Franz Sommerfeld zum Tod von Alfred Neven DuMont: "Er war ein unglaublich guter Beobachter von Menschen"

01.06.2015
 

Franz Sommerfeld, der ehemalige Vorstand von M. Du Mont Schauberg, hat auf seiner Facebook-Seite einen bewegenden Kommentar zum Tod von Alfred Neven DuMont geschrieben.

Franz Sommerfeld, der ehemalige Vorstand von M. Du Mont Schauberg, hat auf seiner Facebook-Seite einen bewegenden Kommentar zum Tod von Alfred Neven DuMont geschrieben. Sommerfeld hat kress.de erlaubt, den Text zu veröffentlichen.

Franz Sommerfeld wurde im Jahr 1999 Chefredakteur bei der "Mitteldeutschen Zeitung", 2000 Chefredakteur des "Kölner Stadt-Anzeiger". 2009 rückte er in den Vorstand der Mediengruppe M. DuMont Schauberg, 2014 trat er in den Ruhestand (kress.de berichtete). Sommerfeld hat über 15 Jahre mit Alfred Neven DuMont zusammengearbeitet. Er nennt ihn in seinem persönlichen Nachruf auf Facebook "den letzten, großen deutschen Verleger".

"Alfred Neven DuMont ist gestorben"

Nun ist eingetreten, worüber Alfred Neven DuMont gelegentlich sprach und was er wohl auch gefürchtet hatte. Als 26-jähriger war er im Jahre 1953 auf Wunsch seines Vaters aus der Münchener Theaterwelt, wo er mit 16 Jahren erstmals auf der Bühne der Kammerspiele gestanden hatte, ins Kölner Verlagshaus gewechselt. Schon nach wenigen Wochen verlangte er von seinem Vater den Wechsel des Chefredakteurs ("Also, der Chefredakteur oder ich"). Der Vater gab nach. Als dieser dann selbst das Unternehmen verlassen habe, sei er bald gestorben, berichtete Alfred Neven DuMont und spöttelte ein wenig, er hoffe doch, dass es ihm nicht ähnlich ergehen möge.

Am Ende des letzten Jahres schied er als Aufsichtsratsvorsitzender aus. Mit seiner Tochter Isabella Neven DuMont und ihrem Teilhaber Christian DuMont Schütte hatte er den Vorstand des Unternehmens neu und gut aufgestellt. Isabella Neven DuMont vertrat nun als stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende die Interessen ihrer Familie, nachdem ihr Bruder im Streit mit Vater und Unternehmensführung ausgeschieden war. Der Vater erkannte bald, dass die Tochter klug und besonnen agierte, auch wenn ihr jede die alte Verlagswelt immer noch prägende männliche Verleger-Attitüde fremd ist. Sie hörte zu, nahm andere Ernst und stand nicht unter dem Zwang, alles besser zu wissen. Nun hatte Alfred Neven DuMont an seiner Seite eine Nachfolgerin, wie er es sich immer gewünscht hatte: Sie respektierte seine Leistung und wusste ihm trotzdem zu widersprechen, wenn es notwendig war. Endlich konnte er loslassen, so schwer es ihm auch fiel.

Über 15 Jahre habe ich mit diesem letzten großen deutschen Verleger zusammen gearbeitet. Er war immer für eine Diskussion zu gewinnen, über Politik, Gesellschaft und Literatur; nur in Fragen der Kunst nahm mich der große Sammler nicht wirklich Ernst, das ging eher nach dem Quiz-Prinzip. Seine historischen Kenntnisse verblüfften mich und ich dachte: "Woher weiss er das bloss?" So lange er sich nicht langweilte, war er brillant. Er hat sich immer als einen politischen Verleger verstanden. Vor der historischen Bundestagswahl 1969 schrieb er am 27. September.: "In denselben Jahren, in denen die CDU an Selbstbewusstsein einbüsste und es immer mehr durch Rhetorik ersetzte, hat die SPD an Ausstrahlungskraft und an Mut gewonnen. Sollte sie am Sonntag als Sieger aus dem Wahlkampf hervorgehen, würde nicht nur ein wesentliches neues Kapitel in dem Buch unseres jungen Staates aufgeschlagen, sondern auch im weiteren geschichtlichen Rahmen unseres Vaterlandes ein neue Akzent gesetzt... Am Sonntagabend wird entschieden sein, ob wir einen Weg mehr nach rückwärts oder mehr nach vorwärts gehen.." Sein entschiedenes Plädoyer für die Ablösung der Union durch eine sozial-liberale Koalition verärgerte viele seiner Verleger-Kollegen, die ihm das lange nachtrugen. Das kränkte ihn wiederum, blieb für ihn der Maßstab, Politik immer wieder neu zu denken.

Er war kein Parteigänger und wehrte sich heftig gegen alle Versuche der von ihm erwünschten Regierung, die Presse mit einer Art öffentlich rechtlichen Struktur zu überziehen. Die Entscheidung seines Freundes Rudolf Augstein, die Mitarbeiter führend am Verlag zu beteiligen, hielt er für einen Irrweg und bedauert später, damit Recht behalten zu haben. Als Angela Merkel die Kanzlerkandidatur unter Druck an Stoiber abtrat, lud er sie zu einem Abendessen mit Gästen aus Wirtschaft und Politik zu sich nach Forsbach ein. Zu einem mehrgängigen Menü rund um den Apfel. Angela Merkel philosophierte, für viele überraschend entspannt und klug, über den Apfel. Früh traut er ihr die Kanzlerschaft zu.

