Buch-Besprechung von "Constructive News": "Der Enthusiasmus von Haagerup ist ansteckend und inspirierend"

13.07.2015
 
 

Beim Erscheinen der englischsprachigen Ausgabe löste "Constructive News" kontroverse Diskussionen aus. Die einen waren begeistert, die anderen kanzelten den Ansatz ab – nicht zuletzt, weil der Autor Ulrik Haagerup so vielem gegenübersteht, was die Journalistenschulen seit Jahrzehnten lehren. Dem vielbeschrienen Satz "If it bleeds, it leads" zum Beispiel, oder dem Glauben, dass positive Berichterstattung ein Schulterschluss mit den Mächtigen und kein Journalismus, sondern Werbung sei.

Wie wichtig konstruktive statt destruktiver Kritik ist, wie viel weiter man mit Lob als mit fortgesetztem Tadel kommt – in der Erziehung ist dieses Wissen seit Jahrzehnten fest verankert. Dennoch haben gerade die großen Wissensvermittler, die Aufklärer und die Meinungsmacher unserer Tage, vulgo: die Medien und damit die journalistische Zunft, diesen fundamentalen Kunstgriff verlernt. Findet Ulrik Haagerup, seit 2007 Nachrichtenchef des dänischen öffentlich-rechtlichen Rundfunks DR, der nicht zuletzt dank Serienhits wie "The Killing" und "Borgen" binnen weniger Jahre zum internationalen Trendsetter in Sachen moderner Medienvermittlung avancierte. Haagerup, der vor seinem Einstig bei DR unter anderem Chefredakteur der Tageszeitung "Jyllands-Posten" und der dänischen Regionalmediengruppe Nordjyske war und sich jahrelang dem investigativen Journalismus verschrieben hatte, entdeckte 2008 das Modell der konstruktiven Berichterstattung für sich. Binnen kürzester Zeit führte er es in seiner Sendeanstalt ein – mit beachtlichem Erfolg.

Über seine Erfahrungen hat er ein Buch geschrieben, das gerade auf Deutsch erschienen ist (kress.de berichtete). "Constructive News" heißt es und, im Untertitel, "Warum 'bad news' die Medien zerstören und wie Journalisten mit einem völlig neuen Ansatz wieder Menschen berühren". Darin legt Haagerup aus, woher die zunehmende Medienverdrossenheit in unserer Gesellschaft rührt, spricht vom "Trust Meltdown" gegenüber den Medien und der zunehmenden Verflachung und Sensationsgier der Nachrichtenkultur, die zu einer Tabloidisierung selbst seriöser Printmedien führe. Die Hauptaufgabe des Journalismus in der Vergangenheit war es, Probleme aufzudecken, schreibt er. Im Gegensatz dazu scheine es heute, als würden Probleme kreiiert, um Quote zu machen. Das verleiht den Medien eine Macht, die in dem Schlagwort "Mediendemokratie" mündet, das Haagerup gerne gebraucht. Politikerinnen und Politiker wollen gewählt werden, den Medienmachenden geht es um eine möglichst hohe Auflage/Quote und voilà: Menschen glauben den Medien nicht mehr und Politikerinnen und Politiker rangieren gleich neben der "Journaille" am unteren Ende der Beliebtheitsskala. Dafür fürchten sich die Menschen auf der anderen Seite über die Maßen und vollkommen unangemessen vor den vermeintlichen Gefahren einer Welt, die in einer Abwärtsspirale aus Korruption, Tätern, Unfällen, Opfern, Dramen und Gewalt zu rotieren scheint. Soweit Haagerups Fazit, bis dahin unkonstruktiv.

