Ehemaliger Funke-Sprecher Gunther Fessen: "Verlage müssen mehr Querdenkertum fördern"

 

"Es reicht nicht, die Fähigkeiten der Mitarbeiter regelmäßig zu loben, es müssen auch Strukturen vorhanden sein oder eben geschaffen werden, die die Kreativität der Mitarbeiter fördern und auch nutzbar machen, eben das Querdenkertum initiieren", erklärt Gunther Fessen,

"Es reicht nicht, die Fähigkeiten der Mitarbeiter regelmäßig zu loben, es müssen auch Strukturen vorhanden sein oder eben geschaffen werden, die die Kreativität der Mitarbeiter fördern und auch nutzbar machen, eben das Querdenkertum initiieren", erklärt Gunther Fessen, knapp zwei Jahre als Interims-Manager das Gesicht und die Stimme der Funke Mediengruppe, im KRESS-Interview.

Die Schließung der Redaktion der einst stolzen "Westfälischen Rundschau" und der Mega-Deal, die Übernahme von "Hamburger Abendblatt", "Berliner Morgenpost", "Bild der Frau" und "Hörzu" - es waren zwei aufregende Jahre, die Gunther Fessen bei der Funke Mediengruppe deutlich mitgeprägt hat. Im Gespräch mit kress.de-Chefredakteur Bülend Ürük spricht der Kommunikationsexperte über seine Zeit als Interims-Manager in Essen und über das "Durchstechen" von Informationen, fordert mehr Querdenker und "Garagen-Mentalität" in Deutschlands Medienhäusern.

kress.de: Herr Fessen, Sie waren jetzt knapp zwei Jahre externer Interims-Manager der Unternehmenskommunikation der Funke Mediengruppe. Eine Konstruktion, die ziemlich unüblich ist. . .

Gunther Fessen: Ja, Funke wählte hier eine besonders innovative Form der Kooperation. Sich externen Sachverstand ins Unternehmen zu holen, ist kein Novum, aber sich einen Pressesprecher für eine befristete Zeit sozusagen "zu leasen", fand ich bei der Größe des Unternehmens genauso ungewöhnlich, wie Sie es offensichtlich finden.

kress.de: . . .und, ist das Experiment geglückt?

Gunther Fessen: Ich habe viele positive Rückmeldungen erhalten, intern wie extern! Da der Springer-Deal in Sichtweite war, galt es, sich professionell aufzustellen. Da habe ich spontan zugesagt, auch wenn es hart war, da das "normale Geschäft" in meinem PR-Beratungsunternehmen ja weiterlaufen musste.

kress.de: Also ein Langfristmodell auch für andere Verlagshäuser?

Gunther Fessen: Für mittlere und kleinere Verlage, die sich keine Presseabteilung "halten", ist es eine hervorragende Lösung. Denn egal ob zum Beispiel "Hellweger Anzeiger", "Schwäbische Post" oder "Bonner General-Anzeiger", kleine und mittelgroße Verlagshäuser sind sehr innovativ und reagieren teils schneller auf Chancen, als dies bei großen Tankern der Fall ist, Springer mal ausgenommen! Leider werden jedoch wegweisende Projekte und Innovationen in der vermeintlichen Provinz kaum in der Öffentlichkeit wahrgenommen, was sicher an der fehlenden PR-Manpower in den Verlagen liegt. Ein externer Kommunikationsmanager ist da sicher eine sinnvolle und kalkulierbare Lösung!

kress.de: Und wie sieht das bei größeren Medienhäusern aus?

Gunther Fessen: Größere Medienunternehmen verlangen nach einem eigenen Team, was eingespielt ist, "den Laden kennt" und das sich gegenseitig vertreten kann, wie dies bei den meisten Groß-Verlagen gehandhabt wird. Mein Interims-Management bei Funke war der besonderen Situation des Mega-Deals geschuldet und der Tragik, dass die Leitung der Unternehmenskommunikation absent war. Hier war rasches und mutiges Handeln gefragt! Besondere Situationen verlangen halt nach besonderen Lösungen.

