Bestseller-Autor im kress.de-Gespräch: Was Wladimir Kaminer vom deutschen Geschichts-TV hält

 

Er ist Schriftsteller, leidenschaftlicher Schrebergärtner und Talkshow-Stammgast: Für Wladimir Kaminer, den diesjährigen Schirmherrn des vom Pay-Senders History für außergewöhnliche Schul-Videoprojekte verliehenen History Awards, ist die Beschäftigung mit der Geschichte eine der wichtigsten Aufgaben des Fernsehens. Im exklusiven kress.de-Interview verrät er, warum er sich seine eigenen Sendungen trotzdem nie ansieht.

Er ist Schriftsteller, leidenschaftlicher Schrebergärtner und Talkshow-Stammgast: Für Wladimir Kaminer, den diesjährigen Schirmherrn des vom Pay-Senders History für außergewöhnliche Schul-Videoprojekte verliehenen History Awards, ist die Beschäftigung mit der Geschichte eine der wichtigsten Aufgaben des Fernsehens. Im exklusiven kress.de-Interview verrät er, warum er sich seine eigenen Sendungen trotzdem nie ansieht.

Vor allem mit seiner vom MDR produzierten, auch bei Arte ausgestrahlten Reihe "Diesseits von Eden" ist Wladimir Kaminer selbst oft auf dem Land unterwegs, um Interviews mit bemerkenswerten, gerne auch kauzigen Menschen zu führen. So gesehen passt er perfekt zum diesjährigen Motto "Regional, global, digital - Wo ist deine Heimat?", das der Münchner Sender History (Geschäftsführer: Andreas Weinek) deutschen Schulklassen gestellt hat.

Kress.de: Herr Kaminer, was ist Ihnen durch den Kopf gegangen, als History Sie fragte, ob Sie diesjähriger Schirmherr des Geschichtswettbewerbs werden wollen? Mussten Sie lange mit sich ringen, ob das etwas für Sie sein könnte?

Wladimir Kaminer: Ich wusste sofort, dass ich das machen will. Natürlich. München ist eine tolle Stadt. Ich dachte, dass das ein schöner Ausflug werden wird. Wir schauen, was die deutschen Schulen für Kreativität an den Tag legen. Das war sehr erkenntnisreich für mich – ich schreibe noch darüber. Es ist wirklich nicht leicht, heute mit dem Begriff Heimat umzugehen. Was ist schon Heimat in einer Welt, die sich ständig verkleinert?

kress.de: Was sagen Sie zum Gewinner, der Robert-Jungk-Gesamtschule aus Krefeld, die sich mit Wolgadeutschen beschäftigt haben?

Wladimir Kaminer: Das war mein Tipp. Die haben wirklich großes Theater gemacht.

kress.de: Was hat Ihnen an der Aufgabenstellung des Senders an die Schüler gefallen?

Wladimir Kaminer: Heimat war schon immer so ein pathetisch aufgeladener Begriff. Ich hatte stets das Gefühl, da wird etwas verlangt von dir – ein Gefühl, das du erst entwickeln musst. Ich bin selbst im Fernsehen mit diesem Thema unterwegs. Und da gehört es zu meiner Aufgabe, die Künstler zu fragen, warum haben Sie sich diese Stadt X oder Y zu Ihrem Lieblingswohnsitz erklärt? Warum ist der Mensch dort, wo er ist? Hat er dort seine Mitte? Oder hat er dort die Frau seines Lebens gefunden? Kann er dort besser seine berufliche Karriere steuern? Oder liebt er diese Landschaft? Es ist eine sehr komplizierte Frage, die immer wieder aufs Neue beantwortet werden muss. Jetzt sowieso.

kress.de: Inwiefern?

