Studie der Otto Brenner Stiftung: Erfüllen MDR und WDR ihren Programmauftrag?

 

Die Otto Brenner Stiftung hat die Berichterstattung von MDR und WDR untersucht und Human-Touch-Themen, Ratgebersendungen und viele Wiederholungen statt Informationsbeiträgen gefunden. "Die vorliegende Studie lässt Zweifel daran aufkommen, ob der WDR und insbesondere der MDR ihrem Programmauftrag in vollem Umfang gerecht werden", sagt Jupp Legrand, Geschäftsführer der Otto Brenner Stiftung.

Die Otto Brenner Stiftung hat die Berichterstattung von MDR und WDR untersucht und Human-Touch-Themen, Ratgebersendungen und viele Wiederholungen statt Informationsbeiträgen gefunden.

Sie gehören zu den meistgenutzten und erfolgreichsten Fernsehprogrammen, was Reichweite und Marktanteil angeht: die öffentlich-rechtlichen dritten Programme.

Bereits 2013 untersuchte die Otto Brenner Stiftung darum die Programmstruktur und Themenauswahl von SWR und NDR und veröffentlichte als Ergebnis die Studie "Zwischen Boulevard und Ratgeber-TV" vor, die für große Aufmerksamkeit und kontroverse Diskussionen sorgte.

Jetzt legte die Otto Brenner Stiftung in Kooperation mit dem Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der FU Berlin nach. Die Autoren der Studie, Professor Joachim Trebbe, Anna Beier und Matthias Wagner von der Arbeitsstelle Medienanalyse/Forschungsmethoden, schauten sich über den Zeitraum von einer Woche die Inhalte der Programme von WDR Köln und MDR Sachsen-Anhalt ganz genau an.

Im Fokus standen die allgemeine Programmstruktur und Themenauswahl sowie die abendlichen Landesmagazine und Landesnachrichten. Das Ergebnis der Untersuchung: "Die vorliegende Studie lässt Zweifel daran aufkommen, ob der WDR und insbesondere der MDR ihrem Programmauftrag in vollem Umfang gerecht werden", sagt Jupp Legrand, Geschäftsführer der Otto Brenner Stiftung.

Kress.de fasst die wichtigsten Befunde zusammen

1. WDR und MDR können ihren Sendebetrieb nur durch sehr häufige Wiederholungen und Übernahmen aus den anderen Programmen der ARD und dem Ersten Programm der ARD aufrechterhalten. Beim WDR besteht mehr als 17 Prozent des Gesamtprogramms aus den Wiederholungen der Lokalmagazine der Regionalstudios. Ein ähnliches Vorgehen findet man auch beim MDR - jedoch in deutlich geringerem Maße von nur vier Prozent. Darüber hinaus werden im Programm des WDR etwa zehn Prozent der Sendungen mehrmals an einem Tag gezeigt, im Programm des MDR sind es 16 Prozent. Alles in allem bestehen beim MDR nur 62 Prozent und beim WDR nur 66 Prozent der Sendezeit aus originären Erstsendungen.

2. Wie schon in der Vorgängerstudie von 2013 entdeckten die Forscher auch im Programm von WDR und MDR viel Human-Touch-Berichterstattung, wobei es vor allem um Stars und Prominenz und weniger um Angstthemen wie Kriminalität, Unfälle und Katastrophen geht: Die Anteile an weichen Themen machen im Programm des WDR Fernsehens etwa 18 Prozent der Sendezeit aus, beim MDR sind es 17 Prozent. Die Autoren sprechen von "einem ähnlichen Ausmaß wie bei der privaten Konkurrenz".

3. Der Informationsanteil beim WDR liegt mit rund 50 Prozent deutlich unter dem kolportierten Informationsanteil von bis zu 70 Prozent. Beim MDR beträgt er sogar nur 37 Prozent. Bezieht man sich ausschließlich auf politische Information und Berichterstattungen über gesellschaftlich kontrovers diskutierte Themen und lässt die häufig gesendeten Ratgebersendungen außen vor, sinkt der Programmanteil bei WDR und MDR sogar auf nur rund 15 Prozent. Unter den bisher untersuchten Sendern ist der MDR mit Abstand der unterhaltungsorientierteste.

