Warum Wahlumfragen so oft falsch liegen: "Man kommt einfach nicht mehr an die Wähler heran"

 

Umfragen takten die politische Berichterstattung der Medien, sie zeigen und machen Stimmungen. Und sie sind im Laufe der Jahre immer unzuverlässiger geworden. Warum die Wahlprognosen so häufig so falsch sind und warum das auch an den mobilen Telefonen liegt, und wie Medien mit Umfragen umgehen sollten,

Umfragen takten die politische Berichterstattung der Medien, sie zeigen und machen Stimmungen. Und sie sind im Laufe der Jahre immer unzuverlässiger geworden. Warum die Wahlprognosen so häufig so falsch liegen, welche nicht unerhebliche Rolle mobile Telefone dabei spielen und wie Medien mit Umfragen umgehen sollten, erklärt der Kultursoziologe Martin Weichbold im kress.de-Gespräch.

Zur Person: Der Kultursoziologe Martin Weichbold ist außerordentlicher Professor mit dem Schwerpunkt Empirische Sozialforschung an der Universität Salzburg. Mit der Entwicklung einer Methodologie von Touchscreenbefragungen habilitierte Weichbold sich 2005 an der Universität Salzburg; für dieses Projekt erhielt er auch den angesehenen Theodor-Körner-Förderungspreis.

kress.de: Das bei der Wahl in Großbritannien von den Demoskopen prognostizierte Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Labour und den Tories blieb ebenso aus wie der klare Wahlsieg von Rot-Grün bei der Landtagswahl in Bremen. Sind Umfragen unsicherer geworden?

Martin Weichbold: Es hat immer Schwierigkeiten gegeben. Die Wahlprognose ist die undankbarste aller Prognosen, weil man eine Punktlandung hinbekommen muss. Man kann mit den Mitteln der empirischen Sozialforschung Zusammenhänge besser erforschen als exakte Zahlen. Es scheint jedoch so, als ob die Fehlprognosen häufiger werden, aber angesichts der Aufgabe wundere ich mich immer wieder, wie nah viele Umfragen den Ergebnissen kommen. Im Fall von England ist das Wahlsystem eine große Schwierigkeit für die Sozialforschung. Das Mehrheitswahlrecht macht es den Demoskopen schwer; sie müssen Umfragen für jeden einzelnen Wahlkreis erstellen. In Deutschland und in Österreich sind Prognosen dank des Verhältniswahlrechts leichter.

"Man kommt nicht an die Wähler"

kress.de: Was sind die größten Hindernisse bei der Erstellung einer Wahlprognose?

Martin Weichbold: Es gibt zwei große Problembereiche, die Stichprobe und was die Leute sagen. Es ist immer die Rede von einer repräsentativen Stichprobe aus der Gruppe aller Wähler. Das ist ein simples Modell aus der Wahrscheinlichkeitsrechnung. Wenn man dann die Unsicherheiten herausrechnet, hat man ein Ergebnis, das theoretisch funktioniert. Aber das erste Problem ist, dass man nicht an die Wähler kommt. Die Wähler- oder Einwohnerverzeichnisse stehen den Demoskopen in Deutschland und Österreich, im Gegensatz zu Skandinavien, nicht zur Verfügung.

kress.de: Woher bekommen die Institute dann ihre Personendaten?

Martin Weichbold: Sie kaufen sie bei Datenhändlern. Das nächste Problem ist, wie gefragt wird: Ich kann von Tür zu Tür gehen - aber das ist teuer und dauert zu lange.Die Telefonbefragung ist schneller, aber da ist das Problem, wie man an die Nummern kommt. Früher gab es das amtliche Telefonbuch - die Zeiten sind vorbei. Oft stehen Nummern nicht mehr in den Telefonbüchern und viele haben sowieso nur noch ein Handy. Würde man auch Handy-Nummern nehmen, hätte man ein neues Problem: Personen könnten mehrfach befragt werden über das Handy und das Festnetz. Für die Demoskopen sind das alles große Schwierigkeiten. Sie müssen ihre Daten kurzfristig sammeln, Umfragen sollen ja aktuell sein, und haben relativ wenig Geld zur Verfügung.

"Wähler sind komplizierter geworden"

kress.de: Sind auch die Wähler komplizierter geworden?

