Gottschalk-Millionen "ungewöhnlich und fragwürdig": Mitglied des Rundfunkrates fordert vom WDR "gründliche Aufklärung"

 

Insgesamt zwölf Millionen Euro hat das Millionengrab "Gottschalk live" gekostet - der frühere Star-Moderator Thomas Gottschalk (Bild) und seine Produktionsfirma erhielten sogar die gesamte Vertragssumme, obwohl die Reihe von Beginn an vor sich hindümpelte und zur Halbzeit der Vertragslaufzeit vom Schirm verschwand.

Insgesamt zwölf Millionen Euro hat das Millionengrab "Gottschalk live" gekostet - der frühere Star-Moderator Thomas Gottschalk (Bild) und seine Produktionsfirma erhielten sogar die gesamte Vertragssumme, obwohl die Reihe von Beginn an vor sich hindümpelte und zur Halbzeit der Vertragslaufzeit vom Schirm verschwand. Gegenüber kress.de fordert der FDP-Politiker Ralf Witzel, Mitglied des WDR-Rundfunkrates, nun eine "gründliche Aufklärung".

Der WDR - und im Schlepptau sogar die Rundfunkratsvorsitzende - sprechen dagegen ernsthaft davon, dass "Gottschalk live", eine Vorabend-Plaudersendung mit Stars und Sternchen, der Beweis für Mut und Innovationsfreude sei. Für solche Sendungen von der Unterhaltungs-Stange müsse man eben Risiken eingehen.

Forderung nach gründlicher Aufarbeitung

Ralf Witzel, stellvertretender Vorsitzender der FDP im Landtag, kann diese Schönfärberei nicht nachvollziehen: "Die Umstände und Folgekosten der eingestellten Sendung sind ungewöhnlich, fragwürdig und bedürfen einer gründlichen Aufarbeitung."

"Gottschalk live", so Witzel, sei nicht mit Pflichtbeiträgen des Gebührenzahlers finanziert worden, sondern aus Werbeeinnahmen. Hier habe eine Sonderkonstruktion vorgelegen: "Der Produktionsvertrag hat den Aufsichtsgremien 2011 nicht vorgelegen, da er von einer ausgelagerten öffentlich-rechtlichen Marketinggesellschaft eingegangen worden ist und nicht direkt mit den seinerzeitigen GEZ-Gebühren finanziert worden ist."

Rundfunkratsmitglied Witzel: "Kritik berechtigt"

"Rechtlich ist dieser Umstand relevant, auch wenn er faktisch natürlich die finanzielle Gesamtsituation des öffentlichen Programms betrifft und deshalb öffentlich in der Kritik steht", betont Ralf Witzel. Und ergänzt: "Nach Bekanntwerden des Millionengrabs hat der WDR richtigerweise zugesagt, seine Aufsichtsgremien zukünftig auch über werbefinanzierten Produktionsverträge zu unterrichten. Mehr Transparenz bei den Finanzen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ist daher angebracht."

In einer schriftlichen Stellungnahme, die der WDR am Freitag an verschiedene Medien gesandt hat, geht der öffentlich-rechtliche Sender nicht auf die von kress.de formulierte Fakten der WDR-Controller ein.

Im Wortlaut heißt es:

"Es hat während der Planungsphase zu "Gottschalk Live" eine Umfrage gegeben, und zwar gezielt zur Moderation und zur Grundidee der Sendung. Es ist üblich, dass vor der detaillierten Konzeptionierung einer neuen Sendung eine entsprechende Medienforschung in Auftrag gegeben wird. In dem mittlerweilen öffentlichen Brief der AG Dok an den Intendanten Tom Buhrow sind gezielt einzelne negative Aspekte der Umfrage erwähnt. Positive Zahlen und Fakten zum Moderator Thomas Gottschalk wurden dabei ausgespart, u.a.:

*mehr als jeder Zweite der Befragten gab an, er würde sich die Sendung ansehen;

* hinter Günther Jauch wird Thomas Gottschalk mit großem Abstand als zweitbeliebtester Moderator genannt;

* sehr hoher Bekanntheitswert von Thomas Gottschalk in der Befragung;

* die Image-Daten von Gottschalk passten zur Grundidee des neuen Formates: locker, offen, witzig, schlagfertig.

