Wo Aufeinanderlosgehen eine Tradition hat: "Falter" versus "Krone"

21.08.2015
 

Zwischen der linksliberalen Wiener Wochenzeitung "Falter" um Armin Thurnher (Herausgeber und Co-Chefredakteur) und Florian Klenk (Chefredakteur) und dem als rechtspopulistisch geltenden "Krone"-Kolumnisten Michael Jeannée tobt ein Streit. Hinter dem zunächst klein anmutenden Ausgangskonflikt (ein Polizeivideo) stehen große Fragen:

Österreich sei, sagt man, schon immer etwas speziell gewesen, was den vorherrschenden Sprachduktus angeht. An manchen Stellen geht das so weit, dass nur ein harscher Ton als guter gilt. Ein gutes Beispiel dafür sind die Kolumnen der Boulevardzeitung "Neuen Kronen Zeitung", kurz: "Die Krone". Folglich wundert sich niemand mehr über die Wortwahl des langjährigen "Krone"-Kolumnisten Michael Jeannée. Es sei denn, er zitiert im Kontext der Fußball-WM nationalsozialistisches Liedgut oder erlaubt sich Aussprüche wie "Wer alt genug zum Einbrechen ist, ist auch alt genug zum Sterben", nachdem ein 14-jähriger in einem Supermarkt von einem Polizisten erschossen wurde.

Diese Worte, wenngleich aus 2009, mahnen erstaunlich aktuell an, denn auch der derzeitige Konflikt zwischen der linksliberalen Wiener Wochenzeitung "Falter" und dem als rechtspopulistisch geltenden "Krone"-Kolumnisten beginnt mit einem Dieb. Einem, der von der Polizei aufgegriffen und bei der Festnahme misshandelt wurde, wie das zufällig gefilmte Video eines Anwohners zeigt. Die Online-Plattform Vice und "Falter" veröffentlichten den Film, sehr zum Unbill der österreichischen Ordnungshüter, die den Fall anders in den Akten abgelegt hatten, als auf dem Film zu sehen war. Was "Falter"-Chefredakteur Florian Klenk publik machte.

"...da hat der Herr Klenk noch in die Windeln gemacht"

"Krone"-Kolumnist Michael Jeannée reagierte unmittelbar. "Ich hab Polizeiübergriffe gesehen, da hat der Herr Klenk noch in die Windeln gemacht", erzählt er im Gespräch mit KRESS. "Und ich hab mir dieses Video angeschaut und man hätte sagen können, das hat nicht sein müssen, aber daraus die Schlagzeile zu machen, dass der Mann misshandelt wurde, das seh ich nicht. Und das ist auch, was ich geschrieben hab."

Weiterhin schrieb er in seiner Kolumne vom 13.8.2015, Klenk sei ein Polizistenhasser und der "Falter" ein "Bolschewikenblattl". Soweit sind das zwei Meinungen in einem Konflikt, der nicht neu ist, in einem Land, in dem, so Jeannée "dieses Aufeinanderlosgehen eine Tradition hat".

Komplexer wird es, wenn man einen Blick hinter die Kulissen wirft. Kurz vor dem gewalttätigen Video nämlich, veröffentlichte "Falter" Informationen zu einer Affäre um die Werbeagentur der rechtspopulistischen FPÖ und deckte auf, dass der Generalsekretär der Partei an der sie bewerbenden Agentur mitbeteiligt sei. Auf diese Weise bereicherten sich Partei und Generalsekretär an Steuergeldern. Ist die Diskussion um das Polizeivideo also nur ein Stellvertreterschauplatz?

Flirt mit der politischen Rechten

Herausgeber und Co-Chefredakteur des "Falter", Armin Thurnher, ist sich sicher: "Diese ganze Kolumne war nur eine Ablenkungsaktion, um den 'Falter' zu diskreditieren, weil wir schon sehr viele Affären aufdecken", berichtet er KRESS. "Ich glaube, diese Affäre um die Werbeagentur der FPÖ kam denen sehr ungelegen, weil sie sich ja immer als Saubermänner generieren. Anderswo wäre das ein sofortiger Rücktrittsgrund und ein Riesenskandal - bei uns schlägt ein Jeannée zurück, um uns zu diskreditieren als linksradikale unzurechnungsfähige Polizistenhasser. Das hat durchaus einen politischen Sinn und ist für die Kronenzeitung auch nichts Neues, die haben immer so einen provozierenden reaktionären Kommentator, der mit der politischen Rechten flirtet."

Ein Flirt, der nach Filz klingt und nach einem Machtkampf - auf politischer wie auch persönlicher Ebene. "Von unserer Seite ist es nicht persönlich, ich finde eher das Phänomen interessant", sagt Thurnher. "In der österreichischen Bevölkerung wird das entweder nicht beachtet oder einfach so hingenommen und das kommt daher, dass die Kronenzeitung schon historisch gesehen eine besondere Machtposition hat. Sie war nämlich das erste wesentliche Organ Österreichs, das unabhängig war und hat dieser Freiheit, die sie da hatten, eine Art Unterschichtsaufsässigkeit aufgedrückt. Dazu sind die Kolumnisten und dieser Ton ganz wichtig."