Die Kölner Lokalpolitik nahm ihn in ihrer Sehnsucht nach einer Vaterfigur bis zuletzt ins Anspruch. Es drängte ihn nicht danach, aber er ließ sich gerne drängen. Und es gefiel ihm, auch wenn er mit dem Spott darüber nie hinter dem Berg hielt: "Er will mich sprechen. Was will er? Ich habe doch nichts zu bestimmen." So wurde ihm die neue gemeinsame Spitzenkandidatin von Grünen, CDU und Liberalen früh zugeführt. Und als der christdemokratische Oberbürgermeister Schramma nach seinem ungeschickten Agieren beim Einsturz des Stadt-Archivs auf eine Wiederwahl verzichtete, hatte er zuvor ein langes Telefonat mit Alfred Neven DuMont geführt. Er war begeistert von seinem Nachfolger, weil ihn neue Leute immer begeisterten. Später gestand er mir zu, mit meiner Skepsis Recht behalten zu haben.

Ein engagierter Verleger und Herausgeber ist für Chefredakteure anstrengender als ein nur an den Zahlen interessierter. Seine Hausmitteilungen waren wegen ihrer Schärfe gefürchtet. Zum Trost kaufte ich mir das Buch über die Briefwechsel zwischen dem Verleger Gerd Bucerius und Marion Gräfin Dönhoff. Da ging es gelegentlich noch heftiger zu. Er liebte den Widerspruch nicht, aber er akzeptierte ihn. Wer ihm nicht widersprach, konnte schnell seinen Respekt verlieren und war damit verloren. Alfred Neven DuMont war ein unglaublich guter Beobachter von Menschen. Führungskräften, die ich ihm vorstellte, schärfte ich zuvor ein, sich nicht von seiner scheinbaren Abgelenktheit täuschen zu lassen. Das war Spiel und Test, und bereitete ihm Spaß. Und es bestimmte sein Urteil. Als mich der von ihm beauftragte Personalberater traf, war mir wichtig, meine kommunistische Vergangenheit deutlich im Dossier für ihn zu vermerken. Doch ihn interessierte das persönliche Bild, das er sich machte, nicht das Dossier. Er stand eben einem Familienunternehmen vor. Am Morgen nach einer Knie-OP rief er an und erklärte mir, vor meinem Krankenhaus mit Kuchen zu stehen. Dass es das falsche war lag nicht an ihm. Anstrengender war schon, wenn er eine bestimmte OP-Methode empfehlen wollte. Und natürlich seinen Arzt, nur den.

In all den Jahren, in denen ich Chefredakteur war, hat er manche Artikel angeregt, vor allem, wenn er im Stau stand, aber keine Recherche und keinen Artikel behindert. Am schwersten fiel ihm das, als der Kölner Stadt-Anzeiger in mehreren Artikeln über eine Affäre der grünen Politikerin Anne Lüttges berichtete, die zuvor als Oberbürgermeisterkandidatin an der Kölner SPD gescheitert war. Ihre jüdische Mutter, Großmutter und Tanten waren durch Alfred Neven DuMonts Vater durch die Nazizeit gebracht worden. Sie duzte sich mit ihm. Er rief mich an, liess sich berichten und uns schließlich gewähren. Von mir in der Zeitung initiierte Debatten über den Moscheestreit und ein jüdisches Museum auf dem Kölner Rathausvorplatz verfolgte er, ohne sich zu beteiligen; doch die Kölner Politiker vermuteten natürlich ihn dahinter.

Dagegen engagierte er sich schon Anfang der neunziger Jahre bei der Kölner Aktion "Arsch huh - Zäng ussenander!" (Hoch den Hintern, das Maul aufmachen). Fast auf den Tag vor einem Jahr trat er zum letzten Mal vor Zehntausenden in Köln gegen Ausländerfeindlichkeit auf. Anfang dieses Jahres lädt er Familien aus Flüchtlingsheimen ins Verlagshaus zum Abendessen.

Dumont stand über lange Zeit in Köln für soziale und wirtschaftliche Sicherheit für alle Mitarbeiter. Viel früher als seine Angestellten erkannte Alfred Neven DuMont die Folgen der Zeitungskrise. Trotzdem fiel es ihm nicht leicht, von einem Kurs bedächtiger Sparmaßnahmen zu entschiedenen Neustrukturierungen über zu gehen. Vor allem, weil ihm redaktionelle Qualität wichtig war und er nur darin eine Chance für das publizistische Geschäft sah. Darum beteiligte er sich auch zu fünfzig Prozent an der Frankfurter Rundschau, die ihm politisch eher fremd war, deren Erhalt er aber um der publizistischen Vielfalt willen sichern wollte. Die überfällige Insolvenz empfand er als Niederlage, trug aber die Entscheidung unseres Vorstandes im Aufsichtsrat voll mit. Wir hatten Recht mit unserer Hoffnung, dass dies die einzige Chance war, die publizistische Stimme der Frankfurter Rundschau zu retten. Vielleicht ein kleiner Trost.

Alfred Neven DuMont ging nicht mehr selbst ins Internet. Einen Nachmittag habe ich bei ihm in Forsbach verbracht, um ihn mit dem ipad vertraut zu machen. Nach einiger Zeit führte er mich in den Garten zum Ententeich, um über die Weltläufte abseits des Webs zu sprechen. Doch er verstand die umwälzende Kraft, die die Digitalisierung für alle Bereiche der Wirtschaft mit sich bringt. Diese historische Herausforderung zu bewältigen, überlässt er den ihm Nachfolgenden.

Ein Artikel von Franz Sommerfeld, erschienen auf Facebook

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