Kritik an öffentlich-rechtlichen Polit-Magazinen: "Rechercheverbund von WDR, NDR und SZ braucht mehr Flexibilität"

 

In einer Studie der Otto-Brenner-Stiftung hat sich der Medienwissenschaftler und Journalist Bernd Gäbler mit den Polit-Magazinen im deutschen Fernsehen auseinandergesetzt. Gäbler kritisiert Macher und Sender gleichermaßen. Ob "Monitor", "Kontraste" oder "Spiegel TV", alle Magazine hätten im Vergleich zu früher an Bedeutung verloren.

 In einer Studie der Otto-Brenner-Stiftung hat sich der Medienwissenschaftler und Journalist Bernd Gäbler mit den Polit-Magazinen im deutschen Fernsehen auseinandergesetzt. Die Arbeit des Rechercheverbunds von WDR, NDR und "Süddeutscher Zeitung" hält er für verbesserungswürdig.

"Zu sehr auf Verbraucher- und Gesundheitsthemen fokussiert"

Bernd Gäbler hat mit seiner Studie "Den Mächtigen unbequem sein" eine ausführliche Studie zu den Politik-Magazinen im deutschen Fernsehen verfasst. Gäbler kritisiert Macher und Sender gleichermaßen. Ob "Monitor", "Kontraste" oder "Spiegel TV", alle Magazine hätten im Vergleich zu früher an Bedeutung verloren. Zum einen läge das an der veränderten Medienlandschaft, zum anderen am Umgang der Sender mit den Magazinen: "Die Magazine fallen oft aus, werden spät gesendet und vor allem bei der ARD ist einen  Markenbildung durch die verschiedenen Magazine kaum möglich." Die Macher, sagt Gäbler, würden zu sehr auf Verbraucher- und Gesundheitsthemen setzen. Dort stünden dann Einzelschicksale und weniger politische Analysen im Zentrum. "Viele Beiträge laufen nach dem Motto 'Wer weint hat Recht'. Es ist tragisch, wenn ein Rentner von einem Menschen betrogen wird, dem er eine Konto-Vollmacht ausgestellt hat. Ein politisches Problem ist das nicht, sondern eher ein Beispiel von Alltagskriminalität."

Gute Gründe für die öffentlich-rechtlichen Anstalten, Partnerschaften mit leistungsstarken Redaktionen einzugehen und so von der Zusammenarbeit zu profitieren. Der Westdeutsche und der Norddeutsche Rundfunk kooperieren seit vergangenem Jahr mit der "Süddeutschen Zeitung". Leiter des Verbundes ist der ehemalige Spiegel-Chef Georg Mascolo. WDR-Intendant Tom Buhrow war bei der Vorstellung des Projekts regelrecht euphorisch: "Ich freue mich außerordentlich über diese Partnerschaft. Wir bündeln unsere Kräfte in Hörfunk, Fernsehen und Print und machen den Recherchepool zu einem crossmedialen Vorzeigeprojekt für Qualitätsjournalismus."

"Rechercheverbund nutzt den Nachrichtensendungen mehr als den Polit-Magazinen"

Nun gießt Bernd Gäbler in seiner Studie Wasser in den Wein. "Der Rechercheverbund hat hervorragende Geschichten wie ein großes Interview mit dem deutschen Islamisten Erhan A. geliefert, aber von dieser Arbeit konnten die Magazine bislang kaum profitieren. Der Rechercheverbund nutzt den Nachrichtensendungen mehr als den Polit-Magazinen. 'Monitor' brachte das Interview einen Tag nach dem 'SZ-Magazin'. Die 'Süddeutsche' hatte den großen Aufschlag,' Monitor' durfte erst später folgen." Seine Stärken könnte der Rechercheverbund besser ausspielen, wenn die ARD flexibler wäre: "Hat der Verbund eine spannendes Stück recherchiert, müsste es schnell ins Abendprogramm gesetzt werden." Und es sollte auch egal sein, welches der Magazine an der Geschichte mitgearbeitet hat: "Da sollte redaktionsübergreifend zusammen gearbeitet werden." Aber dafür seien die ARD-Sender nicht flexibel genug.

NDR: "Von solchen Kooperationen profitiert immer die Recherche und damit auch der Zuschauer"

Beim NDR kann man die Kritik von Gäbler nicht nachvollziehen: "Bei der Vielzahl der heutzutage vorhandenen Ausspielwege wird die generelle Wahrnehmbarkeit eines Themas durch crossmediale Verbreitung gestärkt." Beim WDR verweist man auf die langjährigen guten Erfahrungen mit Recherchekooperationen: "Recherche-Kooperationen gibt es bei 'Monitor' schon seit vielen Jahren. Ob mit Kollegen und Kolleginnen des 'Spiegel', des NDR, der WAZ oder der 'SZ': Von solchen Kooperationen profitiert immer die Recherche und damit auch der Zuschauer, zumal komplexe Recherchen mit internationalem Bezug von einzelnen Redaktionen oft nur schwer zu stemmen sind." Den Vorwurf Gäblers , man fokussiere sich zu stark auf Gesundheitsthemen wischt der WDR beiseite: "Wenn ein 'Nachgefragt' zu einer MONITOR-Enthüllung zum Thema 'Zustände in der Kinderpsychiatrie in den Nachkriegsjahren' in die Rubrik "Gesundheit" eingeordnet wird und als 'serviceorientiert' gilt, ist das aus unsere Sicht nicht die richtige Kategorisierung. Die Feststellung, dass Magazine wie MONITOR 'unpolitischer' geworden seien, können wir ebenso wenig nachvollziehen. Für ein Magazin wie MONITOR lässt sich diese Aussage jedenfalls sicher nicht aufrechterhalten."

Gäbler ist indes verwundert über die Reaktion von "Monitor": "Die Studie hat 'Monitor' gerade davon ausgenommen, ein Übergewicht auf Gesundheitsthemen zu legen."

Bernd Gäbler, geboren 1953, studierte Soziologie, Politologie und Pädagogik in Marburg und Bonn. Anschließend war er als Journalist für Printmedien und für das Fernsehen (von "Schreinemakers live" bis "ARD-Presseclub") tätig. Von 1997 bis 2001 leitete er das Medienressort der Zeitung "Die Woche", von 2001 bis 2005 war er Geschäftsführer des Grimme-Instituts in Marl. Seit 2005 arbeitet Bernd Gäbler als freier Publizist (u.a. stern.de, Tagesspiegel, radio eins) und lehrt Journalistik an der FHM Bielefeld. Seit 2011 ist er dort Honorarprofessor. Er lebt in Bremen.

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