Die Ergebnisse der Umfrage zeigten, dass Thomas Gottschalk der richtige Moderator für das Format war und dieses Format auch großes Potential hatte. Die nicht so positiven Werte und Hinweise aus der Umfrage wurden dazu genutzt, das Format zu optimieren, sprich Schwachstellen im Konzept redaktionell zu überarbeiten. Das ist ein in der Fernsehbranche übliches Verfahren. So hat man z.B. bei "Gottschalk Live" die Aspekte "aktuelle Unterhaltung" und "Prominente" verstärkt in das Format eingebaut.

Die Entscheidung, ob eine neue Sendung produziert wird, hängt aber nicht alleine von Umfragen und Zahlen ab, sondern vor allem auch von redaktionellen Überlegungen und Argumenten. Zu jeder Programmplanung und -umsetzung gehört auch der Mut, etwas zu wagen - denn sonst entsteht nichts Neues."

Interessant ist dabei, dass eine Gesprächssendung mit Stars und Sternchen, mit einem Cocktail von Beliebigen und Belanglosen, in den Status der programmlichen Risikofreude und journalistischen Innovation erhoben wird. In der WDR5-Sendung "Töne, Texte, Bilder" folgte WDR-Rundfunkrats-Vorsitzende Ruth Hieronymi dieser offiziellen Linie und sprach tatsächlich auch von "Mut bei der Programmgestaltung".

Mit dieser grotesken Argumentation werden die Fakten auf den Kopf gestellt. Und sie zeigt auch, welcher Realitätsverlust die ahnungslose Rundfunkratsvorsitzende befallen hat. Die Kernfrage, warum der WDR einen Vertrag ausfertigt, der den gültigen Prinzipien der Sparsamkeit und Wirtschaftlichkeit widerspricht, bleibt unbeantwortet.

Gemeinsame Erklärung von Ruth Hieronymi und Ludwig Jörder 

Gegenüber kress.de erklärt Hieronymi gemeinsam mit Ludwig Jörder, Vorsitzender des WDR-Verwaltungsrats, die Situation zu "Gottschalk live" so:

"Der 2011 geschlossene Vertrag der Degeto im Auftrag der ARD-Werbegesellschaften mit der Produktionsfirma Grundy Light Entertainment über die Produktion der Sendung `Gottschalk live´lag den Gremien des WDR nicht vor. Der Grund dafür war, dass die Rundfunkgesetze dies nur für Verträge der Landesrundfunkanstalten selbst vorsehen. Beim Vertrag zu `Gottschalk live´aber lag die finanzielle Verpflichtung bei den Werbetöchtern, da die Produktion nicht aus Rundfunkgebühren, sondern aus Werbeeinnahmen finanziert wurde.Die bereits zur Zeit des Vertragsschlusses gleichwohl bekannt gewordenen Bedingungen haben der WDR-Rundfunkrat und der WDR-Verwaltungsrat damals kritisch diskutiert. Die Folge war eine Vereinbarung mit den Intendantinnen und Intendanten der ARD über eine stärkere Beteiligung der ARD-Gremien an Verträgen auch bei werbefinanzierte Produktionen, die seither praktiziert wird."

kress.de-Urteil: Die Antworten der Spitzen-Kontrolleure und des WDR-Managements folgen dem Prinzip "Was nicht sein darf, das nicht sein kann." Solche Stellungnahmen eines journalistischen Unternehmens, die Art der restriktiven Kommunikationspolitik und Auskunftsverweigerung (etwa gegenüber dem radio eins Medienmagazin (rbb), haben den Sound von Erich Honecker kurz vor dem Untergang der DDR. Obwohl alle ökonomischen Daten vorlagen, verkündete er munter rosige Zeiten und blühende Wirtschaftsdaten.

Genug Stoff für Buhrows nächste Transparenzsendung im WDR und viel Platz für die Tagesordnungen der nächsten Sitzungen der WDR-(Kontroll)-Gremien. Moderation: Thomas Gottschalk. Quote: garantiert.

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