Wladimir Kaminer: Jetzt sowieso – in diesem verwirrten Jahrhundert. Sie muss immer wieder aufs Neue geklärt werden. Lieben die Menschen Ihre Orte oder nicht? Ich bin der Meinung, dass nur die Liebe in die Geografie das Leben einbringen kann. Eine Stadt, die keiner liebt, ist auf Dauer nicht überlebensfähig. Deswegen fand ich den History Award und seine diesjährige Fragestellung so wichtig.

kress.de: Sie sind ein Mensch, der sich mit Geschichte und Geschichten beschäftigt. Hat Sie es aber trotzdem nicht ein wenig erschrocken, als der History Channel an Sie herantrat? Denkt man beim deutschen Geschichtsfernsehen nicht immer gleich an die ewig gleichen Themen rund um Hitler?

Wladimir Kaminer: Schriftsteller sind genau die Menschen, die bereits Geschehenes festhalten. Die Geschichte ist doch geschrieben. An den Steinen und dem Staub draußen würde man sie nicht erklären oder verstehen können. Am Geschriebenen kann man sie nachvollziehen.

"Nur diejenigen, die ihre Geschichte kennen, haben eine Zukunft"

kress.de: Und die deutschen Geschichts-Dokus?

Wladimir Kaminer: Ich finde den deutschen Umgang mit der Geschichte sehr spannend. Diese andauernde Auseinandersetzung – der Kampf zwischen Opfer- und Tätermentalität, der in diesen Filmen oft verschmilzt – bringt viel Erkenntnisreiches hervor. Ich glaube, die Fähigkeit der Menschen, mit ihrer Geschichte umzugehen ist die freie Fahrkarte für die Zukunft. Nur diejenigen, die ihre Geschichten kennen, haben eine Zukunft.

"Hat Günther Jauch jemals eine Jauch-Sendung gesehen?"

kress.de: Sie haben selbst früh angefangen, das Fernsehen für sich zu nutzen. Fühlen Sie sich wohl in der deutschen Fernsehlandschaft?

Wladimir Kaminer: Als Macher oder als Zuschauer? Ich sehe kaum Fernsehen – wie fast alle Fernsehmacher. Schauen die Menschen eigentlich Ihre Sendungen an? Hat Günther Jauch überhaupt jemals eine Jauch-Sendung gesehen? Ich glaube nicht.

kress.de: Fällt Ihnen das so schwer, Ihre eigenen Sendungen anzusehen?

Wladimir Kaminer: Wozu? Ich hab sie ja gemacht, und ich weiß, was dort passiert. Willst du das sehen, was du da gemacht hast? Nein. Und als Zuschauer? Früher hat man sich als Familie hingesetzt und gemeinsam zu einer bestimmten Uhrzeit. Heute hat das keinen Platz mehr – in diesem modernen Leben. Meine Kinder guckt kein Fernsehen, nur meine Mutter macht das noch.

Russland-Erklären: "Besser ich als ein anderer"

kress.de: Sie sind der beliebteste Russe der Deutschen. Beliebtester deutscher Russe. Der beliebteste Russland-Versteher oder -Kenner. Belastet Sie dieser Ruf manchmal?

Wladimir Kaminer: Ich sage mir immer: Besser ich als ein anderer. Ich bilde mir ein, ich kann noch eine gewisse Zurückhaltung und Objektivität wahren. Zumindest versuche ich das. Ich möchte in keine Abhängigkeit rutschen oder vorschnell Partei ergreifen.

kress.de: Wie informieren Sie sich? Aus deutscher Sicht fällt es nicht leicht, sich ein objektives Bild über das derzeitige Russland zu machen?

Wladimir Kaminer: Ich glaube nicht, dass das so schwer ist. Manche wollen das nicht. Auch aus verständlichen Gründen. Man möchte sich ja nicht die Probleme seines Nachbarn zu seinen eigenen machen. Alle Augen sind gerichtet auf den Aufstieg Europas. Und da hat man plötzlich so einen Nachbarn im fünften Stock, der ein bisschen taub, blind und neben der Sache ist. Einer, der rebelliert. Und immer gegen die Wände schlägt. Wahrscheinlich sogar mit dem Kopf. Wie soll man da reagieren? Ob und zu kann man sich eine philosophische Frage stellen: Was will der da eigentlich? Was soll dieses ganze Theater?

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