"Ruf vom WDR wird in Mitleidenschaft gezogen": Redakteursvertretung warnt Tom Buhrow

 

Die Redakteursvertretung des WDR schlägt Alarm. In einer Stellungnahme, die KRESS vorliegt, warnt die siebenköpfige Vertretung der Journalisten davor, dass die Diskussion um das Millionengrab "Gottschalk live" den Ruf des Hauses in Mitleidenschaft zieht. Von der Geschäftsleitung, die Intendant Tom Buhrow (Foto) anführt, fordert die Redakteursvertretung

 Die Redakteursvertretung des WDR schlägt Alarm. In einer Stellungnahme, die KRESS vorliegt, warnt die siebenköpfige Vertretung der Journalisten davor, dass die Diskussion um das Millionengrab "Gottschalk live" den Ruf des Hauses in Mitleidenschaft zieht. Von der Geschäftsleitung, die Intendant Tom Buhrow (Foto) anführt, fordert die Redakteursvertretung "ein klares Bekenntnis zu einem nachvollziehbaren und vertrauensvollen Umgang mit den uns treuhänderisch zur Verfügung gestellten Mitteln aus dem Rundfunkbeitrag".

"Gottschalk live" kostete 12 Millionen Euro

Auch wenn die WDR-Spitze um Tom Buhrow heute so agiere, als ob die Gottschalk-Entscheidung mit der heutigen Führung nichts zu tun habe, sei ihre Verhalten nicht zu akzeptieren: "Intendant Tom Buhrow war damals noch nicht dabei, aber seine Stellvertreterin Eva-Maria Michel ist seit 2008 im Amt. Die jetzige WDR-Spitze kann also nicht so tun, als ob sie das alles nichts anginge", kritisierte der Kölner Journalistik-Professor Hektor Haarkötter am Donnerstag gegenüber KRESS das WDR-Gebaren im Umgang mit dem Millionenskandal um Thomas Gottschalk.

Insgesamt zwölf Millionen Euro hat das Millionengrab "Gottschalk live" gekostet - der frühere Star-Moderator Thomas Gottschalk und seine Produktionsfirma erhielten sogar die gesamte Vertragssumme, obwohl die Reihe von Beginn an vor sich hindümpelte und zur Halbzeit der Vertragslaufzeit vom Schirm verschwand. Gegenüber KRESS forderte der FDP-Politiker Ralf Witzel, Mitglied des WDR-Rundfunkrates: "Die Umstände und Folgekosten der eingestellten Sendung sind ungewöhnlich, fragwürdig und bedürfen einer gründlichen Aufarbeitung."

"Intransparenz führt zu erheblicher Verwirrung"

"Die schon früher beklagte Intransparenz beim Abschluss der Verträge mit Produzenten und externen Moderatoren hat zu erheblicher Verwirrung des Publikums und der Medienöffentlichkeit geführt, die den Eindruck gewinnen konnten, im WDR würden Gebührengelder / jetzt: Rundfunkbeiträge verschwendet und obendrein beträchtliche Honorare für nicht erbrachte Leistungen gezahlt. Es ist dabei zunächst völlig unerheblich, ob die Vorwürfe in der Sache zutreffen oder nicht", betont die Redaktionsvertretung in ihrem Schreiben.

"Ruf unseres Hauses leidet jedes Mal"

Für die Redaktionsvertretung steht fest: "Der Ruf unseres Haus und Arbeitgebers leidet jedes Mal, wenn der Vorwurf erhoben wird, die ohnehin als zu hoch kritisierten Gelder aus dem Rundfunkbeitrag würden "aus dem Fenster geworfen". Tatsächlich ist auch für uns Redakteure ein Missverhältnis erkennbar, wenn einerseits schmerzhafte Sparmaßnahmen, die auch zu Personal- und Programmeinschnitten führen, umgesetzt und weitere angekündigt werden und andererseits externe Produktionen mit prominenten Protagonisten mit Verträgen ausgestattet werden, die in Höhe und Ausstattung kaum nachvollziehbar erscheinen und möglicherweise schlecht ausgehandelt waren."