Martin Weichbold: Ja, die traditionellen sozialen Milieus haben an Bindungskraft verloren. Die Wähler entscheiden sich heute immer kurzfristiger für eine Partei. Vor 20 Jahren galten Verschiebungen von 4 bis 5 Prozent bei einer Partei als ein Erdrutsch. Heute ist das normal. Ein anderes Problem gab es aber immer schon: Die Auswirkungen der sozialen Erwünschtheit. Niemand sagt bei einer Umfrage, dass er NPD wählt. Bei uns in Österreich galt dies lange auch für die FPÖ. Die lag in Umfragen immer hinten und hat dann die Wahlen gewonnen. Bei den Grünen ist es genau andersherum: Sie haben ein fortschrittliches Image und werden in Umfragen häufiger genannt, als sie an der Urne gewählt werden.

kress.de: Über 70 Institute haben sich im Arbeitskreis Deutscher Markt- und Sozialforschungsinstitute zusammengeschlossen. Die Zeiten, wo es nur wenige Institute gab, die fast einen amtlichen Ruf hatten, ist vorbei.

Martin Weichbold: Ja, die Zahl der Institute ist enorm gewachsen, wobei es in den vergangenen Jahren einen leichten Konzentrationsprozess gab.

kress.de: Ist der Markt für so viele Institute groß genug?

Martin Weichbold: Diese Institute leben ja nicht alle nur von Wahlumfragen. Ein Großteil der Arbeit liegt im Bereich der Marktforschung. Aber politische Umfragen werden ja nicht nur von Medien in Auftrag gegeben, sondern oft auch von Parteien. Die nutzen Umfragen dann strategisch: Sie werden über die Presse lanciert oder gehen an die Mitglieder. Umfragen sind auch ein strategisches Mittel der Parteien im Wahlkampf.

"Erfolg macht sexy"

kress.de: Auch Wähler setzen gerne auf Gewinner...

Martin Weichbold: Ja, Erfolg macht sexy. Aber sehr gute Umfragewerte sind für die großen Parteien fast so gefährlich wie schlechte Umfragewerte. SPD und CDU haben immer größere Schwierigkeiten ihre Wähler an die Urnen zu bekommen. Gilt ein Wahlsieg als wahrscheinlich oder sicher, sehen viele Anhänger ebenso wenig einen Grund zur Wahl zu gehen, als wenn die Niederlage ausgemacht zu sein scheint. Und dann geht es auch um die Motivation der eigenen Partei. Wahlkampf funktioniert nur, wenn viele kleine Funktionäre loslaufen, und denen muss man sagen: Es lohnt sich, dass Du Dich jetzt für Deine Partei einsetzt. Es ist schlecht, wenn die glauben, ihre Partei liege hoffnungslos hinten oder habe sowieso schon gewonnen. Parteien brauchen im Umgang mit Umfragen verschiedenen Strategien - eine für die Öffentlichkeit und für die Medien und eine Strategie parteiintern.

"Wahlbörsen im Netz sind spannend"

kress.de: Wie sehen Sie die Zukunft der Umfragen? Sind Online-Spiele, bei denen auf den Wahlausgang gewettet wird, eine Alternative?

Martin Weichbold: Diese Wahlbörsen sind natürlich spannend, aber das Problem ist das gleiche wie bei den Umfragen: Wer macht mit? Das Grundproblem der Auswahl bleibt, so etwas spricht nur bestimmte Leute an, und die sind nicht repräsentativ. In der Sozialforschung geht der Trend zur fixen Stichprobe - ob am Telefon oder in Form eines Onlinepanels. Menschen, die sich bereit erklärt haben, an Umfragen teilzunehmen, bekommen dann als Belohnung einen Gutschein. So haben die Institute einen Pool von Personen, deren Grundideen sie kennen und mit dem sie repräsentative Umfragen erstellen können.

kress.de: Im Bewusstsein aller Schwierigkeiten der Demoskopie - wie sollten Medien mit Umfragen umgehen?

