US-Reporter vor laufenden Kameras umgebracht: "Wenn ich die Videos ansehe, verliere ich einen Teil meiner Würde"

 

38 Journalistenmorde führt die Internationale Medienhilfe (IMH) alleine im ersten Halbjahr 2015 auf. Acht Journalistinnen und Journalisten starben alleine beim Anschlag auf die Satirezeitung "Charlie Hebdo" am 7. Januar in Paris. Die Videos, die die Ermordung einer Reporterin und eines Kameramannes am Mittwochmorgen in den USA zeigen, sorgen selbst bei erfahrenen Nachrichtenmenschen für absolute Schockmomente.

38 Journalistenmorde führt die Internationale Medienhilfe (IMH) alleine im ersten Halbjahr 2015 auf. Acht Journalistinnen und Journalisten starben alleine beim Anschlag auf die Satirezeitung "Charlie Hebdo" am 7. Januar in Paris. Die Videos, die die Ermordung einer Reporterin und eines Kameramannes am Mittwochmorgen in den USA zeigen, sorgen selbst bei erfahrenen Nachrichtenmenschen für absolute Schockmomente. Müssen wir uns diese Bilder wirklich ansehen?

Die Journalistin Alison Parker (24) interviewte am Mittwochmorgen für das Frühstücksfernsehen des Lokalsenders WDBJ7 in Moneta im US-Bundesstaat Virginia eine Vertreterin der Handelskammer, als das Feuer auf sie und Kameramann Adam Ward (27) eröffnet wurde. Parker und Ward starben vor den Augen ihres Publikums. Der mutmaßliche Täter ist ein ehemaliger Senderkollege, der sich schlecht behandelt fühlte.

Im Netz kursiert neben den TV-Bildern des Live-Interviews auch ein Video, das vom Täter gemacht wurde und das den Mord an seinen ehemaligen Kollegen zeigt. Es ist grausam, verwackelt und zeigt den Wahnsinn eines Mannes, dessen Motiv offenbar Rache für den Verlust seines Arbeitsplatzes lautet.Überraschenderweise halten sich selbst viele amerikanische Onlinemedien mit der Verbreitung der Videos zurück, die sonst nicht als zimperlich gelten, wenn es darum geht, die niederen Interessen der Fernsehzuschauer zu bedienen. Aber wie sollten Medien und Medienmacher mit den tatsächlich Videos umgehen?

"Virale Verbreitung kann Ziel des Täters gewesen sein"

"Selbstverständlich ist es für Journalisten wichtig, über die Tat zu berichten und aufzuklären, was da genau passiert ist. Wenn ein Attentäter oder Amokläufer Menschen bei einem Live-Interview erschießt, dann steht dahinter aber womöglich die Absicht, eine größere Publizität für die Tat zu erhalten", sagt Mathieu von Rohr, stellvertretender Ressortleiter Ausland beim Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" in Hamburg. "Die virale Verbreitung kann ein Ziel des Täters gewesen sein, das weiß man in den ersten Momenten danach nicht, es ist aber angesichts des Vorgehens durchaus möglich. So wie ich finde, dass Journalisten oder Nutzer von sozialen Medien etwa Hinrichtungsvideos des IS nicht einfach unkritisch weiterverbreiten sollten, halte ich es auch in diesem Fall für richtig, solche Bilder nicht einfach unkritisch weiterzuverbreiten", betont Mathieu von Rohr im Gespräch mit kress. Und fügt hinzu: "Ich möchte dem Täter nicht die Genugtuung geben, seinen Plan für ihn zu Ende zu bringen."

"Warum sollte ich zusehen, wie Menschen sterben?"

"Ich habe das Video nicht angesehen, obschon es mir direkt in die Timeline gespült wurde", sagt die Journalistin und "taz"-Kolumnistin Silke Burmester. "Warum sollte ich zusehen, wie Menschen sterben? Wem nützt das? Weiß ich nicht, wie so etwas aussieht? Der Fakt, dass Menschen erschossen wurden, ist das empörende und verstörende Moment", sagt Burmester zu kress. Für sie steht fest: "Es bleibt empörend und verstörend, auch, wenn ich es nicht sehe. Ich habe das Gefühl, es anzuschauen, bedeutet einen Teil meiner Würde zu verlieren, weil es eine Seite in mir hervorbringen würde, die es in einer zivilisierten Gesellschaft zu zähmen gilt: Die des wilden, geifernden, von jeglicher Kontrolle befreiten Tieres. Ein solches möchte ich nicht sein. Und mit einem solchen möchte ich - im Sinne des gesellschaftlichen Gedankens - nicht zusammenleben müssen", so Silke Burmester zu kress.

Auf Twitter teilen Fernsehsender aus der ganzen Welt inzwischen Bilder unter dem Stichwort #WeStandWithWDBJ ihre Unterstützung mit den US-Kollegen - aufgenommen zumeist im Fernsehstudio zeigen die Motive, dass diese unglaubliche Tat Journalistinnen und Journalisten weltweit bewegt.

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