dem Absturz der Germanwings-Maschine am 24. März 2015 in Frankreich mit 150 Opfern. Aber erst als der Mitteldeutsche Pressevertrieb, Grossist in Thüringen, die Zusammenarbeit mit dem Supermarkt kündigte, nahm die Debatte an Fahrt auf.

"Recht auf freie Meinungsäußerung"

Weil Kritiker der Chemnitzer Edeka-Aktion deutliche Worte finden und auch von einer Zensur durch den Supermarkt sprechen, nimmt jetzt Ulrich Janßen, Vorsitzender der Deutschen Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju in Verdi) Stellung. Gegenüber kress.de erklärt er: "Der Begriff der Zensur wird oft falsch benutzt oder sogar missbraucht. Viele Mediennutzer sind schnell mit Zensurvorwürfen bei der Hand, wenn sie ihre Meinung nicht ausreichend abgebildet sehen. Das ist aber unpassend, denn das Recht auf freie Meinungsäußerung schließt zwingend auch das Recht ein, etwas nicht zu sagen oder zu verbreiten. Insoweit geht der Zensurvorwurf im genannten Fall fehl", findet Janßen.

Und er fügt hinzu: "Ich kritisiere den voreiligen Gebrauch des Zensur-Begriffs auch deshalb, weil er letzten Endes auf eine Verharmlosung der tatsächlichen Zensur hinausläuft. Die Opfer tatsächlicher Meinungsunterdrückung durch Machtmissbrauch haben verdient, dass der Zensurbegriff nicht verwässert wird."

Komfortables Angebot für Zeitungsverkäufer

Wer Zeitungen und Zeitschriften in Deutschland verkaufen möchte, hat es im Vergleich zu einigen anderen europäischen Ländern ziemlich komfortabel. Er schließt einen Vertrag mit dem für seine Region zuständigen Presse-Grossisten ab, der sich um die komplette Lieferung und Abwicklung kümmert. Dass heißt auch, dass er Zeitungen und Zeitschriften wieder zurücknimmt, die ein Markt oder eine Trinkhalle nicht verkaufen konnte. Dafür verpflichten sich Presse-Einzelhändler aber auch, dass sie ein auf ihren Standort optimiertes Pressesortiment in ihrem Geschäft anbieten und verkaufen. Diesen Medienmix stellt der Presse-Grossist standortspezifisch zusammen - so gibt es im seltensten Fall beim Bäcker in Hamburg neben den lokalen Zeitungen auch überregionale Titel. Und zwar nicht, weil die "Süddeutsche" gerade einen Bericht schreibt, der dem Grossisten nicht gefällt. Sondern weil die Erfolgsaussichten, dass der Händler an diesem Standort regelmäßig die Zeitungen auch verkaufen kann, zu gering erscheinen bzw. sind. Pressefreiheit und Pressevielfalt werden einzig dann eingeschränkt, wenn strafrechtliche Grenzen überschritten werden (siehe auch aktuelle Erklärung des Presse-Grosso: "Presse ist unteilbar").

Ihre Kommentare
Kopf
01.06.2015
!

Sehr gut, dass endlich einer der das Gewicht einer Organisation hinter sich hat, sachlich und verständlich erklärt, dass es hier nicht um Pressefreiheit und Zensur geht. Das Votum von Herrn Janßen trägt hoffentlich dazu bei, die Debatte zu versachlichen und auf den Boden der Tatsachen zurückzuführen.


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