Schauspieler Thierry Godard im kress.de-Interview: Warum die europäischen TV-Serien-Produzenten selbstbewusster sein sollten

 

Die französische Historienserie "Un Village Français" über eine fiktive Dorfgemeinschaft während der deutschen Besatzungszeit ging jenseits des Rheins schon in die sechste Staffel und wird als Kulturgut gehandelt, für das sich das Institut Français stark macht. Hauptdarsteller Thierry Godard, der auch in der Polizeiserie "Engrenages - Im Fadenkreuz der Justiz" glänzt, plädiert für mehr europäisches Selbstbewusstsein der TV-Kreativen.

Die französische Historienserie "Un Village Français" über eine fiktive Dorfgemeinschaft während der deutschen Besatzungszeit ging jenseits des Rheins schon in die sechste Staffel und wird als Kulturgut gehandelt, für das sich das Institut Français stark macht. Hauptdarsteller Thierry Godard, der auch in der Polizeiserie "Engrenages - Im Fadenkreuz der Justiz" glänzt, plädiert für mehr europäisches Selbstbewusstsein der TV-Kreativen. 

Thierry Godard spielt in "Un Village Français - Überleben unter deutscher Besatzung" einen Sägewerksbesitzer, der zwar Mitglieder der Résistance heimlich unterstützt, sich aber auch mit dem Nazi-Regime arrangiert und mit den Deutschen Geschäfte macht. Die Serie gilt als eine der erfolgreichsten französischen Produktionen der vergangenen Jahr, hierzulande waren die ersten beiden Staffeln bei Sony Entertainment Television zu sehen. Der Pay-Sender strahlt die dritte Staffel ab 25. Juni immer donnerstags um 21:05 Uhr aus.

"Engrenages - Im Fadenkreuz der Justiz" läuft dort im Herbst an - einen genauen Start-Termin gibt es noch nicht. Thierry Godard spielt einen drogensüchtigen Cop der Pariser Kripo. Erzählt wird von den Spannungen in der französischen Strafverfolgung und auch den Machtkämpfen von Polizei und Justiz. Die dichte, düstere Serie wurde bereits mit "The Wire", aber vor allem mit dem dänischen TV-Erfolg "Kommissarin Lund" verglichen. Wie auf letztere wurden amerikanische Fernsehanstalten auch auf diesen Stoff aufmerksam. Derzeit bereitet Showtime eine US-Version von "Engrenages" vor. Unter dem Titel "Spiral" wurde die Polizistenserie in den USA bekannt - ausgestrahlt unter anderem über Netflix. 

"Höchste Zeit, dass man Dinge modernisiert"

kress.de: Herr Godard, alle Welt spricht vom Goldenen Zeitalter des Fernsehens – und meint damit in der Regel US-amerikanische Serien. Nervt Sie das nicht langsam?

Thierry Godard: Nein, gar nicht. In Frankreich war es höchste Zeit geworden, dass man Dinge modernisierte. Ich glaube auch, dass das Schlagwort sich auch eher auf die multimediale Welt bezieht. Kino und Fernsehen nähern sich immer mehr an. Die Herangehensweisen an die Stoffe ähneln sich immer mehr.

kress.de: Eigentlich gibt es ja schon seit den Anfängen des Fernsehen serielles Erzählen im TV. Manchmal hört es sich derzeit so an, als wäre die Serie in ihrer Dichte, ihrem Anspruch und mit den vielen Handlungssträngen, die man den Zuzuschauern durchaus abverlangt, eben erst neu erfunden worden. 

Thierry Godard: Es ist gerade eine heiße Phase, durch die wir gehen. Es ist eine Frage des Formats, die man auch auf andere Kunstgattungen übertragen kann. Wenn man ein Triptychon anlegt, ist das eben etwas anderes als ein einzelnes Gemälde. Oder wenn Émile Zola seine Romane mit 20 Personen füllt, dann ist auch entsprechend viel Stoff da, den man weiterentwickeln kann. Bei den Serien ist das derzeit ähnlich. Das geht aber auch wieder zurück. Im Moment herrscht die ausführliche Erzählweise vor. Vielleicht ist das aber auch eine Wellenbewegung. 

