Sechsteiler "Meuchelbeck": Wie Stefan Rogall schwarzen Humor in den WDR bringt

24.08.2015
 
 

Der WDR geht neue Wege. Am Niederrhein ist die Serie "Meuchelbeck" entstanden, die an diesem Montagabend auf Sendung geht. Sie lebt von schwarzem, morbidem Humor. Die Drehbücher schrieb Grimme-Preisträger Stefan Rogall. Der gebürtige Duisburger kennt sich bestens am Schauplatz seiner Geschichten aus, wie er im Interview mit kress.de verriet.

Der WDR entdeckt den Niederrhein. Grimme-Preisträger Stefan Rogall schrieb die Geschichten für den Sechsteiler "Meuchelbeck", der an diesem Montagabend auf Sendung geht. Der gebürtige Duisburger Rogall sieht den Schauplatz als Hort schwarzen Humors.

kress.de: Was hat Sie am Thema "Meuchelbeck" fasziniert?

Stefan Rogall: Es fing damit an, dass wir für den WDR einen Stoff entwickeln sollten, der eine lokale Anbindung hat: Er sollte am Niederrhein spielen. Ich selber stamme nicht vom Niederrhein, aber viele meiner Verwandten kommen von dort, deshalb habe ich diesen ganz speziellen Humor eingesogen. Der  Humor ist trocken, zuweilen auch morbide. Deshalb kam mir der Auftrag entgegen.

"Es wird nicht ständig gemeuchelt"

kress.de: Dieser morbide Humor wird bereits im Titel eingefangen.

Stefan Rogall: Klar, der Titel ist ein Teil davon. Es wird aber nicht ständig gemeuchelt, aber alle Figuren haben ihre Geheimnisse, teilweise auch dunkle Geheimnisse, und das macht die Geschichte spannend. Wenn also unsere Hauptfigur nach 20 Jahren wieder zurück nach Meuchelbeck geht, dann findet er schließlich heraus, dass sich so ganz viel nicht verändert hat – und dass er gut dahin passt.

kress.de: Das ist vermutlich für ihn die erschreckendere Erkenntnis.

Stefan Rogall: Wahrscheinlich schon. Wenn ich länger über die Figur und den Stoff nachdenke, dreht sich alles um die Frage: Wer bin ich? Wo passe ich hin? Unsere Hauptfigur ist kurz nach dem Abi raus aus Meuchelbeck – und zwar in die Großstadt. Er glaubte, da kann er sich verwirklichen, doch das stimmte leider nicht. Bei seiner Rückkehr in seine Heimatstadt merkt er, dass er besser dahin passt, als er dachte.

kress.de: Charakterisieren Sie die Hauptfigur bitte etwas detaillierter.

Stefan Rogall: Er heißt Markus, er ist damals nach Berlin gegangen. Das ist eine Hintergrund-Geschichte, die wir nicht zeigen, über die aber gesprochen wird. Markus wollte ein Start-up-Unternehmen aufziehen und in Berlin richtig Geschäfte machen, doch das hat nicht geklappt. Stattdessen wurde er Vater einer Tochter. Seine Frau...na, ich will nicht zu viel verraten...jedenfalls Markus kommt mit seiner Tochter, aber ohne seine Frau nach Meuchelbeck. Sie ist mittlerweile Teenager, sie hasst den Umzug, weil sie sich in Berlin viel wohler, aus Markus’ Sicht: zu wohl gefühlt hat.

"Die Serie soll sich weit vom Klischee entfernen"

kress.de: Markus’ Geschichte lautet also: Fish into the water (fühlt sich wohl wie ein Fisch im Wasser). Und die Geschichte seiner Tochter ist das Gegenteil.

Stefan Rogall: Die Tochter kennt Meuchelbeck noch nicht und auch die Geschichte ihres Vaters kaum. Sie kennt auch ihre Tante nicht, Markus’ Schwester, die damals nicht aus Meuchelbeck weggegangen ist. Mechthild führt die Pension der Familie nach dem Tod ihrer Eltern weiter. Aber: Pension gehört beiden Geschwistern. Mechthild glaubt, dass Markus nur kommt, um seinen Anteil abzuholen und weiterzuziehen. Genau das passiert nicht.

kress.de: Ich sehe zwei Konflikt-Ebenen: Stadt-Land und Familie.

Stefan Rogall: Die spezielle Geschichte zwischen Markus und Mechthild ist ein wichtiges Element von "Meuchelbeck". Aber auch da wird sich alles anders entwickeln, als man es sonst von Familienserien kennt. Bei „Meuchelbeck“ kann alles passieren. Die Serie soll sich weit vom Klischee entfernen.

kress.de: Es ist nicht der 23. Schmunzelkrimi.

