Verleger Richard Rebmann im kress-Interview: Keine weiteren Pläne für Redaktionsfusionen

01.07.2015
 
 

Richard Rebmann gilt als Vater des "Neuen Stuttgarter Wegs". Dahinter verbirgt sich die Annahme, dass aus einer großen Redaktion tatsächlich zwei Zeitungen unterschiedlichster Färbung entstehen können. Aber wie soll das funktionieren? Und wird es zukünftig noch mehr Zusammenarbeit oder Zusammenlegungen von Redaktionen im riesigen Reich der Südwestdeutschen Medienholding geben?

Richard Rebmann gilt als Vater des "Neuen Stuttgarter Wegs". Dahinter verbirgt sich die Annahme, dass aus einer großen Redaktion tatsächlich zwei Zeitungen unterschiedlichster Färbung entstehen können. Aber wie soll das funktionieren? Und wird es zukünftig noch mehr Zusammenarbeit oder Zusammenlegungen von Redaktionen im riesigen Reich der Südwestdeutschen Medienholding geben? kress hat Verleger Richard Rebmann in Stuttgart getroffen.

"Wir wissen, wo wir hin wollen, aber im Moment ist es ein Programm"

Im Mittelpunkt des "Neuen Stuttgarter Wegs" steht die Verschmelzung der bislang voneinander unabhängigen Redaktionen der "Stuttgarter Zeitung" und der "Stuttgarter Nachrichten" im kommenden Jahr zu einer „flexiblen Gemeinschaftsredaktion“ unter der Leitung zweier Chefredakteure. Dafür sind die bisherigen Amtsinhaber Christoph Reisinger ("Stuttgarter Nachrichten") und Joachim Dorfs ("Stuttgarter Zeitung") gesetzt. Die Entscheidung sorgte in der Branche für viel Aufregung. Ein Vorbild für den "Neuen Stuttgarter Weg", zwei miteinander im Wettbewerb stehende Redaktionen zu fusionieren, zeitgleich aber beide Titel am Markt zu halten, gibt es nicht. Historisch fußt das Stuttgarter Modell genau auf dieser Konkurrenz.

Etwa fünfunddreißig Redakteure werden entlassen, rund fünfzehn neue Stellen sollen geschaffen werden (kress.de berichtete Anfang Juni exklusiv). Eine in Anbetracht der Marktherausforderungen unabdingliche Entscheidung, erklärt Richard Rebmann im Gespräch mit kress. Ohnehin scheint der 57-Jährige, der in einer Unternehmerfamilie aufwuchs, relativ gelassen in dem Wirbel zu stehen, den die Ankündigung seiner Holding hervorrief - Gewerkschaften und Journalistenverbände hatten die Maßnahmen scharf kritisiert. Beim kress-Besuch in Stuttgart wirkt Rebmann aufgeräumt. Die Zusammenlegung, betont er, basiere auf wirtschaftlichen Erwägungen, die eine Konzentration auf digitale Medien und Anpassungen an die veränderten Marktgesetze erforderten: "In jeden Titel getrennt zu investieren führt zu Doppelentwicklungen und so zu erhöhten Investitionen. Hinzu kommen natürlich Veränderungen in unserem Marktumfeld, wie die vermehrte Mobilität der Menschen sowie der Wettbewerb über die digitalen Medien. Und das alles hat Einfluss auf das Medienbudget der Nutzer", so Rebmann.

Diesen gesellschaftlichen Trends möchte die SWMH mit ihrem Programm der flexiblen Gemeinschaftsredaktion etwas entgegensetzen, um weiterhin aktiv selbstbestimmt zu gestalten und nicht getrieben zu werden. Wie genau sich das in der Praxis umsetzen lässt, kann Rebmann noch nicht vorhersehen: "Wir wissen, wo wir hin wollen, aber im Moment ist es ein Programm. Es wird eine Kunst sein, jeden Tag möglichst unterscheidbare und mit einem eigenständigen Profil versehene Zeitungen zu publizieren, nämlich einmal die 'Stuttgarter Zeitung' und einmal die 'Stuttgarter Nachrichten'."

"Eine Zeitung ist jeden Tag wie ein neuer Blumenstrauß auf dem Tisch"

Richard Rebmann ist ein nüchterner Mensch, ganz Wirtschaftsführer, ganz studierter Jurist, und er neigt nicht zu poetischen Metaphern. Wenn es allerdings um die Rolle geht, die eine Zeitung in der Gesellschaft spielen sollte, wird Leidenschaft spürbar: "Für mich ist eine gute Zeitung immer noch ein Angebot überraschender Vielfalt und natürlich dient sie auch der Chronistenpflicht. Sie ist jeden Tag wie ein neuer Blumenstrauß auf dem Tisch unserer Leser und hinterlässt bei ihm im besten Fall ein Gefühl der Bereicherung." Es gehe um ein intellektuelles Sich-Reiben, fährt er fort – etwas, dass er auch in seiner Freizeit genießt.

