"Kein Bestandteil der Grundversorgung": Kritik an öffentlich-rechtlicher Übertragungswut beim Webvideopreis

 

Die Gala zum Webvideopreis 2015 war ein voller Erfolg: TV- und Youtube feierten sich gegenseitig, ein Flitzer sorgte für Aufmerksamkeit, und die Medien berichteten ebenso wohlwollend wie ausführlich über das Ereignis. Nur musste die Gala unbedingt von vier öffentlich-rechtlichen Kanälen gleichzeitig ausgestrahlt werden? Die Journalismus-Professorin Verena Renneberg sagt nein.

Die Gala zum Webvideopreis 2015 war ein voller Erfolg: TV- und Youtube feierten sich gegenseitig, ein Flitzer sorgte für Aufmerksamkeit, und die Medien berichteten ebenso wohlwollend wie ausführlich über das Ereignis. Nur musste die Gala unbedingt von vier öffentlich-rechtlichen Kanälen gleichzeitig ausgestrahlt werden? Die Journalismus-Professorin Verena Renneberg sagt nein.

Irgendwer muss den öffentliche-rechtlichen Sendern einmal gesagt haben, dass es da in diesem neuen Interdings etwas gibt, das Youtube heißt und es jedem ermöglicht, selbst produzierte Videos zu veröffentlichen. Und dass es dort Künstler gibt, die deutlich mehr Zuschauer haben, als viele Sendungen auf ARD, ZDF, den Dritten und den zahlreichen Spartenprogrammen der Anstalten.

Öffentliche Sender auf der Jagd nach den jüngeren Zuschauern

Grund genug für die Sender, den 2011 gegründeten Deutschen Webvideopreis und unterstützen. Die Anstalten sind in der Jury seit Anfang an durch freie Mitarbeiter wie den Elektrischen Reporter Mario Sixtus oder ZDF-Redakteurin Katharina Dufner vertreten und übertrugen die Sendung dieses Jahr zum ersten Mal im Fernsehen.

Und das gleich mehrfach: EinsPlus zeigte die Gala am Samstag, den 13. Juni, live aus Düsseldorf, NDR, WDR, Bayerisches Fernsehen, SWR und das Schweizer Fernsehen übertrugen online live und zeigten am Tag darauf um 22.30 Uhr ein Best-of auf ihren Sendern.

Ein ganz kleines Skandälchen - ohne erkennbaren Hintersinn

Zu sehen bekamen sie eine Gala wie man sie sich wünscht: Heitere Gewinner, unter anderem die Band AnnenMayKantereit für das beste Musik-Video, theclavinover in der Kategorie Journalismus und MadBrickMotion für ihre Lego-Version von The Walking Dead und mit  Christian Ulmen einen der wohl besten Moderatoren, den das deutsche Fernsehen zur Zeit zu bieten hat. Dazu ein Skandälchen, als ein Flitzer auf die Bühne sprang, weil er, wie er der "Bild" sagte "ein Zeichen setzen" wolle. Wofür, sagte er nicht.

Ein rundum gelungener Abend also, der trotzdem Fragen aufwirft: Mussten gleich vier ARD-Sender am Sonntag zeitgleich mit dem Webvideopreis-Best-of das gleiche Programm ausstrahlen? Nachdem es auf EinsPlus und im Internet bereits live übertragen wurde und natürlich auch auf Youtube zu finden war?

Nein, sagt die Journalismus-Professorin Verena Renneberg von der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft (HMKW) in Berlin: "Es gibt keinen vernünftigen Grund, den Webvideopreis vier Mal zu zeigen." Alleine Organisation und Planung würden finanzielle Kapazitäten binden. Renneberg glaubt auch nicht daran, dass sich in den Dritten Programmen nachts die heiß begehrte junge Zielgruppe der Anstalten befindet.

BR: "Warum haben es die anderen Sendern nicht getan?"

Das sieht man bei den betroffenen Sendern anders. Ein Sprecher des Bayerischen Rundfunks fand die Frage von kress.de, warum gleich vier Sender die Gala des Webvideopreises ausgestrahlt haben, falsch gestellt: "Die Frage müsste lauten: Warum haben es die anderen Sender nicht getan?"

Der BR wollte seinen Zuschauern ermöglichen, an diesem Ergebnis teilzunehmen, auch denen, die andere dritte Programme nicht via DVBT empfangen können und schlechte Internetverbindungen haben. Immerhin: 60.000 Bajuwaren nahmen das Angebot an, was einem Marktanteil von 1,7 Prozent entsprach.

Angebliche regionale Aspekte in der Berichterstattung

Der NDR betonte in seiner Antwort regionale Aspekte: "Die Sender haben in ihrer Berichterstattung über den Wettbewerb jeweils auch regionale Aspekte wie z.B. Nominierte und Gewinner aus dem jeweiligen Sendegebiet in den Vordergrund gestellt." Und der WDR wollte nichts sagen, weil der NDR verantwortlich war.

Renneberg  überzeugten die Antworten der Sender nicht: "Die ARD ist für die Grundversorgung zuständig, und dazu gehört nicht der Webvideopreis. Den Preis finde ich gut, aber das ist kein Grund, ihn vier Mal im Sommer spät am Abend zu zeigen. Mit Wiederholungen von 'Tatort' und 'Polizeiruf 110' wären die Sende besser gefahren."

Ihre Kommentare
Kopf

Jen

18.06.2015
!

Meine Güte, da machen die ÖRs EINMAL etwas Vernünftiges und nehmen Jugendkultur ernst und schon wird wieder gemeckert. Unglaublich.

Was viele nicht wissen: Viele dieser ominösen YouTuber machen "Quoten" nach denen sich jeder TV-Programmchef die Finger lecken würde. Das Interesse der (jungen) Bevölkerung ist also offensichtlich da & damit gehört eine (auch mehrfache) Übertragung selbstverständlich zum öffentlich-rechtlichen Versorgungsauftrag.


Olli Stinn

18.06.2015
!

Da verkennt die Professorin leider den Programmauftrag der Dritten, der regional begrenzt ist. Zudem kann man die einzelnen Dritten im Kabel mit einer Verbreitungsqoute von über 40 % auch nicht überall im Bundesgebiet empfangen. Insofern geht die Stellungnahme des BR, warum nicht weitere Dritte mit übertragen haben, vollkommen in die richtige Richtung.


Dirk Jung

20.06.2015
!

Ich habe selten so einen großen Unsinn von einer Professorin gelesen! Und Kress pflichtet bei??
Ich glaube, da haben diverse Leute den öffentlich-rechtlichen Rundfunk und besonders die Dritten Programme nicht verstanden.
Den Artikel habe ich nur gelesen, weil ich dachte "Meine Güte, echt jetzt - vier ÖR übertrugen den Webvideopreis live?!" Verschenkte Zeit des Lebens, als ich dann mitbekam, dass es um zeitgleich am nächsten Tag gezeigte Aufzeichnungen in den Dritten ging. Ärgerlicher Beitrag.


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