Interview mit dem kommenden dpa-Chef, Peter Kropsch: "Rudern statt segeln"

16.06.2015
 
 

Peter Kropsch (49) wird im September 2016 zur Deutsche Presse-Agentur GmbH wechseln­­ und dort im Januar 2017 den Vorsitz der Geschäftsführung übernehmen. Seit 2009 leitet er die österreichische Presseagentur APA. "Der Österreichische Journalist" hat Kropsch 2014 zum Medienmanager des Jahres gewählt.

Peter Kropsch (49) wird im September 2016 zur Deutsche Presse-Agentur GmbH wechseln­­ und dort im Januar 2017 den Vorsitz der Geschäftsführung übernehmen (kress.de berichtete). Seit 2009 leitet er die österreichische Presseagentur APA seit 2009. "Der Österreichische Journalist" (Chefredakteur Georg Taitl; erscheint wie kress.de im Verlag Johann Oberauer) hat Kropsch 2014 zum "Medienmanager des Jahres" gewählt.

In einem ausführlichen Interview mit dem Fachmedium spricht er über Tageszeitungs-Apps, Technik-Offensiven, das Verhältnis zu Google, Big-Data-Management und Sparprogramme.

"Der Österreichische Journalist"Die APA erschließt in Österreich und auch in Deutschland neue Geschäftsfelder und geht auch Beteiligungen ein, beispielsweise mit der dpa. Kann man das einen Verteidigungskrieg für die APA nennen oder ist es eine Expansionsstrategie?

Peter Kropsch: Also ich kann mit Kriegszielen nichts anfangen. Es war immer im Bewusstsein der APA verankert, dass wir wachsen müssen, um das tun zu können, wozu es uns eigentlich gibt: einen unabhängigen Basisdienst zu produzieren, Nutzen für die Eigentümer zu stiften und sie in ihren Geschäften bestmöglich zu unterstützen. Wachstum ist notwendig, um in einer Welt, in der rasante, vor allem technologische Innovationen stattfinden, Innovationen überhaupt finanzieren und sie in weiterer Folge werthaltig produzieren zu können.

"Digitale Replikas"

Worum geht es dabei in Deutschland?

Im Wesentlichen um die Tageszeitungs-Apps, also um die Technologie. In dieser Sparte haben wir in Österreich bereits einen Anteil von etwa der Hälfte des Marktes. Das reicht aber nicht aus, um das Produkt laufend weiterzuentwickeln. Wir haben in der ersten Phase die digitalen Replikas auf die diversen Plattformen gebracht, aber da geht es dann ja mit fortwährenden Innovationen weiter. Und dafür ist der österreichische Markt zu klein.

Wie sehen die von der APA erzeugten "Replikas"aus?

Derzeit ist es aus unserer Sicht so, dass die erfolgreichsten Produkte sogenannte Replika sind, die auf den digitalen Plattformen ganz ähnlich ausschauen wie gedruckte Zeitungen. Die Kunden sind offensichtlich bereit, dafür zu zahlen, wenn etwas eine Dramaturgie hat, einen Anfang und ein Ende, zwischen denen sich der Betrachter heimisch fühlt. Die APA ist gut in jenen Dienstleistungen, die für ganze Märkte in ähnlicher Weise nützlich sind. Bei den Zeitungs-Apps war es bald klar,dass jede Zeitung sie brauchen wird. Also ist die Austria Presse Agentur prädestiniert, einen für viele nützlichen Dienst für ihre Kunden anzubieten, so wie sie das schon seit 160 Jahren mit ihrem Nachrichten-Basisdienst macht. Es entstand ein technisches Produkt, das in seinen Grundkomponenten von sehr vielen Verlagen angewendet werden kann. Die Verlage ersparen sich Zeit, bekommen Know-how und am Ende auch Geld.

Extrageld verlangt auch die APA dafür?

So ist es. Wir machen mit unserem Basisdienst ein ziemlich vollständiges Angebot.Um dessen Finanzierung sicherzustellen, muss die APA schauen, dass die rund um den Kernbereich entstehenden Overheads wie Vertriebseinheiten, Geschäftsführungseinheiten und Rechnungswesen besser verteilt werden. Deshalb wächst die APA rund um diesen Kernbereich Nachrichten. Wir tun nichts, was keinen Zusammenhang mit einem journalistischen Produkt hätte. Die APA hat z. B. 100 Prozent der Gentics Software GmbH in Wien erworben. Gentics macht Contentmanagement-Systeme, also Redaktionssysteme für den Wirtschaftsbereich, und nun auch erste Produkte für den Medienbereich, die Nachrichten einfach darstellbar machen. Da ist also ebenfalls der Bezug zur Nachricht gegeben.

