"Ich habe auch schon welche angerufen": Wie deutsche Redaktionen mit Trollen im Netz umgehen

19.06.2015
 

Wegen immer neuer Hass-Kommentare verlinken die "Lübecker Nachrichten" auf ihrer Facebook-Seite vorerst nicht mehr auf Berichte zum Thema Flüchtlinge in Lübeck. Zuletzt griffen immer mehr Trolle den Instagram Account von Bundeskanzlerin Angela Merkel an - und werden vom Social Media Team prompt gelöscht. In deutschen Redaktionen geht man unterschiedlich mit dem Thema um.

Wegen immer neuer Hass-Kommentare verlinken die "Lübecker Nachrichten" auf ihrer Facebook-Seite vorerst nicht mehr auf Berichte zum Thema Flüchtlinge in Lübeck. Zuletzt griffen immer mehr Trolle den Instagram Account von Bundeskanzlerin Angela Merkel an - und werden vom Social Media Team prompt gelöscht. In deutschen Redaktionen geht man unterschiedlich mit dem Thema um. kress.de gibt Einblicke in die Redaktion der "Passauer Neuen Presse" und in die Redaktion von Welt/N24.

Ludmilla Sawtschuk war einer der Propagandatrolle des Kremls - bezahlt dafür in Foren und sozialen Netzwerken weltweit die Meinung im Sinne Russlands zu beeinflussen. Vor kurzem traf es nun also den Instagram-Account der Kanzlerin: Auch da spammen mutmaßlich russische Trolle die Kommentarspalte zu, Sie werden schnell gelöscht: Mit Zensur habe das nichts zu tun, sagt Christiane Wirtz, stellvertretende Regierungssprecherin und mitverantwortlich für Merkels Account gegenüber heute.de. Sie beruft sich auf allgemeine Regeln, die für das Kommentieren auf Merkels Account gelten: "Bei einem Auftritt in den sozialen Medien einer deutschen Bundesregierung wird erwartet, dass man sich auf Deutsch austauscht." Neben Deutsch erlaube man darüber hinaus lediglich Kommentare auf Englisch - "eine durchaus gebräuchliche Sprache", so Wirtz in dem Interview weiter.

"Die Vormoderation bremst zwar die Diskussionen deutlich aus, hebt aber die Diskussionskultur"

Mit "Liebe Redaktion" begann eine Hassmail, die die Redaktion der Passauer Neuen Presse einmal bekam - und so nett ging es nicht unbedingt weiter. Der Leser schreibt: "Habt Ihr also meinen 2. Kommentar nicht veröffentlicht, wahrscheinlich hat Euch die Kritik an der goldenen Bundesregierung und der über Alles erhabenen EU nicht gepasst, oder wars die Ukraine die ich erwähnt habe? Paßt schon Ihr Lügenpresse, irgendwann und irgendwer wird auch Euch noch die Rechnung präsentieren für Eure Manipulationen. Nach 45, hat man auch die Redakteure von Der Stürmer und der völkische Beobachter abgeurteilt. Charakterlos, einfach charakterlos, daß Ihr Euren Kindern noch in die Augen blicken könnt, es wundert mich nichts mehr." Als Hassmailing würde Roland Mitterbauer, Produkt- und Projektmanager "Digitales" bei der "Passauer Neuen Presse", das nicht bezeichnen, sondern viel mehr als "nicht und noch seltener besonders geistreiche oder 'schöne' Kritik."

Bei dem Verlag dürfen alle Nutzer kommentieren - ohne eine Registrierung. Aber es gibt eine Vormoderation der Kommentare: Bei 6.000 Kommentaren im Monat lässt sich das "noch relativ gut" bewerkstelligen. "Bei sensiblen Themen wie tödlichen Unfällen und Asylbewerber-Themen schalten wir die Kommentarfunktion in der Regel aus. Außerdem werden Diskussionen nach einer Woche automatisch geschlossen", sagt Mitterbauer, der seit November 2014 als Produkt- und Projektmanager "Digitales" bei der Passauer Neuen Presse arbeitet und schon sein Volontariat im Haus absolviert hat.

"Die Vormoderation bremst zwar die Diskussionen deutlich aus, hebt aber die Diskussionskultur. Trolle ärgern sich und werfen uns Zensur vor, ziehen dann aber meist weiter und toben sich woanders aus", sagt er. Er schätzt, dass sie nur eine Handvoll Kommentatoren hätten, die wirklich als Trolle bezeichnet werden können. "Gelöscht werden von uns neben rechtlich problematischen Kommentaren auch persönliche Anfeindungen oder wenn sich jemand im Ton vergreift." Er fragt sich allerdings, ob das "Ausschalten der Störenfriede" auf Dauer der richtige Weg sei: "Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit vorsätzlichen Störenfrieden halte ich für unsinnig. Trollen kann ich ebenso wenig wie Radikalen und Fanatikern mit Argumenten begegnen", sagt Mitterbauer.

"Die Meisten sehen Fehler ein, wenn man sie persönlich anspricht"

Martin Hoffmann ist Leiter Social Media der WeltN24-Redaktion: "Ich habe auch schon Trolle angerufen, um sie zu fragen, warum sie sich so verhalten. Die Meisten sehen Fehler ein, wenn man sie persönlich anspricht", sagt Hoffmann. Gemeinsam mit drei weiteren Redakteuren beobachtet er die Facebook- und Twitter-Aktivitäten der Community. Künftig soll das Team noch wachsen, heißt es aus dem Verlag.

Lustige Kommentare werden auf der Facebook-Seite Der "Die Welt"-Praktikant gesammelt. Denn eine Interaktion mit den Usern ist der Redaktion wichtig. "Bei den Antworten, die "Die Welt" gibt, könnte man meinen, die Seite wurde von einem 12-Jährigen übernommen" schreibt etwa einer der User. Die Redaktion antwortet: "Wenn man zwölf rückwärts liest, heißt es 'flöwz' *kicher." Ernste Probleme habe die Redaktion aber kaum.

"Wir haben festgestellt, dass sich die User mittlerweile viel genauer überlegen, was sie schreiben. Natürlich gibt es zu Themen wie Pegida, Ukraine und Israel tendenziell viele Kommentare. Allerdings müssen wir genau schauen, ob die Kommentatoren tatsächlich Trolle sind oder wirklich ihren jeweiligen Standpunkt vertreten." In der Community gebe es oft einen Selbstreinigungseffekt, sagt Hoffmann.

Ihre Kommentare
Kopf

Daniel Grosse

19.06.2015
!

Liebe Kollegin Jakob,

schade, dass Sie nur bei den "Großen", nicht aber auch bei Machern von hyper- oder sublokalen Blogs nachgefragt haben, denn:

http://www.drehscheibe.org/seminarblog/?p=7171


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