Nachrichtenchef Froben Homburger von dpa: Wie das "vermutlich" bei Heidenau in die Überschrift kam

25.08.2015
 
 

Eine Überschrift sorgt dafür, dass die Deutsche Presse-Agentur massive Kritik erntet. "Randale zwischen Linken und vermutlich Rechten in Heidenau" hatte Deutschlands größte Nachrichtenagentur getitelt - das sei verharmlosend, befanden Nutzer in den sozialen Netzwerken. Warum die Entscheidung von Deutschlands größter Nachrichtenagentur aber nichts mit "Vollpfostenjournalismus" zu tun hat,

Eine Überschrift sorgte dafür, dass die Deutsche Presse-Agentur massive Kritik erntet. "Randale zwischen Linken und vermutlich Rechten in Heidenau" hatte Deutschlands größte Nachrichtenagentur getitelt - das sei verharmlosend, befanden Nutzer in den sozialen Netzwerken. Warum die Entscheidung von Deutschlands größter Nachrichtenagentur aber nichts mit "Vollpfostenjournalismus" zu tun hat, wie es zum Beispiel auf Twitter behauptet wird, erklärt dpa-Nachrichtenchef Froben Homburger auf kress.de.

Zielscheibe rechter Hetze

Es ist erst wenige Wochen her, dass die Deutsche Presse-Agentur zur Zielscheibe rechter Hetze wurde: Diese Elemente seien "Volksverräter und gehören an die Wand gestellt", war in einem Kommentar zu einem Online-Artikel des Kopp-Verlags zu lesen. Auch von Linksfaschisten, Staatszerstörern, Meinungsverbrechern, Hass-Journalisten, Gedankenpolizei und Manipulationsterroristen war die Rede. Überschrieben war der Artikel mit: "Ihr seid Rassisten: DPA ruft zu Sprachzensur gegen Asylkritiker auf".

Kurz zuvor hatte die dpa mitgeteilt, dass sie die Teilnehmer an Protesten und Angriffen gegen Flüchtlinge nicht mehr als "Asylgegner" oder "Asylkritiker" bezeichnen wird. "Das sind missverständliche Begriffe, die den tatsächlichen Sachverhalt verschleiern und beschönigen", erklärte Chefredakteur Sven Gösmann. Stattdessen sollen künftig in jedem Einzelfall die Demonstranten und Angreifer sowie deren Motivation so konkret wie möglich beschrieben werden: Demonstrieren da durchweg Rechtsextremisten? Sind auch Hooligans dabei? Anwohner? Rufen sie fremdenfeindliche Parolen? Tragen sie Kleidung oder Abzeichen, die auf rechte oder rassistische Gesinnung hindeuten? Was steht auf Transparenten? Was ist auf Fotos, Videos zu erkennen?

40 Texte, 20 Audio-Beiträge, 100 Fotos

Am Wochenende berichtete die Deutsche Presse-Agentur allein in ihrem Basisdienst mit rund 40 Texten, mehr als 20 Audio-Beiträgen und knapp 100 Fotos von den Protesten gegen die Flüchtlingsunterkunft in Heidenau. In den dpa-Berichten war die Rede von "rechtsradikalen Demonstranten", "rechtsextremen Demonstranten", "Rassisten und Rechtsradikalen", "NPD-Anhängern", "rechten Randalierern", "rechtem Mob", auch von "rassistischen Parolen", "ausländerfeindlichen Parolen", "Ausländerhass", "offenem Fremdenhass", schließlich von "rechtsextremen Ausschreitungen", "rechtsextremer Gewalt", "rassistischer Gewalt".

