Diskussionen um Studie der Otto-Brenner-Stiftung: Wofür stehen MDR und WDR?

13.08.2015
 
 

Mit ihrer Studie zum Programm von WDR und MDR hat die Otto-Brenner-Stiftung in ein Wespennest gestochen - vor allem mit der brisanten Frage, ob die ARD-Töchter ihren Programmauftrag überhaupt noch erfüllen. Die Debatte um die Schlussfolgerungen aus der Untersuchung - und die vermeintlich nicht ganz saubere Methodik - ist nun voll entbrannt. 

Mit ihrer Studie zum Programm von WDR und MDR hat die Otto-Brenner-Stiftung in ein Wespennest gestochen - vor allem mit der brisanten Frage, ob die ARD-Töchter ihren Programmauftrag überhaupt noch erfüllen. Die Debatte um die Schlussfolgerungen aus der Untersuchung - und die vermeintlich nicht ganz saubere Methodik - ist nun voll entbrannt. 

Für einigen Diskussionsstoff sorgten die Ergebnisse der Studie "Information oder Unterhaltung" der Otto-Brenner-Stiftung über die Berichterstattung von WDR und MRD in der vergangenen Woche: Die Studie war kürzlich zu dem Ergebnis gekommen, dass Human-Touch-Themen, Ratgebersendungen und viele Wiederholungen stärker das Programm von WDR und MDR prägten als die Informationsbeiträge. Jupp Legrand, Geschäftsführer der Stiftung zweifelte zudem an, dass die beiden Sender - insbesondere der MDR - ihrem Programmauftrag in vollem Umfang gerecht würden.

Der Autor der Studie, der Kommunikationswissenschaftler Joachim Trebbe von der Freien Universität Berlin, sagte im Gespräch mit dem Deutschlandfunk, dass er selbst "nicht unbedingt zu diesem Fazit kommen" würde. "Also in der Studie selbst ist auch eine Zusammenfassung von mir und da kommt das so nicht vor", sagte Trebbe im Interview. Er fände die Zuspitzung allerdings "in Ordnung".

"Medienpolitische Diskussion" sollte angestoßen werden

Legrand sieht indes keinen Widerspruch: "Der renommierte Medienexperte Prof. Dr. Trebbe liefert mit seinen Analysen seriöse Daten und interessante Fakten. Auf der Basis seiner Analysen schreibt die OBS ein Vorwort, das gelegentlich von den Sendern als politische Übertreibung oder ungerechtfertigte Zuspitzung kommuniziert wird. Beide Vorwürfe tragen nicht: Alle inhaltlichen Aussagen im Vorwort sind durch die Ergebnisse der Untersuchung gedeckt. Mit der Konzentration auf wesentliche Punkte wollen wir eine medienpolitische Diskussion erreichen. Alle Versuche der Sender, zwischen dem Autor und der Stiftung einen Keil zu schlagen, sind zum Scheitern verurteilt."

"OBS vergibt keine Auftragsarbeiten"

Der Geschäftsführer der Otto-Brenner-Stiftung wehrt sich im Gespräch mit kress.de zudem gegen die Kritik der Sender, die Studie sei durch Gewerkschaftsnähe beeinflusst: "Manche Sender-Reaktion, zum Beispiel die Stellungnahmen vom MDR, fallen auf den Urheber zurück: Mit dem Hinweis auf die Gewerkschaftsnähe der OBS die Seriosität der Ergebnisse und die Professionalität des Forschers in Zweifel zu ziehen, unterstreichen die Ahnungslosigkeit über den Wissenschaftsbetrieb und zeigen die Hilflosigkeit der Sender, konstruktiv und angemessen mit Kritik umgehen zu können. Die OBS vergibt keine Auftragsarbeiten, die sie dann politisch ausschlachtet. Wir bewegen uns im engen Rahmen unserer Satzung, unterliegen strengen Prüfungen und veröffentlichen die Ergebnisse unserer Forschungsförderung ungefiltert – und selbstverständlich auch ohne politische Färbungen. Wer etwas anderes unterstellt oder öffentlich behauptet, ist unglaubwürdig, handelt unseriös und will nur ablenken von eigenen Schwächen und Unzulänglichkeiten – die ja für den MDR immer wieder Gegenstand der öffentlichen Debatte waren."

Legrand geht in die Offensive und fordert die Sender auf, statt zu lamentieren, sich aktiv mit den Ergebnissen der Studie auseinanderzusetzen: "Anstatt öffentliche Scheingefechte über Methoden-Fragen anzuzetteln oder abzulenken durch politische Irreführungen, sollten die Sender (hausinterne Medienforscher, Programm-Macher, Gremien) das Team um Trebbe zur öffentlichen Präsentation und intensiven Diskussion der Ergebnisse einladen."

MDR weist Kritik zurück

Der MDR wehrt sich energisch gegen die Aussage von Jupp Legrand, den Programmauftrag nicht zu erfüllen: "Der MDR hat die Kritik zur Studie der Otto Brenner Stiftung zurückgewiesen und festgestellt, dass der Sender seinen Programmauftrag vollumfänglich erfüllt", erklärt Susanne Odenthal, Abteilungsleiterin Presse und Information und Stellvertretende Unternehmenssprecherin.