Martin Weichbold: Ich würde sagen kritischer und entspannter. Kritischer: die methodische Qualität vieler Befragungen ist fraglich. Die Durchführung einer Umfrage ist ein komplexer Prozess, bei dem man vieles falsch machen kann und bei dem oft viel falsch gemacht wird. Seriöse Umfragen bieten zumindest einige Angaben dazu - zum Beispiel Samplingverfahren, Nonresponse-Rate oder Original-Fragebogen. Werden diese Informationen nicht zugänglich gemacht, sollte man eher die Finger davon lassen. Und entspannter - ich würde Umfragen nicht zu ernst nehmen. Es wird ja tatsächlich über jeden Unsinn eine Befragung gemacht, und indem Medien diese aufgreifen, erzeugen sie ja eine neue Nachfrage, die weitere, sinnlose Befragungen provoziert. Und auch bei guten Umfragen, die es sehr wohl gibt, sollte man nicht minimale Unterschiede, zum Beispiel zwischen zwei Parteien, gleich für bare Münze nehmen. "Schwankungsbreiten", also statistisch gesprochen Konfidenzintervalle, oder Signifikanzen geben nur einen Teil der Unsicherheit an, der sich jedoch leicht errechnen lässt und daher eingebürgert hat. Tatsächlich müsste man die Unsicherheit deutlich größer ansetzen.

Mit dem Kultursoziologe Martin Weichbold sprach KRESS-Autor Stefan Laurin.

Ihre Kommentare
Kopf

Gerhard Graf

05.06.2015
!

Sehr richtig - und dem ist nur noch hinzuzufügen, dass Online Panels in der Regel auch nicht repräsentativ sind, wenn sie Selbstrekrutierung zulassen - und das tun sie m.W. alle.


Ralf E. Hansen

Ralf E. Hansen

Medienconsulter
Consulter Medien & Entertainment

08.06.2015
!

Die Erkenntnisse von Herr Weichbold sind nichts neues, neu ist, dass dies jetzt so unumwunden zugegeben wird. Der Wähler macht von seiner zweiten Waffe gebrauch, in dem er boykottiert. Die größte Partei der Republik ist die der Nichtwähler mit beinahe 45 % Anteil. Lupenreine Demokraten werden von keine der etablierten Parteien mehr vertreten, also verweigern große Teile der Bevölkerung ihre Stimmzettelverantwortung. Und das Ende ist nicht erreicht. Bei einem Parlament das über 80% Beamte hat...


Ralf E. Hansen

Ralf E. Hansen

Medienconsulter
Consulter Medien & Entertainment

08.06.2015
!

Fortsetzung
.....wird sich so gut wie nichts an der miserablen deutschen Politik ändern. Wichtigste Maßnahme um wieder Demokratie zu leben wäre als dringendstes die Abschaffung der undemokratischen 5% Hürde geboten. Und die 640 Sitze im Parlament dürften nur nach Wahlbeteiligung vergeben werden, gehen nur 55 % zur Wahl, dürfen nur 55% der Sitze belegt werden. Dann würde sich radikal alles zum besseren wenden.....Gell Herr Weichbold ?


Müller

10.06.2015
!

Für die Auffassung von Ralf E. Hansen gibt es einen solidenwissenschaftlichen Hintergrund: Meiden ist ein uraltes kulturelles Phänomen und wird von der Moralpsychologie recht gut verstanden.

Meiden (engl. shunning) ist eine soziale Zurückweisung als kostengünstige Bestrafung bei gestörter Kooperation. (Haidt, Science 2007)
http://www.unl.edu/rhames/courses/current/readings/new-synthesis-haidt.pdf


Müller

10.06.2015
!

Jonathan Haidt, Science 2007

Zitat: „Evolutionary models show that indirect reciprocity can solve the problem of free-riders (which doomed simpler models of altruism) in moderately large groups, as long as people have access to information about reputations (e.g., gossip) and can then engage in low-cost punishment such as shunning.“

Übersetzungsvorschlag: Evolutionäre Modelle zeigen, dass indirekte Reziprozität in mäßig großen Gruppen das Problem der Trittbrettfahrer (die einfachere Modelle de


Müller

10.06.2015
!

Fortsetzung Übersetzungsvorschlag:
… (die einfachere Modelle des Altruismus verdammten) gelöst werden kann, solange die Leute Zugang zu Informationen über den Ruf haben (z.B. Tratsch) und sich dann für eine kostengünstige Bestrafung wie Meiden einsetzen können.
Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Strafe


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