Und der Ton löst ein Echo aus. Einen Leser, der mit Bezug auf Michael Jeannées Kolumne zu Gewalt gegen den Enthüllungsjournalisten Klenk aufruft, hat die "Falter"-Redaktion angezeigt. Jeannée selbst fühlt sich für die Reaktionen seiner Lesenden nicht verantwortlich: "Ich schreibe meine Meinung. Die polarisiert und ist manchmal konträr und wahrscheinlich auch manchmal nicht gewählt und angemessen, das kann man immer so sehen, aber die Sprache des Herrn Thurnher oder des Herrn Klenk ist das andere Extrem. Die Grenze zwischen Politik und Journalismus wird immer enger, besonders, wenn man auch als Kolumnist tätig ist und über Politik schreibt. Objektivität ist beim Kolumnisten nicht gefragt. Da geht es ja um Subjektivität, genau wie beim Leitartikel."

Stillschweigen statt Sanktionierung

Also wird weiter polemisiert und gehetzt, ohne dass es für die Verantwortlichen zu irgendwelchen Sanktionen führen würde. "Da gibt es nicht nur keine Sanktionen, davon gibt es auch keine gesellschaftliche Distanzierung", klagt Thurnher. "Das ist ein österreichisches Mainstreamphänomen, bei dem alle entweder mitmachen und hoffen, dass es am Ende gut für sie ausschaut oder stillschweigend darauf warten, dass es irgendwann mal weniger sein wird."

Nur zwei Tage nach der Polizeigewalt-Kolumne schrieb Jeannée eine über das österreichische und sehr umstrittene Flüchtlingsauffanglager Traiskirchen. Darin behauptete er, eine Amnesty-Delegation sei aus London eingeflogen, mit klimatisierten Limousinen nach Traiskirchen gekarrt und danach wieder ins Luxushotel verfrachtet worden, zum gepflegten Abendessen. Recherchiert hatte er das nicht. Die Amnesty-Delegation kam aus Wien und es gab weder Luxushotels noch Limousinen. "Die ersten Meldungen sprachen davon, dass Amnesty in London ein Team schickt", erklärt Jeannée. "Und dann hab ich das nicht so recherchiert, da haben Sie recht, und für mich war klar, die kommen aus London."

Der Unglaube war groß, der Aufschrei zunächst mäßig. Thurnher wundert es wenig. "Wir erleben gerade eine Trivialisierung von dem, was Politik und Demokratie ist. Diese Personalisierung und Emotionalisierung spielt sehr zusammen mit dem schlichten Angebot rechter Politik. Umgekehrt wird natürlich die Politik immer intransparenter und die Medien, die versuchen, Durchblick zu schaffen, werden auch nicht unbedingt stärker, besonders durch die Aufsplittung und Individualisierung, die die Sozialen Medien mit sich bringen."

Auf einen Nachschlag von Jeanneé (19.8.: "Mea culpa! Aber: So what?") überstrapazierte die Geduld des österreichischen Amnesty-Generalsekretär Heinz Patzelt allerdings dann doch. Was Jeannée über die Organisation geschrieben habe, liege "weit über der Ebene, die wir hinnehmen können", sagte er der österreichischen Tageszeitung "Der Standard". Das weitere Vorgehen werde derzeit mit der Zentrale in London besprochen, so Patzelt weiter.

Hinter dem Ausgangskonflikt der Verharmlosung von Polizeigewalt stehen also große Fragen: die, ab wann durch die subjektive Meinungsäußerung eines Einzelnen andere Menschen aufgehetzt werden, oder die, wie viel Einfluss die Politik auf die Medien haben darf und wie viel politischen Einfluss die Medien auf die Lesenden haben. Die Frage, wie gefährlich öffentlich ausgetragenes Selbstdarstellertum ist und launige, überspitzte Kommentare, in denen es auf Recherchen längst nicht mehr ankommt, sondern auf die Bestätigung dessen, was der "kleine Mensch auf der Straße" denkt. Auf das "Das wird man doch wohl noch sagen dürfen".

Hintergrund

Mit beinahe 800.000 Exemplaren (2014) ist die "Krone" Österreichs auflagenstärkste Boulevardtageszeitung, für ihr Onlineportal gibt die Zeitung über 1,5 Millionen Lesende an (2015). Herausgeber und Chefredakteur der 1900 gegründeten Zeitung ist seit 2003 der Journalist Christoph Dichand. Seit 1987 ist die deutsche Funke Mediengruppe (ehemals WAZ-Mediengruppe) Hälfteeigentümerin des Blattes. Die 1990 von den Tageszeitungen "Krone" und "Kurier" gegründete Verlags- und Vertriebsgesellschaft Mediaprint (Eigner 2015: WAZ, Raiffeisen und Dichand) ist heute das drittgrößte österreichische Medienunternehmen.

Die österreichische Wochenzeitung "Falter" erschien erstmals im Mai 1977. Sie erreicht eine gedruckte Auflage von 45.000 Exemplaren (2014) und 111.000 Lesende. Mitbegründer Armin Thurnher, der auch heute noch Herausgeber der Zeitung ist, leitet die Chefredaktion gemeinsam mit dem Juristen und Journalisten Florian Klenk. "Falter" ist unabhängig und erscheint in der eigenen Falter Verlagsgesellschaft m.b.H.

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Replik Armin Thurnher: "Hetze und Drohungen gegen Florian Klenk un den Falter. Zum Zustand der österreichischen Öffentlichkeit"

Ihre Kommentare
Kopf

knex

21.08.2015
!

noch eine anmerkung zur kronenzeitung:
die ist nicht nur (auflage relativ zur bevölkerungsanzahl) eine der grössten tageszeitungen der welt, sondern in vielen ländlichen gemeinden beinahe die einzige zeitung, dort quasi ein monopolist.
in diesem kontext wird deren blattlinie mit kollumnisten a la jeanee oder staberl (auf für dein einen oder anderen - höflich formuliert - problematischen kommentar bekannt) durchaus als demokratipolitisch bedenklich gesehen.


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