Durch dieses 50:50-Joint-Venture mit der dpa verdient die APA jetzt auch in Deutschland mit?

Die Systeme, die in Deutschland verkauft werden, kommen aus Österreich, sie werden hier bei uns erzeugt. Eine Vertriebs- und Service-Einheit in Hamburg bringt die Produkte auf den Markt, die in der APA-Zentrale gebaut und betrieben werden.

"Die APA hat sich ganz anders entwickelt als irgendeine andere klassische Nachrichtenagentur in Europa"

Die APA war schon mit der Entwicklung des APA-Online-Managers (AOM) den deutschen Kollegen voraus. Jetzt ist sie wieder Pionier?

Durch die Eigenheit und auch Kleinheit des hiesigen Marktes muss die APA sehr viel schneller auf verwandte Bereiche übergreifen. Auf einem großen Markt wie Deutschland geht das nicht so einfach. Der Nachrichten-Basisdienst ist so etwas wie ein first copy product. Die erste Kopie des Basisdiensts enthält praktisch alle Kosten, und je mehr Kunden ich dafür habe, desto besser wird meine wirtschaftliche Position. In Österreich haben wir 13 Tageszeitungen als Kunden -zwei Zeitungen sind ja vor Kurzem vom Markt verschwunden. In Deutschland treffen wir doch auf rund 200 Tageszeitungen. Unsere spezifische Situation, dass wir die"Kronen Zeitung" als größte Tageszeitung nicht als Kunden hatten und haben, verlangte von uns bereits in den 80er-Jahren in hoher Dringlichkeit, verwandte Geschäftsbereiche zu erschließen. Die APA hat sich ganz anders entwickelt als irgendeine andere klassische Nachrichtenagentur in Europa.

Indem Sie jetzt diese technologische Offensive machen und Entwicklungen vorantreiben,verändern Sie auch das Angebot des Basisdienstes, gewissermaßen dessen Moleküle- die Nachrichten. Sie hoben unlängst den amerikanischen Onlinedienst Storify hervor, der über Algorithmen Nachrichtenwertes aus sozialen Medien zusammensucht.Ist das die Zukunft?

Wir leben in einem Meer an Informationen und müssen Zusammenhänge zwischen den Nachrichten herstellen. Würden wir mit einem Röntgenapparat in eine Nachricht schauen, so hätten wir viele Elemente vor Augen, die sich mit denen anderer Nachrichten verknüpfen ließen. Es entsteht ein semantisches Meta-Datenset. Auf dieser Basis könnte ein Redaktionssystem, schon während ich schreibe, die passenden Bilder dazu liefern oder Links zum Archiv. Daran arbeiten wir. Wir sind aber kein Unternehmen, das sich allein auf Algorithmen verlässt. Andere Unternehmen gibt es, die sich nur auf die Technik verlassen. Bei uns behält der Journalismus den dominierenden Stellenwert.

"Eine Suchmaschine ist frei von jedem journalistischen Überbau"

Ich frage mich sowieso manchmal, ob sich das, was Sie in der APA an Neuem veranstalten, wesentlich von dem unterscheidet, was Google weltweit macht.

Google ist eine Suchmaschine, wir sind eine Redaktion. Der Journalismus erbringt immer auch eine Reduktionsleistung - er stellt die Komplexität der Welt als für mich fassbar und deshalb nützlich dar. Die Redaktion offeriert Orientierung, Erklärung, Kontrolle und mehr. Der Nutzen, den man von einer Suchmaschine erwarten kann, ist ein grundlegend anderer. Sie ist frei von jedem journalistischen Überbau.

Als Sie 2009 die Geschäftsführung der APA übernahmen, machte sie 30 Prozent ihres Umsatzes im Kerngeschäft Nachrichtenagentur, inzwischen ist dieser Anteil auf 20 Prozent oder vielleicht schon weniger gesunken. Ist das eine normale Entwicklung?