Externer Manager kann Fehler offen ansprechen

Ein externer Berater hat den Außenblick, kann auf Erfahrungen bauen und ist kein Rädchen im Getriebe. Gerade seine Unabhängigkeit ist der Vorteil des Externen, dass er Dinge offen ansprechen kann, ohne auf Hierarchien achten zu müssen. Und genau das schätzen Unternehmen an Beratern, dass sie querdenken und nicht die Meinung der Geschäftsführung einfach abnicken. So kommen kreative Lösungen zustande!

kress.de: Was ist Ihnen an besonderen Momenten in Erinnerung geblieben?

Gunther Fessen: Natürlich die kommunikative Vorbereitung des Funke/Springer-Deals in der internen wie externen Kommunikation. Getoppt wurde das alles durch den Tag, an dem der Mega-Deal bekannt gegeben wurde, als alle Mitarbeiter der Unternehmenskommunikation gespannt auf die Reaktionen der Medienlandschaft waren! Deren "Chapeau" war Funke sicher, die Verhandlungen waren komplett ohne "Durchstechen" abgelaufen.

kress.de: Interessant, dass Sie das Durchstechen so explizit erwähnen. . .

Gunther Fessen: Ja, das Durchstechen ist ein großes Thema bei Funke, auf allen Hierarchieebenen und darüber hinaus. Jeder hat da viel zu sagen.

kress.de: Wofür steht Funke?

Gunther Fessen: Zunächst einmal steht Funke für engagierten Journalismus! Und dafür, dass das Medienhaus auf dem Weg ist, das beste Medienhaus Deutschlands zu werden. Das steht ja auch auf der Homepage, die während meines Interimsmanagements umgesetzt wurde.

kress.de: Wie schafft man es, Mitarbeiter bei einem solch riesigen Veränderungsprozess, in dem sich die Funke Mediengruppe gerade befindet, nachhaltig zu motivieren?

Gunther Fessen: Für jedes Unternehmen gilt: Die Mitarbeiter möchten wissen, wohin die Reise geht. Eine Strategie muss da sein und sie muss nachvollziehbar kommuniziert werden. Und es darf keinesfalls der Eindruck entstehen, dass unternehmerische Entscheidungen eher zufällig zustande kommen. Mitarbeiter wollen mitgenommen werden. Dieser Satz ist einer der Kernsätze unternehmerischen Handelns! Wenn ich als Mitarbeiter weiß, wie der Weg von A nach B aussieht, kann ich eventuell auch schmerzliche Schritte verkraften. Wenn der Weg das Ziel ist, weiß keiner, wofür es sich lohnen könnte, sich zu engagieren und jeder Mitarbeiter, jede Unit im Unternehmen definiert eigene Ziele, die bisweilen mächtig divergieren. Wenn es nur noch das primäre Ziel des einzelnen Mitarbeiters ist, seinen Job zu behalten, dann kann kein kreatives Potential mehr abgerufen werden.

kress.de: War der Funke-Job einer wie jeder andere? Was war Ihre Mission?

Gunther Fessen: Als ehemaliger Mitarbeiter der "Westfälischen Rundschau" und des "Iserlohner Kreisanzeigers" hatte ich einen besonderen Zugang zur Funke Mediengruppe. Das negative Image, das die Mediengruppe nach der WR-Schließung hatte, nicht nur in der Fachpresse sondern auch in den sozialen Medien, war beeindruckend. Und genau das hat mich gereizt, das externe Beratungsprojekt der bis dato beauftragten Agentur Blumberry zu übernehmen und damit die Funke Kommunikation aus der Defensive herauszuholen, also überzeugend zu agieren statt zu reagieren oder sich zu verstecken.

kress.de: Hand aufs Herz, wieviel Kraft benötigt man, um ein Unternehmen, das ein negatives Image hat, wieder aufzubauen?