Doch in den sozialen Medien wahrgenommen wurde vor allem die Überschrift einer kleinen Meldung zu einem Vorfall, den die dpa-Reporter am Sonntagabend in Heidenau so beobachtet hatten: Nach einer friedlichen Demonstration von rund 250 Menschen, die vor dem Heim ihre Unterstützung für die Flüchtlinge bekundeten, kam es auf dem Rückweg zum Bahnhof zu gewaltsamen Ausschreitungen. Eine Gruppe aus dem Antifa-Block griff mehrere Menschen an, die nahe einer Tankstelle standen. Die Reporter konnten diese Personen nicht sicher als Rechtsextremisten identifizieren und formulierten daher entsprechend vorsichtig: "Angehörige der linken Antifa-Szene hatten eine Gruppe von Menschen angegriffen, die sie offensichtlich dem rechten Spektrum zuordneten." Die Überschrift zu der Meldung lautete: "Randale zwischen Linken und vermutlich Rechten in Heidenau".

Kritik und Häme auf Twitter

Kaum lief die Meldung über den dpa-Ticker, hagelte es Kritik und Häme auf Twitter: "Wer macht denn bei Euch die Überschrift?", wollte Christopher Lauer wissen. "nennt sich sowas "scheinbar" objektive berichterstattung?", fragte die netz- und rechtspolitische Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag, Halina Wawzyniak. Wenig später verabschiedete die Politikerin sich vorübergehend aus der Debatte mit den Worten: "sonst werde ich unhöflich". Andere wurden unhöflich, warfen der dpa vor, die Nazi-Krawalle zu verharmlosen, sprachen von "dpa-Scheiß" und witterten Kumpanei mit den Rechten: "Wer ständig Euphemismen für Nazis benutzt, ist vermutlich rechts". "Vermutlich"-Tweets wurden zum Running Gag bei Twitter. Fotos von NS-Aufmärschen wurden untertitelt mit: "Auf diesem Foto sind vermutlich Rechte zu sehen."

Wer die sozialen Medien als alleinige Basis seiner Meinungsbildung nahm, musste zu dem Ergebnis kommen, dass hier nicht eine einzelne Überschrift einer einzigen Kurzmeldung am digitalen Pranger stand, sondern die gesamte Berichterstattung der dpa aus Heidenau. Die Wirkung der Überschrift war also ohne Zweifel verheerend - oder wie es der Social-Media-Chef von "Spiegel" und "Spiegel Online", Torsten Beeck, formulierte: "Die Genauigkeit wirkt befremdlich".

Objektive Berichterstattung

Insofern hätten wir sicher gut daran getan, nur das zu schreiben, was wir zu diesem Zeitpunkt auch wirklich sicher wussten, beispielsweise: "Verletzte nach Übergriff von Linken in Heidenau". Aber war die Überschrift denn tatsächlich auch verharmlosend oder sogar falsch? Verstieß sie gegen die Regeln objektiver Berichterstattung, wie uns vorgeworfen wurde? Und hätten wir getrost titeln können: "Randale zwischen Linken und Rechten in Heidenau"?

Ein wesentliches Kriterium journalistischer Sorgfalt ist es, nur das als Fakt darzustellen, was auch wirklich sicher verifiziert werden kann. Wenn Menschen in Heidenau an der Straße stehen, werden sie nicht automatisch dadurch zu Rechtsextremisten, dass sie von der Antifa angegriffen werden. Möglicherweise waren es Schaulustige. Und auch wenn Schaulust in Zeiten rassistischer Krawalle moralisch höchst fragwürdig ist, ist auch sie noch nicht automatisch rechtsextremistisch.

Glaubwürdigkeit

Wir hatten vor Ort keine zusätzlichen Hinweise erhalten, keine Parolen gehört, keine Armbewegungen gesehen, keine verdächtige Kleidung. Möglicherweise haben wir etwas übersehen, das ist nicht auszuschließen. Aber letztlich waren wir in diesem Moment auf Mutmaßungen angewiesen - und mussten daher deutlich machen: Die Antifa hat Menschen angegriffen, die sie offensichtlich für Rechtsextremisten hielt. Ob sie das aber tatsächlich waren, können wir nicht sicher sagen.

Hätten wir auf diese Einschränkung verzichtet, hätte vermutlich (!) niemand protestiert. Aber eine Berichterstattung, die Mutmaßungen zu Fakten erklärt, ist nicht mehr objektiv - und verliert langfristig ihre Glaubwürdigkeit.

von Froben Homburger

 

Ihre Kommentare
Kopf

vermutlich ein Name

25.08.2015
!