Die Liebe zum Printmedium und das Verlegertum wurden Rebmann quasi in die Wiege gelegt – er entstammt der Familiengesellschaft "Schwarzwälder Bote". "Es war und ist eigentlich bei uns Tradition gewesen, dass jemand aus der Familie auch in die Geschäftsführung kommt", erzählt er. Und setzte folgerichtig die Tradition fort. Unter seinen Händen wuchs die Gesellschaft stetig an, 2008 ging sie in der Südwestdeutschen Medienholding auf, die drei Ebenen von Zeitungen in sich vereint: Lokalzeitungen (wie "Schwarzwälder Bote" und die Verlagsgruppe Hof-Coburg-Suhl), anspruchsvolle Regionalzeitungen wie eben "Stuttgarter Zeitung" und "Stuttgarter Nachrichten" und die nationale "Süddeutsche Zeitung", die in Bayern und in München wiederum in Teilen Regionalzeitung, sogar Lokalzeitung ist. Seine Tage haben mindestens zwölf Stunden, oft mehr, dazu kommen häufige Abendtermine, aber die, so Rebmann, seien ja keine reine Arbeit, sondern oft auch Bereicherung. 

"Wir sind vielmehr ein großer Familienbetrieb als ein Konzern"

Der Großteil seiner Zeit fließt allerdings in das für Laien komplexe Medienimperium, dessen Vorsitz Rebmann innehat. Das Zentrum der SWMH liegt in Stuttgart, seine Arme reichen von Ulm bis nach Ludwigshafen, von Göppingen bis nach München. Dennoch, betont Rebmann, sei der Tonfall zwischen der Medien Union und der Gruppe Württembergischer Verleger,  zu der etwa vierzig Einzelgesellschafter gehören, beinahe familiär: "Die Beteiligten kennen sich über Jahrzehnte hinweg. Und man weiß relativ genau, wer welche Befindlichkeiten hat und wie man miteinander umgeht. Das ist alles wesentlich weniger formal als sich das in einem Beteiligungsschema vielleicht auf den ersten Blick darstellt. Wir setzen uns kollegial mit den Themen auseinander. Wir sind vielmehr ein großer Familienbetrieb als ein Konzern."

Bei derartigen "Familientreffen" geht es aktuell unter anderem auch um die Fragen der Rentabilität und die Zukunft der regionalen Sonntagszeitung "Sonntag Aktuell": "Wir haben noch keine endgültige Entscheidung getroffen", sagt Richard Rebmann. "Wir haben verschiedene Überlegungen, was wir mit dem Sonntag machen, aber die Ergebnisse der Marktforschung sind noch nicht abgeschlossen."

Haaks- und Jaschke-Abgang: "Das hat weder inhaltlich noch zeitlich etwas miteinander zu tun"

Der Geschäftsmann lässt sich sichtlich ungern in die Karten schauen, vor allem nicht mitten massiver Umbrüche wie denen, denen sich die SMWH dieser Tage ausgesetzt sieht. Zuerst der im März angekündigte abrupte Wechsel in der Führungsebene, bei dem zeitgleich "Süddeutsche"-Chef Detlef Haaks und der Geschäftsführer der Medienholding Süd, Martin Jaschke, das Unternehmen verließen, und nun die Zusammenlegung zweier in ihrer DNA unterschiedlichen Zeitungen. Wie kommt es, dass Haaks und Jaschke gehen müssen und zeitgleich in Stuttgart kein Stein auf dem anderen bleibt? "Das hat weder inhaltlich noch zeitlich etwas miteinander zu tun. Es sind laufende Prozesse und da kommt es gelegentlich, wenn man das von außen betrachtet, zu unglücklichen zeitlichen Überschneidungen, so dass man Zusammenhänge vermuten könnte, die es nicht gibt. Herr Dr. Haaks hatte als Geschäftsführer der SZ mit dem Projekt nur bedingt zu tun. Und Herr Dr. Jaschke hat das Thema gemeinsam mit den Chefredakteuren im Wesentlichen mitentwickelt und vorangetrieben und in der jetzigen Zwischenphase übernehme ich seine Funktion mit den Chefredakteuren zusammen in dem Programm, insgesamt gibt es dadurch überhaupt keinen Bruch."

Bekenntnis zu den Fachverlagen, aber...

In all der Bewegung, die derzeit in der SMWH herrscht, scheint vieles noch unklar zu sein. Das deutet sich auch bei dem Thema der Fachverlage an. Generell bekenne sich die Holding zu ihren Fachverlagen, so Rebmann, denn sie seien ein stabileres Geschäft als Tageszeitungen und folglich ein probates Mittel zur Risikostreuung. Und doch ... "Wir haben wahrscheinlich deutlich über zweihundert Einzeltitel, in der Branche der Fachinformationen war es schon immer üblich Titel auszutauschen, einzustellen und zusammenzuführen. Zu dem Unternehmensbereich Fachverlage stehen wir als SWMH-Gruppe, das ist eine deutliche Stärkung unseres Unternehmens."

Viele Bereiche der anstehenden Veränderungen bleiben vage, lediglich die Frage, ob es noch weitere Redaktionszusammenlegungen geben wird, beantwortet Rebmann relativ klar: "Über das Ihnen bekannte Redaktionsprojekt hier in Stuttgart hinaus gibt es keine Planungen Redaktionen zusammenzulegen oder stillzulegen oder was auch immer."

Bülend Ürük; Mitarbeit: Marc Bartl, Tania Witte

 

Ihre Kommentare
Kopf
Weitere Beiträge zu diesem Thema
Kressköpfe dieses Artikels
  • Noch kein kresskopf?

    Logo
    Dann registrieren Sie sich kostenlos auf kress.
    Registrieren
Inhalt konnte nicht geladen werden.