Konstruktiv ist, dass das nicht so bleiben muss, denn nach Haagerups Erfahrung dürsten die Menschen nach etwas recht Simplen: Hoffnung und Inspiration. Sie wollen nicht nur Probleme gezeigt bekommen, sondern auch Lösungsvorschläge, wollen nicht deprimiert, sondern motiviert werden. Dem kontinuierlichen Bombardement von "Was geht schief?" fügt der konstruktive Journalismus ein "Wie können wir es ändern?" hinzu, der kontinuierlichen Wiederholung immer gleicher, disfunktionaler Strategien setzt er eine Richtungsänderung mit alternativen Handlungsmodellen entgegen. Es geht darum, nach "Geschichten zu suchen, die zu nächsten Schritten und Lösungen anregen können", schreibt Haagerup. "Constructive News richten ihr Augenmerk auf ein besseres Morgen. Das gibt dem Jetzt eine Perspektive, ohne die Vergangenheit zu ignorieren."

In seinen Vorträgen zum Thema plädiert er dafür, die Welt mit beiden Augen zu sehen, nicht nur mit einem – unabhängig davon, ob dieses eine das allzeit destruktive oder das allzeit konstruktive sei. Dass die Theorieführung hin und wieder eindimensional anmutet, ist wohl einer leichten Zugänglichkeit geschuldet und auch Haagerups Argumentationskette ist nicht allzeit mit haltbaren Fakten belegt, doch sie bleibt nachvollziehbar und bedenkenswert. Der Enthusiasmus des 52jährigen ist ansteckend und inspirierend. Er untermauert seine Forderung nach einer vielseitigeren Berichterstattung mit Forschungsergebnissen von Zukunftsforscherinnen und Professoren für Positive Psychologie, mit Zitaten von Medienschaffenden und Medienkonsumierenden. Illustriert wird das Ganze anhand konkreter Beispiele für die Wirksamkeit konstruktiver medialer Manipulation. Die stammen vornehmlich aus Dänemark, doch Haagerup beruft sich auch auf Studien aus den USA, und Erfahrungen in Österreich und Deutschland, wo der Autor beispielsweise das Boomen der "Zeit" der kontinuierlich sinkenden Auflage des "Spiegel" gegenüberstellt.

Beim Erscheinen der englischsprachigen Ausgabe löste "Constructive News" kontroverse Diskussionen aus. Die einen waren begeistert, die anderen kanzelten den Ansatz ab – nicht zuletzt, weil er so vielem gegenübersteht, was die Journalistenschulen seit Jahrzehnten lehren. Dem vielbeschrienen Satz "If it bleeds, it leads" zum Beispiel, oder dem Glauben, dass positive Berichterstattung ein Schulterschluss mit den Mächtigen und kein Journalismus, sondern Werbung sei. Von "Naivität" war da die Rede, von "Schönfärberei" und "Happy News", selbst Nordkoreavergleiche wurden nicht gescheut. Diese Angst ist nicht ganz unbegründet, denn konstruktive Nachrichten sind ein Vabanquespiel, wie Haagerup selbst einräumt, denn sie seien, schreibt er im letzten Teil des Buches, in dem es um die praktische Umsetzung geht, "leicht zu fordern, [aber] schwer umzusetzen".

Seine Gedankengänge mögen streitbar sein, doch im Endeffekt sind es oft die Kritisierenden, die auf nur einem Ohr hören – und wieder geht es dabei um Angst: Die vor dem Verlust der journalistischen Ehre, die vor weichgespültem Feel-Good-Getue. Doch wer das andere Ohr öffnet, wird sehen, dass es Haagerup genau darum nicht geht. Laut und deutlich plädiert er für eine Verschmelzung und einen fundierten "kritisch konstruktiven Journalismus". Empowerment statt Depowerment, Dafür statt Dagegen. Das alles allerdings, und hier liegt der Schlüssel zum Glück, ausbalanciert.

Die deutsche Fassung von "Constructive News" erscheint im Medienfachverlag Oberauer und kann im Online-Shop für 24,90 Euro geordert oder über vertrieb(at)oberauer.com bestellt werden.

 

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