"Stuttgarter Nachrichten" und "Stuttgarter Zeitung": Kaum Interesse an Aufhebungsverträgen

 

Wenn Verleger träumen, nehmen 35 Redakteure freiwillig die Abfindung und gehen für immer. Die Realität in Stuttgart zumindest sieht so aus, dass erst zwei Redakteure einen Aufhebungsvertrag unterzeichnet haben. Bei der Zusammenlegung der Redaktionen von "Stuttgarter Zeitung" und "Stuttgarter Nachrichten" sollen aber bis zu 35 Redakteure das Haus verlassen.

Wenn Verleger träumen, nehmen 35 Redakteure freiwillig die Abfindung und gehen für immer. Die Realität in Stuttgart zumindest sieht so aus, dass erst zwei Redakteure einen Aufhebungsvertrag unterzeichnet haben. Bei der Zusammenlegung der Redaktionen von "Stuttgarter Zeitung" und "Stuttgarter Nachrichten" sollen aber bis zu 35 Redakteure das Haus verlassen.

kress.de hatte am 9. Juni zuerst gemeldet, dass "Stuttgarter Nachrichten" und "Stuttgarter Zeitung" ab dem 1. April 2016 von einer gemeinsamen Redaktion erstellt werden sollen. Bis zu 35 Redakteursstellen werden gestrichen, 15 werden neu geschaffen. Im Interview mit kress.de hatte Christoph Reisinger, Chefredakteur der "Stuttgarter Nachrichten", versprochen, dass es auch in Zukunft keinen "Einheitsbrei" für die Leser geben werden: "Nachrichten bleiben Nachrichten, Zeitung bleibt Zeitung".

Nach kress.de-infos haben sich bislang 35 Personen erklären lassen, welche Abfindungssumme der Verlag bereit wäre zu bezahlen, wenn sie aus dem Verlag freiwillig ausscheiden; zwei Aufhebungsverträge sind unterschrieben, drei Aufhebungsverträge sind unterschriftsreif, zehn Aufhebungsverträge könnten vermutlich zeitnah unterschrieben werden, heißt es aus der Konzernzentrale.

Abfindungsprogramm endet Ende August

Das reicht aber bei weitem nicht - insgesamt sollen 35 Volllzeitstellen bei beiden Titeln verschwinden, und nicht jeder, der sich informiert, will auch tatsächlich das Haus für immer verlassen. Dabei drängt die Zeit - das Abfindungsprogramm endet offiziell bereits Ende August, bis dahin sollen die Abgänger nach Wunsch der Unternehmensführung feststehen. Nur wer sich bis zum 31. August auch interessiert an dem Programm, soll auch in den Genuss der Leistungen kommen.

Sorge der Redaktion über Vertraulichkeit

Die Sorge in der Redaktion ist aber noch eine andere - wer sich jetzt informiert, begibt sich vielleicht aus Sicht der Chefredaktion direkt ins Aus. "Wer garantiert uns, dass die dann nicht denken, dass wir keine Lust haben, weil wir uns informiert haben?", erklärt ein Redaktionsmitglied zu kress.de. Dabei verspricht die Personalabteilung, dass sie auf Wunsch Vertraulichkeit nicht nur gegenüber den Chefredakteuren von "Nachrichten" und "Zeitung" garantiert, sondern auch niemandem in der Redaktion verrät, wer mit dem Gedanken spielt, das Angebot anzunehmen.  

Offiziell will sich die Südwestdeutsche Medienholding zu den Änderungen im Haus nicht äußern. Auf Anfrage von kress erklärt eine Unternehmenssprecherin, dass ein "laufender interner Prozess grundsätzlich" nicht kommentiert werde.

Zahl der Ressorts soll reduziert werden

In der neuen Gemeinschafts-Redaktion wird es rund 240 Vollzeitstellen geben; aktuell sind es 260 bzw. 270. Bis zu 15 neue Stellen vor allem im digitalen Bereich werden neu geschaffen. An Bord bleiben auch die Chefredakteure Dr. Christoph Reisinger ("Stuttgarter Nachrichten") und Joachim Dorfs ("Stuttgarter Zeitung"). Ihre Aufgabe wird es sein, in dem neuen Modell die Profile der Zeitungen aufrecht zu erhalten und zu schärfen. Mit der neuen Gemeinschaftsredaktion reduziert sich auch die Zahl der Ressorts auf dann noch neun; bislang hat die "STZ" 12 Ressorts, die "STN" 9 Ressorts. Wer die neuen Ressorts führen wird, ist noch offen. Viel Wert wird in Zukunft auch auf den Bereich Events gelegt. Die Zahl der Veranstaltungen ("Zeitung vor Ort") soll deutlich ausgeweitet werden.

"Stuttgarter Nachrichten" und "Stuttgarter Zeitung" haben eine gemeinsame, verkaufte Auflage von 182.521 Exemplaren (IVW, 2/2015); zum Vergleich, im zweiten Quartal 2005 betrug die Auflage noch 200.604 Exemplare, ein Minus von 9,01% in zehn Jahren. Das Verhältnis der Abonnenten beträgt nach unseren Infos etwa 2/3 ("STZ") zu 1/3 ("STN").

Die Südwestdeutsche Medienholding mit Sitz in Stuttgart gehört mit rund 7.000 Mitarbeitern in 130 Gesellschaften und an mehr als 30 Standorten zu den größten Mediengruppen Deutschlands. Sie ist auch in der Schweiz, Österreich, Polen, Ungarn und Tschechien aktiv. Zur SWMH gehören neben "Stuttgarter Zeitung", "Stuttgarter Nachrichten", "Süddeutsche Zeitung" (Chefredakteure: Kurt Kister, Wolfgang Krach) auch "Schwarzwälder Bote" (Chefredakteur: Hans-Peter Schreijäg) oder "Freies Wort" (Chefredakteur: Walter Hörmann) in Suhl.

Zum Unternehmen zählen auch verschiedene Fachverlage und Titel wie "Werben und Verkaufen" (Chefredakteur: Jochen Kalka), oder "Verlag Moderne Industrie" sowie Anzeigenblätter, Radiosender und eine Fernsehproduktionsgesellschaft. Hauptgesellschafter ist die Ludwigshafener Medien-Union von Verlegerfamilie Schaub ("Rheinpfalz“, Chefredakteur: Michael Garthe; "Freie Presse" Chemnitz, Chefredakteur: Torsten Kleditzsch) sowie die Gruppe Württembergischer Verleger, dessen größter Anteilseigner Eberhard Ebner ist, Verleger der "Südwest-Presse" (Chefredakteur: Ulrich Becker).

Vorsitzender der Geschäftsführung ist Richard Rebmann. Der promovierte Jurist übernahm 2008 die Geschäfte bei der SWMH, davor war er Verleger vom "Schwarzwälder Boten". Rebmann ist seit 1998 Vizepräsident des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger (BDZV). Ihm zur Seite steht Alexander Pasch. Pasch kam 2012 zur Südwestdeutschen Medienholding, davor war er in leitenden Funktionen innerhalb des Pharmahandelskonzerns Celesio tätig. Vorsitzender des Aufsichtsrates der Südwestdeutschen Medienholding ist Medien-Union-Manager und Dieter-Schaub-Vertrauter Oliver C. Dubber.

Ihre Kommentare
Kopf
Weitere Beiträge zu diesem Thema
Kressköpfe dieses Artikels
  • Noch kein kresskopf?

    Logo
    Dann registrieren Sie sich kostenlos auf kress.
    Registrieren
Inhalt konnte nicht geladen werden.