Warnung vor "Mauschelei"

"Dabei ist es für die Außenwirkung unseres Erachtens eher unwichtig, ob diese Mittel formaljuristisch von der WDR Mediagroup oder aus dem WDR direkt stammen. Der Unterschied dürfte auch im Hause nicht allen klar sein, in der breiten Öffentlichkeit verschwimmt die Differenzierung zu einer (ungewollten) Mauschelei. Tatsächlich allerdings stellt sich die Frage, ob von der Mediagroup erwirtschafte Mittel nicht auch anderen, journalistischen Formaten im Hause zu Gute kommen sollten. Beispielsweise kommt es ausweislich des Wegfalls der samstäglichen "Lokalzeiten", der jüngst angekündigten Veränderungen bei "Hier und Heute" oder den enormen Arbeitsverdichtungen in den Hörfunk-Wellen zu sicht- und hörbaren Veränderungen des Programms, die zu nicht unerheblichen Teilen auch die redaktionelle Qualität betreffen", heißt es in dem Schreiben, das KRESS vorliegt.

"Mehr WDR-Talente fördern"

Der Redakteursvertretung erscheint die Situation im eigenen Haus rätselhaft: "Es stellt sich zudem die Frage, ob eigentlich hinreichend WDR-interne Talente gesucht, erkannt, gefördert und letztlich eingesetzt werden, um Sendungsformate zu entwickeln und Programme zu machen. Es erscheint, auch angesichts der Diskussion um die Jauch-Nachfolge, tatsächlich nach wie vor einen Vorrang für hochbezahlte Prominente und deren eigene, externe Produktionsgesellschaften vor WDR-eigenen Ressourcen zu geben. Wie viele freie Mitarbeiter hätten für die genannten Millionenhonorare beschäftigt werden können, wie viele Minuten Programm im eigenen Hause für die genannten (Ausfall-)Honorare hätten produziert werden können, sollte geklärt werden."

Forderung nach Transparenz

In dem Schreiben, in dem auch "das Schweigen des WDR und der ARD im Zusammenhang mit der Diskussion um die Skandale bei der Fifa, die an Organisierte Krimianlität erinnern", kritisiert wird, heißt es zudem: "Die Redakteursvertretung vermisst bei beiden Themen, den Vorwürfen im Zusammenhang mit Gottschalk und den Fifa-Lizenzen, eine klare, unmissverständliche Haltung der Geschäftsleitung. Wir erwarten ein klares Bekenntnis zu einem nachvollziehbaren und vertrauensvollen Umgang mit den uns treuhänderisch zur Verfügung gestellten Mitteln aus dem Rundfunkbeitrag. Außerdem muss der Anspruch der Öffentlichkeit (Publikum) und ebenso der Mitarbeiterschaft auf Transparenz nachhaltig erfüllt werden. Das sind wir uns als öffentlich-rechtliches Medium schuldig."

Innere Pressefreiheit

Seit 1986 garantiert im WDR ein Redakteurstatut die innere Pressefreiheit. Zu den Aufgaben der  Redakteurvertretung gehört es unter anderem, sich bei Konflikten in Programmfragen eine Lösung zu finden. Zudem muss sie von der Geschäftsleitung des WDR rechtzeitig über geplante strukturelle oder organisatorische Maßnahmen informiert werden. Zur aktuellen Redakteurvertretung gehören Georg Berg, Esther Hartbrich, Horst Kläuser, Ulf Pohlmeier, Gabi Rauschenbach, Arnim Stauth und Roman Stumpf.

Mitglieder der WDR-Geschäftsleitung sind Intendant Tom Buhrow, Verwaltungsdirektorin Katrin Vernau, Hörfunkdirektorin Valerie Weber, WDR-Fernsehdirektor Jörg Schönenborn, Justitiarin und stellvertretende Intendantin Eva-Maria Michel und Produktionsdirektor Wolfgang Wagner. 

Die WDR-Redakteursvertretung war am Donnerstagabend für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Am Freitagvormittag soll das Millionengrab "Gottschalk live" bei einer Redakteursversammlung diskutiert werden.

Ihre Kommentare
Kopf
Wolf-Dieter Roth

Wolf-Dieter Roth

- Freiberuflich tätig -
freier Journalist

12.06.2015
!

Seit wann interessiert die Oberen dieses Senders sein Ruf???? :-(


Ulrich Fiege

Ulrich Fiege

Moderator und Blogger

13.06.2015
!

"Das sind wir uns als öffentlich-rechtliches Medium schuldig."
"Ohne Debatte und Kritik kann keine Regierung und kein Land erfolgreich sein und keine Republik kann überleben. Das bedeutet mehr Berichte und Analysen von internationalen Ereignissen, (..) sie mit unzensierten Informationen außerhalb der engen Grenzen der Staatssicherheit zu versorgen. um Krisen festzustellen und Chancen anzuzeigen, um die öffentliche Meinung zu führen, zu formen, zu bilden und heraus zu fordern." JFK am März 1961


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