"Eine Intensität, als würde ich einen Roman lesen"

kress.de: Das aufgeschlossene Publikum goutiert den Anspruch dieser Qualitätsserien ja durchaus. Haben viele Programmmacher ihr Publikum zu lange unterschätzt und ihnen zu simple Kost vorgesetzt?

Thierry Godard: Ich denke, die Leute folgen diesen Stoffen heute und gehen dabei auch richtig mit. Sie sind aber auch so angelegt. Wenn ich von mir ausgehe: Ich gucke mir so eine Serie gerne auf dem iPad oder auf dem Computer im Bett an. Ich sehe sie nicht wie ein Fernsehprogramm – so etwas mag ich gar nicht. Diese Stoffe haben eine ähnliche Intensität, als würde ich einen Roman lesen. Ich setze mich mit den Figuren auseinander, die psychologisch derzeit viel komplexer entwickelt werden. Das ist eine Zeiterscheinung: Es geht um die Psychologie der Figuren. Und da gehen die Zuschauer mit.

kress.de: Das bringt uns ganz gut zu der Polizeiserie "Engrenages". Dort spielen Sie ja einen sehr düsteren Charakter – jemanden, der offiziell als Polizist auf der Seite von Recht und Gesetz steht, es damit selbst aber meist nicht sehr genau nimmt. Wie sehr sind aus Ihrer Sicht die gebrochenen Typen eine Grundvoraussetzung für das gute Erzählen?

Thierry Godard: Die hat es so im französischen Fernsehen zuvor noch nicht gegeben – die Figur eines komplett zerrissenen Polizisten. Ich habe mich dabei immer ein wenig an "Bad Lieutenant" mit Harvey Keitel erinnert. Er schwebte mir bei der Verkörperung dieser Figur immer vor. Wir haben uns in diesen Stoff reingekniet. Und ich habe selbst Kripo-Polizisten kennengelernt, die sehr wohl diese Spannungen in sich aushalten müssen. Der Beruf geht immer vor, die Familie kommt an zweiter Stelle. Was sie täglich mitmachen, macht sie fertig. Es gibt diese Figuren. Man spricht nur nicht immer von ihnen. Bei zwölf "Engrenages"-Episoden hat man zum Glück Zeit, solche aufregenden, vielschichtigen Charaktere zu entwickeln.

"Rückenwind für europäische Produzenten"

kress.de: Es war schon zu hören, dass der Stoff derzeit von Showtime in den USA adaptiert wird. Ist das der Ritterschlag? Normalerweise geht der kreative Ideenfluss – von einigen prominenten Beispielen wie "The Bridge" derzeit abgesehen – ja meist in die andere Richtung.

Thierry Godard: Das macht uns allerdings Stolz. Es ist tatsächlich so, dass die Amerikaner üblicherweise mehr Handlungsspielraum bei den Serien haben, aber auch beim Film. Das kennt man von "Breaking Bad". Dass das nun tatsächlich andersherum zu funktionieren scheint, muss den europäischen Produzenten viel Rückenwind geben. Wir müssen uns nicht verstecken.

kress.de: Sie sind ein vielbeschäftigter Mann – auch im Theater und im Kino. Wie schwierig wird es, sich mit Haut und Haar den durchaus zeitintensiven Serienproduktionen zu verschreiben? Und dann sind Ihre Serien ja auch noch so erfolgreich, dass es regelmäßig neue Staffeln gibt.

Thierry Godard: Natürlich schmerzt es, wenn man auch mal etwas absagen muss. Ich versuche das alles unter einen Hut zu bringen. Das gelingt nicht immer. Ich bin gerade dabei, einen Film zu drehen, der sich aus "Engrenages" und der Übernahme der Serie in Großbritannien ergeben hat. Das ist eine schöne Chance, die sich aus meiner TV-Arbeit entwickelt hat. Ja, ich stecke mit Haut und Haar in diesen Serienstoffen. Das ist aber auch etwas, was mir viel Freude macht. An zwei solchen Projekten mitwirken zu können, ist eine einmalige Gelegenheit für einen Schauspieler. Wir sind jetzt in der letzten Staffel von "Engrenages" und der letzten von "Village Français. Also geht auch diese Phase einmal zu Ende – und danach findet etwas Neues statt.

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