4. Der WDR kann mit einer umfangreichen Lokalberichterstattung aufwarten - die regionalspezifischen Inhalte liegen bei rund 42 Prozent der untersuchten Sendezeit. Mehr als 45 Minuten eines Sendetages bestehen aus subregional produzierten Magazinen und Nachrichten. Die ist auf die Existenz der elf Regionalstudios zwischen Bielefeld und Bonn zurückzuführen. Bei der Auswahl der Themen geht es vor allem um politische und gesellschaftlich-kontroverse Themen. Im MDR hingegen dominieren Sachthemen und Ratgeberbeiträge.

5. Fiktionale Unterhaltung spielt - im Vergleich zu den bundesweiten öffentlich-rechtlichen und privaten Programmen - eine sehr untergeordnete Rolle. Die journalistische Berichterstattung, also Nachrichten, Magazine, Talk- Shows, Dokumentationen und Reportagen, ist die Domäne der Dritten Programme, allen voran die des WDR, der ihr 77 Prozent der täglichen Sendezeit widmet. Beim MDR ist dieser Anteil mit 64 Prozent deutlich geringer, er hat mit 26 Prozent die meisten Filme und Serien im Programm, beim WDR sind es 15 Prozent.

6. Nachrichtenformate nehmen auf beiden Senden rein quantitativ gesehen nicht viel Platz ein. Fünf Prozent der Gesamtsendezeit sind es beim MDR, vier Prozent beim WDR. Auch Sportsendungen spielen auf beiden analysierten Sendern mit drei bzw. fünf Prozent nur eine geringe Rolle. Häufiger zu sehen sind Talk- und Interviewformate mit fünf Prozent beim WDR und sieben Prozent beim MDR. Reportagen und Dokumentationen findet man im WDR mit 13 Prozent der Sendezeit vergleichsweise häufig. Im MDR Fernsehen sind es nur sieben Prozent.

7. Bei beiden Sendern überwiegt eine nicht tagesaktuelle Berichterstattung. Beim WDR Fernsehen fehlt 35 Prozent der Beiträge der aktuelle Anlass, sie sind ganz allgemein sach-, service- oder problemorientiert. Beim MDR liegt der Wert bei 22 Prozent.

Das sagt der WDR

Der WDR äußerte sich auch Anfrage von kress.de und sagte, die Schlussfolgerung der Otto-Brenner-Stiftung, es gebe eine Lücke zwischen Programmauftrag und Programmrealität, sei durch die Ergebnisse der Studie nicht gedeckt: "Die Frage "Information oder Unterhaltung?", die die Studie in ihrem Titel stellt, lässt sich bezogen auf den Programmauftrag des WDR zudem klar beantworten: Sowohl als auch. Laut WDR Gesetz, § 4 Programmauftrag, haben die Angebote des WDR "der Information, Bildung und Unterhaltung zu dienen".

Weiterhin heißt es in der Stellungnahme: "Die aktuelle Studie unterstreicht die Informationsleistung des WDR. Sie bescheinigt dem WDR Fernsehen den "größten Anteil besonders relevanter, gesellschaftlich-kontroverser Themen " im Vergleich zu allen bisher untersuchten dritten Programmen." Zudem lobe sie die besonders ausdifferenzierten Regionalberichterstattung, in der zudem auch kontroverse und politische Themen dominieren. Auch mit dem Informationsanteil des Senders sei man zufrieden: Eine regelmäßig durchgeführte Programmanalyse auf Basis der AGF-Programmcodierung, die nicht nur wie die Studie der Brenner-Stiftung einen kurzen Zeitraum von einer Woche umfasse, sondern das gesamte Programmangebot des WDR Fernsehens im Jahr 2014, habe ergeben, dass 76 Prozent des täglichen Angebots auf Informationssendungen entfalle.

Auch der "Human-Touch"-Begriff der Studie sei, so der WDR, sehr weit gefasst. Die Autoren zählten dazu "Menschen und Emotionen", sowie Doku- und Reportage-Formaten wie "Menschen hautnah".

Der MDR will im Laufe des Tages eine Stellungnahme veröffentlichen.

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