"Süderländer Tageblatt": Wo Frauen das Sagen haben

05.08.2015
 

Die kleinste Tageszeitung Nordrhein-Westfalens hat eine Auflage von knapp 5.500 und wird in Plettenberg im Sauerland produziert. Sie ist seit Jahrzehnten ein Familienbetrieb - mit der 90-jährigen Valerie Hundt als Senior-Verlegerin. Beim Ortsbesuch sah sich kress.de in den Redaktionsräumen und unter den resoluten Machern des "Süderländer Tageblatt" um.

Die kleinste Tageszeitung Nordrhein-Westfalens hat eine Auflage von knapp 5.500 und wird in Plettenberg im Sauerland produziert. Sie ist seit Jahrzehnten ein Familienbetrieb - mit der 90-jährigen Valerie Hundt als Senior-Verlegerin. Beim Ortsbesuch sah sich kress.de in den Redaktionsräumen und unter den resoluten Machern des "Süderländer Tageblatt" um.

Manchmal kommt es vor, dass die mittlerweile gerade 90-jährige Valerie Hundt noch in den Redaktionsräumen in einem Stadtgebäude vorbeischaut, das als Bauernhof gebaut wurde, um sich von den Mitarbeitern auf den neuesten Stand bringen zu lassen – und Veränderungen, die sich im Zuge des digitalen Wandels eingestellt haben, zu bestaunen.

Dabei war sie an manch einem Wandel nicht ganz unbeteiligt – und stellte eigene Weichen für den Erfolg der Zeitung: 1994 änderte sie das Erscheinen von der Mittagszeit auf eine Auslieferung am frühen Morgen - als eine der letzten Zeitungen in Nordrhein-Westfalen. Valerie Hundt, deren Mann schon 1978 starb und von dem sie die Geschäfte übernahm, entschied aber auch, dass der Bleisatz nicht mehr zeitgemäß sei und man auf die digitale Produktion umgestellen müsse.

Noch keine Nachfolger

Mittlerweile ist Camilla Hundt, die Tochter, Verlegerin und Geschäftsführerin des "Süderländer Tageblattes" – eine Familiengeschichte, aber auch ein Erfolg für die Frauen, noch bevor es die Frauenquote überhaupt gab. Gemeinsam mit ihrem Mann, Stefan Aschauer-Hundt, der für die Redaktion verantwortlich ist, führt sie seit mittlerweile 15 Jahren den Familienbetrieb fort und das sehr erfolgreich: "Wir versuchen in der sich wandelnden Medienwelt zurecht zu kommen, setzen auch auf soziale Medien und künftig auf eine Paywall für unsere Produkte", sagt Redaktionsleiter Stefan Aschauer-Hundt. 

Aber es gehe eben alles langsamer als bei anderen Medien. "In unserer Redaktion gibt es keine Hierarchie, das bedeutet aber auch, dass jeder alles machen muss, wie in einem Startup." Ein Startup wohlgemerkt, das es schon seit 1837 gibt, so dass jeder der 18 Angestellten im Hause in jedem Fall eine Zeitung machen kann, Social-Media-Redakteur ist, aber auch mal die Anzeigen verkauft oder die Zeitung in den Briefkästen verteilt.

Jeder muss fast alles können

"Klar sind wir ein Startup. Jeden Tag aufs Neue. Mit tausend Gründen, warum etwas nicht funktioniert. Mit tausend Ideen, es doch irgendwie zu schaffen. Mit der Naivität, querzudenken. Mit dem Ehrgeiz, solange zu tüfteln, bis es eben klappt", sagt Aschauer-Hundt. Eine Diskussion um die Nachfolge gebe es noch nicht: "Wir sind noch zu jung – und Spaß macht es uns auch."

Verena Renneberg: "Gesellschaftlich sehr wichtig"

Das hat Erfolg: In Plettenberg und Umgebung ist das Süderländer Tageblatt mittlerweile die einzige Tageszeitung die sich halten konnte, die "Westfälische Rundschau" hat aufgegeben. "Aus gesellschaftlicher Sicht sind sie sehr wertvoll", sagt die Berliner Journalistik-Professorin Verena Renneberg. Verleger müssten selbst entscheiden, wie lange sich eine kleine Zeitung noch lohnt.

"Das 'Süderländer Tageblatt' scheint journalistisch betrachtet jedenfalls eine Bereicherung zu sein", sagt Prof. Renneberg. Die Kreativität und Auszeichnungen sowie das Durchhaltevermögen sprechen für sich: 2010, 2011 und 2015 gab es den Lokaljournalistenpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung in den Kategorien Zeitgeschichte, lokale Wirtschaftsberichterstattung und Inklusion, weitere Auszeichnungen für einzelne Redakteure folgten.

Angst davor, dass den Redakteuren irgendwann Klüngelei mit den einflussreichen Menschen der Stadt vorgeworfen wird, hat Stefan Aschauer-Hundt nicht: "Wir drehen jeden Stein um, egal ob es denen passt oder nicht."

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