Gunther Fessen: Krisen sind für mich Herausforderungen. Wie heißt es so schön: Wer die Tiefen nicht kennt, weiß die Höhen nicht zu schätzen.Meine Krisenkommunikations-Erfahrung als PR-Chef in verschiedenen Konzernen und durch die PR-Mandate meiner Kommunikationsberatung PR-Konzept.com hatte ich den nötigen Background. Dies hat der damalige Funke-Geschäftsführer Christian Nienhaus sich zu Nutze gemacht! Auch meine Gewerkschaftskontakte waren wichtig, um vorhandene Gräben zu ebnen. Denn mein Entree war die Zeit nach der Schließung der Redaktion der Westfälischen Rundschau. Der Deal kam später dazu. Ganz ehrlich, manchmal fühlte ich mich schon wie der legendäre Red Adair. Doch ohne ein Top-Team im Rücken wäre das nicht möglich gewesen. Krisenkommunikation, interne und externe Kommunikation, Change Management, externe Berater briefen - es war halt das volle Programm!

kress.de: Sie haben offensichtlich Sympathien für die Funke Mediengruppe. . .

Gunther Fessen: Sympathien habe ich vor allem für die Mitarbeiter der Unternehmensgruppe. Daraus mache ich keinen Hehl. Denn das Leitmotiv einer guten Unternehmenskommunikation sollte sein, hinter den Gesellschaftern, der Geschäftsführung, dem Betriebsrat und vor allem hinter den Mitarbeitern zu stehen, jederzeit. Das ist eine Gratwanderung, die nicht jedem gelingt, wie ich immer wieder feststellen muss. Manche Unternehmenskommunikatoren genießen es, im Rampenlicht zu stehen. Sich zurückzunehmen und dennoch die Fäden in der Hand zu halten, das können nur die wenigsten.

kress.de: Wie sieht Ihre aktuelle SWOT-Analyse der deutschen Verlagslandschaft aus?

Gunther Fessen: Eine "Garagen-Mentalität" findet man leider nur sehr begrenzt. Es gibt aber Leuchttürme, wie etwa bei Springer. Auch kleine und mittlere Verlagshäuser sind oft sehr innovativ, ohne dass das "an die große Glocke gehängt wird". Schade ist: Allenthalben spricht man vom Vorhandensein des Mitarbeiter-Potentials, aber die Strukturen bringen es oft leider nicht mit sich, dass dieses Potential auch abgerufen wird. Kreative Köpfe werden zu oft ausgebremst.

"Querdenkertum" in Verlagen fördern

Meine Botschaft deshalb: Es reicht nicht, die Fähigkeiten der Mitarbeiter regelmäßig zu loben, es müssen auch Strukturen vorhanden sein oder eben geschaffen werden, die die Kreativität der Mitarbeiter fördern und auch nutzbar machen, eben das Querdenkertum initiieren.Wer kreative Köpfe sucht, muss ihnen auch den kreativen Freiraum geben, ihre Ideen umsetzen zu können. Sie dürfen sich nicht im Dschungel der Hierarchien verlieren.

kress.de: Was fordert Sie persönlich jetzt heraus?

Gunther Fessen: Nun, Medien und Kommunikation liegen mir im Blut. Die speziellen Erfahrungen, die ich bei Funke gemacht habe, waren eine Bereicherung in jeder Hinsicht. Wer mal dort in Essen tätig war, wird dies nachvollziehen können. Und gerade die Funke-Themen Krisen-PR, interne Kommunikation, Reputationsmanagement in den Social Media, Change Management, Corporate Branding und Politische Kommunikation spielen bei meinen Kunden eine immer wichtigere Rolle.

Ihre Kommentare
Kopf

Claudio Michele Mancini

05.06.2015
!

Verehrter Herr Fessen,
das ist ja alles ganz nett, was Sie da von sich geben, aber geht an den tatsächlichen Realitäten in den Verlagshäusern völlig vorbei. Heute herrscht in den Printmedien - auch bei Funke oder bei Bauer (und im letzteren ganz besonders) ein vernichtendes Arbeitsklima. Die Gründe sind bekannt, haben aber ganz und gar nichts mit Hierarchien zu tun...! Wenn Redakteure mit 1200 bis 1500 pro Monat brutto abgespeist werden, können sie keine Qualität erwarten....


Hans Kolpak

05.06.2015
!

Hierarchien brauchen Ja-Sager, Kreative werden gemobbt.
Kreative arbeiten freiberuflich oder selbstständig im eigenen Unternehmen.

Kreative Angestellte sind seltene Glücksfälle, weil sie die Unternehmensstrukturen verändern.

Hans Kolpak
Goldige Zeiten


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