Das Nachrichtengeschäft wird ein österreichisches bleiben. Es gibt nationale Nachrichtenagenturen und internationale wie die AP, AFP, Reuters, dpa. Die APA bleibt im Kerngeschäft eine klassische nationale Agentur. In anderen Geschäftsfeldern, insbesondere der Informationstechnologie, gilt diese nationale Grenze für die APA nicht. Allein in Österreich könnten wir das Wachstum nicht erzielen, das wir brauchen. Auch bei den noch nationalen Geschäftsfeldern OTS und DeFacto werden wir sehen, wohin sie sich in Zukunft entwickeln.

"Big Data ist jetzt schon im Einsatz"

Eine neue Aufgabe einer modernen Agentur könnte auch im Big-Data-Management bestehen. Interessieren sich die Kunden schon dafür?

Big Data ist jetzt schon bei Sportdaten und Wahldaten im Einsatz. Die Aufbereitung von Wahlergebnissen hat eine lange Tradition. Diesen Service braucht fast jedes Medium und auch unsere Kunden aus dem Entscheidungsträgerbereich. Die Daten von rund 60 österreichischen Sportverbänden bis hinunter in den lokalen Bereich zu sammeln, aufzubereiten und zur Verfügung zu stellen, ist eine genauso nützliche wie mühsame Angelegenheit. Hier den zentralen Dienstleister zu bilden, ist ein strategisches Thema, um das wir uns schon seit einiger Zeit unter dem Titel RegioSports annehmen. Darüber hinaus sitzt jede Institution, jedes Unternehmen auf einer Lawine von Daten. Diese Datenberge für den journalistischen Bedarf aufzubereiten, dazu sehen wir die Notwendigkeit noch nicht gegeben, zumindest sehen wir derzeit noch nicht den kontinuierlichen Bedarf an solchen Leistungen.

Wir haben in Österreich zwar den ungewöhnlichen Fall, dass die größte Tageszeitung nicht APA-Mitglied ist. Ich könnte mir aber andererseits nicht vorstellen, dass angesichts der Palette von Produktangeboten heute noch eine Zeitung die APA-Dienste kündigen würde, was früher einmal auch schon vorgekommen ist.

Die APA könnte für die "Kronen Zeitung"einen ausgezeichneten Dienst liefern. Es ist die Aufgabe jedes APA-Geschäftsführers und auch jedes APA-Chefredakteurs, die "Kronen Zeitung" davon zu überzeugen.

Das hat ja schon Ihr Vorgänger Wolfgang Vyslozil getan, aber die Überzeugungsarbeit scheint zäh zu verlaufen.

Sie ist unsere Aufgabe. Ich bin absolut de Meinung, dass die "Kronen Zeitung" einen gewaltigen Vorteil hätte, wenn sie den Basisdienst für ihr Printprodukt abonnieren würde. Wir hätten dann einen großen Kunden mehr und würden uns sehr freuen, aber das würde das Generalkonzept der APA nicht verändern.

Im Finanzjahr 2013 steigerte die APA ihren Umsatz um 7,7 Prozent auf 71,5 Millionen. Sie sagten aber schon damals, dass Sie für 2014 bloß eine Umsatzsteigerung um 0,5 Prozent erwarteten. Gilt das noch immer?

Es kann sein, dass wir heuer gar nicht wachsen. Die APA hat im Geschäftsfeld Informationstechnologie und auch in der akquirierten Gentics sehr viele Projektgeschäfte, aber in Jahren angespannter Wirtschaftslage werden Projekte gern geschoben. Das ist heuer der Fall. Deshalb gehe ich davon aus, dass wir das laufende Jahr bei Null oder sogar mit einem leichten Umsatzrückgang abschließen werden.

Das sagen Sie so locker?

Natürlich stört das die APA. Man geht ja nicht gern von Dingen ab, die man aus gutem Grund liebgewonnen hat, und das Wachstum ist ja nicht ein Hobby der Geschäftsführung. Wachstum sichert uns insgesamt ab und sichert uns vor allem auch die Innovationskraft, die wir brauchen, um das Geschäft immer weiter zu entwickeln. Die großen internationalen Game-Changer - nennen wir sie Google oder Facebook oder Amazon - machen vor dem österreichischen Markt nicht halt. Wären wir mit unserer Suchtechnik auf dem Stand wie vor zehn Jahren, dann müssten wir uns fragen, ob Google nicht eine Alternative wäre. Wir haben aber ausgefeilte semantische Features in unserer Suche, die den Kundennutzen viel besser darstellen, als das jede Suchmaschine könnte.