Aber das es Linke und nicht nur vermutlich Linke waren hat der dpa-Schreiber durch einen selbstdurchgeführten Gesinnungstest sofort analysiert?


KFR

25.08.2015
!

dumm nur , dass hunderte PresseOrgane die dpa Inhalte ungeprüft per control-a control-c control-v ( Zahlung erfolgt automatisch ) übernehmen ..und den " treu deutschen " Submissions Journalismus ebenfalls bis auf die Knochen blamieren !


Kristian

25.08.2015
!

Schaulust bei rassistischen Krawallen ist nicht rechtsextrem, aber rechts. Da in der Überschrift auch nur von Rechten die Rede war, war das "vermutlich" unnötig.


SD

25.08.2015
!

Die Option, dass das auch völlig harmlose Leute gewesen sein könnten, impliziert halt, dass die Linken auch völlig harmlose Leute angreifen würden. Die Formulierung legt nahe, dass der Autor das für ebenso gut möglich hält, wie dass es Rechtsextreme waren. Es wäre aber doch sehr ungewöhnlich, dass Antifas einfach auf irgendwen losgehen würde. Es wird hier eine Story mit zwei Varianten verbreitet, ohne darzulegen, dass eine davon relativ unrealistisch ist.


SD

25.08.2015
!

Der Grund, warum das kaum hinterfragt wird (und vielleicht auch, warum der Autor sich entschieden hat das so einzuschätzen), ist weil viele Menschen es für gut möglich halten, dass Antifas einfach irgendwen angreifen. Das wiederum liegt daran, dass das in solchen Texten wie hier als plausible Variante der Geschehnisse dargestellt wird. Die Katze beißt sich hier in den Schwanz. Und das ist ein Problem.


Martin

25.08.2015
!

Der Punkt ist doch, dass diese Meldung sich gut verkauft. Im Gegensatz zu Texten, warum die Polizei die Demonstranten wegschickt, obwohl die Demo bis 1 Uhr (also 2,5 Stunden länger) angemeldet ist, oder über die 2 schwerverletzten Demonstranten (Halswirbelbruch u.a.). Alles weitere wurde in den Kommentaren vor mir richtig gesagt.


Silberstreif

25.08.2015
!

Vielleicht hätte es Heidenau auch einfach besser getan, wenn Sie den Artikel mit "250 Heidenauer demonstrieren Menschlichkeit und Unterstützung" überschrieben und diesen Aspekt im Artikel mal deutlicher hervorgehoben hätten. Zu viel Aufmerksamkeit für Hetze und Randale ist kontraproduktiv und das tatsächlich Wichtige gerät zur Bedeutungslosigkeit.
Gutmenschliche Grüße aus dem schwäbischen Süden, wo vereinzelt auch noch geglaubt wird, dass nicht alle Ossis rechts sind.


Jan

26.08.2015
!

Die Argumentation ist verständlich: Vielleicht sind wirklich nicht alle "rechts", vielleicht waren tatsächlich "besorgte Bürger" mit dabei, die Angst vor Überfremdung haben (und deren Ängste muss man ernstnehmen, um ihnen etwas entgegen setzen zu können).

Aber warum wird dann nicht auch von "vermeintlichen Linken" gepsprochen? Vielleicht sind davon nicht alle Links, vielleicht wollen viele einfach mehr Menschlichkeit. Die Überschrift und die Rechtfertigung, dass ist die Verharmlosung!


FS

26.08.2015
!

Nur schade dass auf der einen Seite ganz genau formuliert wird ("vermutlich Rechte"), auf der anderen Seite aber schön schwammig von "Linken" die Rede ist, obwohl von allen Seiten (auch hier) immer explizit von Gewalttätigkeiten durch die Antifa die Rede ist. Warum also nicht "Randale zwischen Antifa und vermutlich Rechten in Heidenau" ?


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