Von auffälligen Fehlern in der Methodik abgesehen, enthalte die Darstellung der Stiftung einseitige Zuspitzungen und plakative Wertungen, die einer fachlichen Diskussion nicht standhalten könnten, sagte der MDR auf Anfrage. Die Untersuchungsstichprobe der Hauptuntersuchung basierte nur auf einer einzigen herausgegriffenen Kalenderwoche.

Wurde beim Blick aufs Programm unsauber gearbeitet?

Falsche Zuordnungen von MDR-Programmen (wie etwa die Einordung der überregionalen Hauptnachrichtensendung "MDR aktuell" als "Regionalnachrichten") und die Zuordnung der "Tagesschau" als "Vorabendprogramm" (im ebenfalls analysierten WDR Fernsehen) sowie der Vergleich zwischen einer Lokalsendung einer Einländeranstalt im Ballungsraum ("WDR Lokalzeit Köln") und einer Regionalsendung einer Drei-Länder-Anstalt ("MDR Sachsen-Anhalt heute") brächten die Ergebnisse der Studie auf eine schiefe Ebene.

Sächsische Staatskanzlei will "Boulevardisierung" im Auge behalten

Die Sächsische Staatskanzlei meldete auf Anfrage, sie werde den Sender im Auge behalten: "Das Thema Boulevardisierung der Medien ist nicht erst seit dieser Studie ein wichtiges und immer wiederkehrendes Thema, bei dem die weiteren Entwicklungen beobachtet werden müssen."

In Nordrhein-Westfalen sieht man im "Medienministerium" offenbar keinen Handlungsbedarf. Staatssekretär Marc Jan Eumann (SPD) sagte auf Anfrage, zu Programmfragen wolle er sich nicht äußern.

Christian Lindner, FDP-Bundesvorsitzender, hatte unter der Woche allerdings gegen den WDR gewettert: Am Rande einer Aufzeichnung der Sendung "RTL West Sommerplausch" kritisierte er, dass der WDR, "der gebührend finanziert ist" - im Gegensatz zum kommerziellen Konkurrenten - "die Politiker aus dem Landtag der unterschiedlichen Parteien nicht zu Wort kommen lässt. Mal nachdenken, was das eigentlich bedeutet!"

Auch der WDR kritisiert Widersprüche in der Studie

Der WDR weist auf Widersprüche in der Studie hin: "Zunächst einmal unterstreicht die aktuelle Studie der Otto Brenner Stiftung die Informationsleistung des WDR. Sie bescheinigt dem WDR Fernsehen den 'größten Anteil besonders relevanter, gesellschaftlich-kontroverser Themen (62 Prozent)' im Vergleich zu allen bisher untersuchten dritten Programmen", sagt Kristina Bausch vom WDR. Laut der Studie liege der Informationsanteil im WDR Fernsehen bei mehr als 75 Prozent.

Die Autoren schrieben: "Journalistische Berichterstattung ist die Domäne der Dritten Programme der ARD. 77 Prozent der täglichen Sendezeit des WDR gilt fernsehpublizistischen Inhalten". Sprecherin Bausch erklärt, dass die Programmanalyse auf Basis der AGF-Programmcodierung, die das gesamte jährliche Programmangebot des Senders betrachte, im Jahr 2014 einen vergleichbar hohen Informationsanteil ermittelt hat: Danach würden 76 Prozent des täglichen Angebots auf Informationssendungen entfallen.

Die Brenner-Studie umfasse dagegen nur einen Untersuchungszeitraum von einer Woche, so Bausch. "Ein Defizit an Informationssendungen gibt es demnach im WDR Fernsehen nicht. Unabhängig davon plant der WDR bereits seit dem Frühjahr eine umfangreiche Schemareform des WDR Fernsehens, die unter anderem einen weiteren Ausbau der bereits starken regionalen Information zum Ziel hat. Über die Reform wird im Sommer der WDR-Rundfunkrat entscheiden", sagt Bausch.

"Alle Vollprogramme sind auf Wiederholungsstrecken angewiesen"

"Alle Vollprogramme, egal ob öffentlich-rechtlich oder privat, sind – vor allem in der Nacht – auf Wiederholungsstrecken angewiesen", sagt die Sprecherin. Wiederholungen seien programmwirtschaftlich und gerade im Hinblick auf einen verantwortungsvollen Umgang mit den Rundfunkbeiträgen geboten und würden von Zuschauern vielfach als Service wahrgenommen. "Dies gilt auch für die Wiederholungen der Lokalzeiten."

Aus Sachsen kam in der vergangenen Woche ein bisher einmaliger Vorstoß für "ein reformiertes, auf Freiwilligkeit basierendes öffentlich-rechtliches Rundfunksystem." Die Initiative "Mediennutzung ohne Zwangsgebühren - Für ein demokratischeres Rundfunksystem" aus Dresden bewirbt sich stellvertretend für die Gruppe der Nicht-Rundfunknutzer um einen Sitz im Rundfunkrat des MDR, der sich am 8. Dezember neu konstituieren wird. Die Initiative wendet sich gegen die nach ihren Angaben, "unsoziale, vollkommen nutzungsunabhängige und unkündbare Pauschalabgabe auf 'Raumeinheiten' (Wohnungen, Betriebsstätten, Kfz) zum Zwecke der Rundfunkfinanzierung."

von Anke Vehmeier

 

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