Stefan Rogall: Auf keinen Fall. Und: Das Genre ist nicht Krimi, auch wenn es durchaus mal eine Leiche gibt. Es ist auch nicht "Mord mit Aussicht", Niederrhein-Version. "Meuchelbeck" ist etwas Eigenständiges, etwas Skurriles, Makabres, Emotionales, aber auch jeden Fall etwas sehr Witziges.

kress.de: Ländlich, morbide, skurril – übertragen Sie britische Stimmungen auf den Niederrhein?

Stefan Rogall: Wenn man unter britischem Humor trockenen, ja schwarzen Humor versteht, dann passt es zum Niederrhein. In dieser Hinsicht sind Niederrheiner britisch zu nennen. Man lässt sich nicht zu viel anmerken, man spricht auch wenig darüber, wie man sich fühlt, und trotzdem ist es Niederrheinern anzumerken. Es ist nicht so wie in Köln, wo man sich heraussprudelt und den Anderen gleich miteinbezieht.

kress.de: Welche Figuren sind weiter wichtig?

Stefan Rogall: Markus’ Jugendliebe Julia genauso wie ihr Mann, der damals Markus’ bester Freund war. Es gibt auch einen Pfarrer, eine Dorfpolizistin... Alle Figuren haben ihre spezielle Problematik, und alles verzahnt sich irgendwie miteinander. Man kann sich aus einer schwierigen Situation heraushelfen, aber  erst richtig reinreiten.

Kein deutsches "Lilyhammer" - Blick nach Österreich

kress.de: Diese Konstellationen klingen etwas nach "Lilyhammer". Hatte die Serie einen Einfluss?

Stefan Rogall: Hatte es nicht. Ich habe die Serie jetzt erst gesehen und bin auch ein großer Fan davon. Das ist mehr ein Zufall. Mehr Einfluss hatte zugegebenermaßen die österreichische Serie "Braunschlag". Dieser Tonfall hatte die beiden Produzenten Elke Ried und Thorsten Flassnöcker, Gebhard Henke und Götz Schmedes vom WDR und auch mich sehr amüsiert. Wir dachten: Wenn wir davon etwas hinüberretten könnten, würde uns das gut gefallen.

Hintergrund

"Meuchelbeck" ist eine Produktion der Zieglerfilm Köln im Auftrag des WDR. Gesellschafterinnen von Zieglerfim Köln sind Regina Ziegler und ihre Tochter Tanja Ziegler. Elke Ried ist seit dem 1. Januar 1999 die Geschäftsführerin. Seit dem 1. November 2012 ist Alexander Ferwer ebenfalls Geschäftsführer von Zieglerfilm Köln.

Team "Meuchelbeck"

Drehbuch: Stefan Rogall. Regie: Erik Haffner (Folgen 1-3); Klaus Knoesel (Folgen 4-6). Darsteller: Holger Stockhaus, Dagmar Sachse, Janina Fautz, Anna Böger, Karin Hanczewski, Christian Hockenbrink, Claus Dieter Clausnitzer, Luc Feit. Produzenten für Zieglerfilm Köln sind Elke Ried und Thorsten Flassnöcker.

Verantwortlicher WDR-Redakteur ist Götz Schmedes. Schmedes, Jahrgang 1967, war von 2003 bis 2009 Dramaturg und Redakteur in der WDR-Hörspiel-Redaktion und wechselte 2009 in die WDR-Redaktion Fernsehfilm, Kino und Serie. Er betreut Fernsehfilm-Produktionen für die ARD sowie Kino-Koproduktionen und Kino-Debüts.

Sendetermine im WDR

Folge 1 „Hier und weg“, Montag, 24. August 2015, 20.15 Uhr; Folge 2 „Schicht um Schicht“, Montag, 31. August 2015, 20.15 Uhr; Folge 3 „Fremdenverkehr“, Montag, 7. September 2015, 20.15 Uhr; Folge 4 „Flagge zeigen“, Montag, 14. September 2015, 20.15 Uhr; Folge 5 „Ansteckungsgefahr“, Montag, 21. September 2015, 20.15 Uhr; Folge 6 „Die Hoffnung stirbt zuletzt, Montag, 28. September 2015, 20.15 Uhr. Wiederholung in Einsfestival ab 1. September 2015, jeweils dienstags um 20.15 Uhr (außer Folge 2 am 8. September um 22.50 Uhr).

von Jürgen Overkott

 

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