"Wir wollen nicht von einer Strategie abhängig sein, die irgendwo in Silicon Valley gemacht wurde"

Mit "Alternative Google" meinen Sie, die APA braucht sich nicht an Google anzuhängen,wie das manche Zeitungen tun?

Google ist ja kein Spieler, sondern mittlerweile das Spielfeld. Die Verlage stehen vor einer ganz anderen Herausforderung, weil Google insbesondere das Geschäft mit Werbung mit ganz anderen Vorzeichen versehen hat. Die APA ist als Unternehmen der Medien genau in diesem Wirkungszusammenhang drinnen, aber wir würden heute nicht irgendwelche Geschäftsfelder aufbauen, die sich Kernkomponenten von Google oder Facebook zunutze machen. Die Dinge können sich schnell ändern, und wir wollen auch nicht von einer Strategie abhängig sein, die irgendwo in Silicon Valley gemacht wurde. Die jüngste Entwicklung zum Thema Leistungsschutzrecht in Deutschland, wo Google durcheinen strategischen Move die Suchergebnissevon einem Tag auf den anderen neu darstellt - wenn ich darauf unser Geschäftsmodell aufgebaut hätte, hätte ich damit ein Problem. Die Herausforderungen eines Verlags sind andere als die einer Nachrichtenagentur.

"Man muss jederzeit genauestens auf die Kosten schauen"

2011 haben Sie der Redaktion ein Sparprogramm in der Höhe von 800.000 Euro verordnet, weil dort die Kostenkurve ein Defizit verursacht hatte.  Sind Sie mit der Verwirklichung dieses Programms schon am Ende oder kommt sogar ein neues Sparprogramm?

Sparen ist ein Zeichen der Zeit, man muss jederzeit genauestens auf die Kosten schauen. Im Jahr 2012 gab es eine Tarifreform, und diese hat die Ertragskraft der APA um eine runde Million geschmälert. Wir haben damals mit dem Vorstand ein Vierjahresprogramm vereinbart, so dass wir im Sinne der Aufrechterhaltung eines vollständigen Nachrichtendienstes keine radikalen Einschnitte machen mussten. Wir bekamen vier Jahre Zeit, ergebnisseitig auf Null zukommen. Wir waren bei einem Deckungsbeitrag von minus 3,0 Prozent angekommen und haben uns von da hochgearbeitet. In den Redaktionen haben wir jedes Jahr etwas weniger Verlust gemacht, um Ende 2015 die Nulllinie zu erreichen. Der Prozess ging auch mit der Reduktion des Personalstandes einher, wobei wir versuchten, möglichst vorsichtig vorzugehen. Dabei ist auch zu erwähnen, dass wir in den Jahren 2009 bis 2012 rund 70 freie Mitarbeiter angestellt haben. Wir sind gerade dabei, die Mittelfriststrategie bis 2018 zu machen, und müssen uns so wie alle Medien heftig bemühen. Unsere Mittelfriststrategie haben wir mit dem Titel "Rudern statt segeln" überschrieben.

Was ist, zusammengefasst, das Unternehmensziel der Austria Presse Agentur?

Die APA ist ein integrierter Informationsdienstleister,dessen Kernaufgabe die Produktion eines umfassenden, vollständigen, auf die zeitgemäßen Bedürfnisse der österreichischen Medien angepassten Nachrichten-Basisdienstes ist. Rundherum müssen wir an Dienstleistungen zulegen, die bisher vielleicht nicht so sehr im Fokus waren. Alle profitieren davon, dass ein zentraler Dienstleister ein Basisprodukt macht, das die Kunden nur schnell anpassen müssen, um damit in den Markt zu gehen. Diese Dienstleistungen werden wir in Zukunft schärfen. Wir generieren Wert für die Eigentümer, aber nicht im ausschließlichen Sinne von Shareholder-Value. Unser Ziel ist es, den Member-Value für jedes einzelne Mitglied der APA-Genossenschaft zusteigern. Das hat viel mehr Aspekte als nur den wirtschaftlichen Erfolg. Dabei wollen wir immer Gewinne schreiben und Dividenden auszahlen, das stellt sicher, dass wir wirtschaftlich handeln. In der APA gilt nach wie vor der Leitsatz "Unabhängigkeit in der Berichterstattung durch wirtschaftlichen Erfolg".

Interview und Text: Engelbert Washietl (erschienen in "Der Österreichische Journalist" 10-11/2014)

 

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